Gebannt blicken knapp 200 Besucher, darunter etliche Kinder, 70 Minuten lang ohne Unterbrechung auf die Bühne im Konzertsaal der Trinkkuranlage. Dort wird das weltberühmte Musiktheater-Werk für kleines Ensemble, das der russische Komponist Igor Strawinsky in Zusammenarbeit mit dem Waadtländer Dichter Charles-Ferdinand Ramuz 1918 schuf, aufgeführt. Das spannende Stück erzählt eine ebenso tragische wie zeitlose Geschichte eines Soldaten. Dieser verkauft seine Geige (= Seele) dem Teufel gegen ein Buch, das ihm Reichtum ermöglicht. Der Teufel will den Zauber der Musik besitzen und lässt sich vom Soldaten das Geigenspiel beibringen. Nach drei Jahren und nicht bereits nach drei Tagen wie der Soldat glaubt, kehrt er in seinen Heimatort zurück. Er gilt als fahnenflüchtig, seine Mutter und seine Freunde erkennen ihn nicht mehr, seine Braut hat einen anderen geheiratet.

Der Soldat wird mithilfe des Buches zwar reich, ist aber unglücklich. Er entdeckt seine Geige bei dem als Krämer verkleideten Teufel. Zu seinem Entsetzen kann er dem Instrument keinen Ton mehr entlocken. Verzweifelt zerreißt er das Zauberbuch und wirft die Geige weg. Da hört er von einer schwermütigen Prinzessin, die denjenigen heiraten will, der sie heilt. Gerettet werden kann die Prinzessin vom tapferen Soldaten nur durch sein Geigenspiel. Der Soldat spielt mit dem Teufel Karten, um seine Geige zurückzubekommen.

Zwar gewinnt der Teufel alle Spiele, fällt am Ende aber betrunken um. Der Soldat nimmt dem Teufel die Geige ab, rettet die Prinzessin mit drei Tänzen. Als der Soldat gegen die Abmachung mit dem Teufel seinen Heimatort betritt, wird er von ihm in die Hölle gejagt. Das Stück endet mit dem Triumphmarsch des Teufels. Die Moral dieses musikalischen Märchens, indem der Erste Weltkrieg nachklingt, lautet: »Man soll zu dem, was man besitzt, begehren nicht, was früher war. Man kann zugleich nicht der sein, der man ist und der man war. Man kann nicht alles haben. Was war, kehrt nicht zurück.« Erzählt wurde die Geschichte musikalisch von sieben Musikern des HR-Sinfonieorchesters unter Leitung von Karin Hendel. Temperament- wie gefühlvoll interpretiert wurde Strawinskys außergewöhnliche Musik von Geiger Maximilian Junghans, Kontrabassist Simon Backkhaus, Trompeter Balázs Nemes, Posaunist Norwin Hahn, Klarinettist Tomaž Mocilnik, Fagottist Daniel Mohrmann und Schlagzeuger Holger Roese. Strawinskys Musik spielt mit den Klangeffekten einer Jahrmarktszenerie. Zu hören war eine knallbunte Mischung aus Tango, Pastorale, Marsch, Walzer, Ragtime und Choral.

Komplexe Rhythmen

So fällt der Marsch aus dem Schritt, im Königsmarsch quietschen kunstvoll Misstöne zu höchst komplexen Rhythmen. Die Rollen der Darsteller übernehmen die von Puppenspieler Klaus Dreier zum Leben erweckten Figuren des Laubacher Figurentheaters. Musiker Dreier lässt seine Puppen sich mit traumwandlerischer Perfektion zur Musik bewegen oder tanzen. Skizziert wurde die Handlung von Schauspieler Günther Henne vom Theaterhaus Ensemble Frankfurt.

Der Text wird teils in Gedichtform von ihm zusammen mit der Musik rhythmisch deklamiert, teils als Drama gesprochen. Lesung, Aktion und Pantomimik reihen sich in dem ungewöhnlichen Kammerspiel höchst originell aneinander. Die Aufführung bot Theater und Musik in einem mit einer fesselnden Geschichte. Die Wirkung der pulsierenden Farben und Töne voller Lebensfreude verfehlen wie das tragische Ende ihre Wirkung nicht. Das Publikum bedankte sich mit anhaltendem Applaus bei Erzähler, Musikern und Puppenspieler. »Es war schön«, lobte Elena (8), die Trompete spielt. Witold (13, Klavier und Bratsche) befand: »Das Stück ist sehr schön und witzig«. »Ich fand es sehr interessant, vor allem, weil man Bild und Ton zusammen hatte«, sagte Roman (15, Gitarre und Klavier).

Das HR-Sinfonieorchester gab seine Premiere in der Kurstadt. Ermöglicht wurde diese durch die Kooperation zwischen dem Orchester und dem Förderverein Sinfonische Musik Bad Nauheim.

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