Wetterau

Der Weihnachtsbaum: Eine fast vergessene Tradition

Es ist Brauch, an Weihnachten einen Tannenbaum zu schmücken. Doch diese Tradition hat sich verändert, nur wenige kennen noch die Geschichte des Weihnachtsbaumes.
19. Dezember 2017, 10:00 Uhr
Anja Rothenstein
Plastikbäume? Die meisten Kunden kommen zurück und sehnen sich nach Nostalgie und Tannenduft, sagen Sybille Wodarz-Frank und Hansjörg Frank. (Foto: Rothenstein)

Am Anfang stand die Tradition. Interessant, dass man nicht so genau weiß, wann und wo der erste Christbaum aufgestellt wurde. Überlieferungen erzählen von geschmückten Bäumen zu Festlichkeiten bereits im Mittelalter. Erst lange Zeit später, das Jahr 1419 wird genannt, tauchten die ersten verzierten Weihnachtsbäume in der Geschichte auf: Nüsse und Früchte schmückten das Tannengrün. Am Ende des 16. Jahrhunderts setzte sich wohl im Elsass der Brauch an Weihnachten durch, sich auch in die Wohnung einen Tannenbaum zu stellen.

Geschmückt wurde der Baum damals in den klassischen Adventsfarben Rot und Grün. Rot symbolisiert das Blut Jesu Christi, das er vergoss, um die Welt zu erlösen, Grün steht für Hoffnung, Leben und Treue. Die ersten Kerzen wurden erst viele Jahre später als Schmuck ergänzt, ebenso wie mundgeblasene Christbaumkugeln. Diese allerdings waren der gehobenen Gesellschaft vorbehalten. Doch im Laufe der Zeit gab es immer mehr und vor allem schönere und buntere Kugeln, an denen sich alle Gesellschaftsschichten erfreuen durften.

Katholiken lehnten Lametta ab

Lametta, schwer und glitzernd, schmückte erstmals um 1878 die Weihnachtsbäume in Franken. Die katholische Kirche stellte sich anfangs gegen diesen Brauch. Sie besaß nämlich zahlreiche Waldgebiete und wollte vermeiden, dass diese in der Weihnachtszeit vom Volk geplündert wurden.

Und heute? Ist vieles anders. Die Farben Rot und Grün wichen Pink und Schwarz und stellen Fantasie und Kreativität der Menschen jedes Jahr aufs Neue auf die Probe. Über das moderne Weihnachtsbaumgeschäft plauderte Hansjörg Frank von der Firma Wodarz mit der Wetterauer Zeitung. Wie kommt man auf die Idee, Weihnachtsbäume zu verkaufen? »Ganz einfach«, lacht er. Vor einigen Jahrzehnten lernte er auf einer Party ein Mädchen kennen, die beiden verliebten sich und heirateten. Aus dem Mädchen wurde längst eine Frau, die ein Familiengeschäft erbte, und das war eben der Weihnachtsbaumverkauf. Seit über 30 Jahren ist die Familie Wodarz im Christbaumgeschäft tätig. Erstmals findet der Hauptverkauf in Bad Nauheim statt. Hansjörg Frank und seine Ehefrau Sybille Wodarz-Frank stehen nebst Kollegen bei Regen, Schnee und Wind ihren Kunden mit fachmännischem Wissen und Informationen über Weihnachtsbäume zur Seite. Glühwein und Weihnachtsbier, Bratwurst und Schokolade sollen dem Kauf einen entspannten und gemütlichen Touch verleihen. »Unsere Idee war es bereits vor 15 Jahren, mit einer Leckerei in der Hand durch unsere Tannen zu schlendern und sich ohne Stress und Hektik den passenden Baum auszusuchen«, sagt Frank. Etwas Wertvolles in der heutigen Zeit.

Eine Saison gibt es nicht

Bereits im Oktober beginnt die Christbaumsaison. Dann beginnen Städte, Hotels und Institutionen, ihre Dekorbäume zu planen. Dabei sei es wichtig, in Bezug auf Größe, Beschaffenheit und Ausstattung die Kunden kompetent zu beraten, sagt Frank. Aber wer und was bestimmen die Auswahl der Bäume, die zum Kauf angeboten werden? Frank muss nicht lange überlegen. »Grundsätzlich unterscheiden wir uns in unserer Familientradition von den Straßen- oder Baumarktverkäufen darin, dass wir unsere Bäume aus ganz bestimmten Kulturen aussuchen.« Bäume dieser Qualität und dieses Aussehens finde man nicht im Wald. Frank und sein Team streifen bereits ab März regelmäßig durch die Kulturen, pflegen, schneiden und richten Tannen her, bis zum gewünschten Ergebnis zur Weihnachtszeit.

Und was sagt der Christbaum-Experte zu Leuten die sich für Plastikbäume entscheiden? »Das sehen wir als Christbaumverkäufer mit langer Tradition ganz entspannt«, erwidert Frank. Die meisten Kunden kämen nach einigen Jahren doch wieder zurück mit dem Wunsch nach Natürlichkeit, Tannenduft und Nostalgie.

 

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Mehr als zehn Jahre Wachstum

Ein Christbaum wächst nicht in einem Jahr. 10 bis 13 Jahre braucht eine Tanne, um erwachsen zu werden. Gemeinsam mit Kollegen im Schwarzwald oder im Sauerland züchtet Hansjörg Frank die Bäume gezüchtet. Tut es nicht weh, wenn nach all den Jahren ein Baum gefällt wird und nach zwei Wochen achtlos auf der Straße landet? »Nein«, sagt der Baumverkäufer und fügt erklärend hinzu, dass für jeden gefällten Baum zwei bis drei neue Bäumchen gepflanzt werden. Damit erhalte man die Wälder auf natürliche Weise. (anr)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Der-Weihnachtsbaum-Eine-fast-vergessene-Tradition;art472,363825

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