14. Mai 2019, 20:12 Uhr

Der Krieg frisst seine Kinder

14. Mai 2019, 20:12 Uhr
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Von Gerhard Kollmer

Trommelwirbel vor dem Badehaus 2, der Spielstätte des Theater Alte Feuerwache (TAF): Wolfgang Sünkel begrüßt als »Feldprediger« die zahlreich erschienenen Zuschauer. Sodann begibt sich der Tross auf den Weg zur Johanneskirche, dem heutigen Spielort. Dort begrüßen Chor und vierköpfige Band die Angekommenen lautstark mit Songs wie »Hurra, diese Welt geht unter« oder »Ein bisschen Frieden«.

Damit beginnt die zweieinhalbstündige Aufführung von Bertolt Brechts im April 1941 im Zürcher Exil uraufgeführtem Klassiker »Mutter Courage und ihre Kinder - eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg«. Laut Programmheft tragen gut 50 Ensemblemitglieder, Musiker, Sänger, Techniker zum Erfolg der von Pia Nußbaum verantworteten Inszenierung in ungewohnter Umgebung bei. Die Schauspieler sind ständig präsent - entweder auf der kreisrunden Drehbühne oder deren Rückseite in einer Art überdimensionalem, meterhohen »Setzkasten«.

Obszöne Lagerhure

Obwohl oder eher weil Mutter Courages Planwagen und andere traditionelle Requisiten sechs kargen, leeren Metallkisten als einziger Bühnendekoration weichen müssen, gelingt es den Akteuren, einen überaus dichten - in seiner Mischung aus Komik, Tragik, Zynismus, Brutalität, Lächerlichkeit frappanten - Eindruck des Kriegsgeschehens aus der Perspektive »von unten« zu evozieren. Brecht hätte - episches Theater hin, Verfremdungseffekt her - an diesem jugendlich-beherzten Entstauben seines Klassikers helle Freude gehabt.

Sandra Meißner gibt eine kämpferische, fast immer unter Hochspannung agierende »Courage«, wie man sie sich facettenreicher, glaubwürdiger nicht denken kann. Um am Krieg, wie sie in Verkennung der harten Tatsachen sagt, »ihren Schnitt zu machen«, scheut sie vor unwürdigem Gefeilsche, Lug und Trug nicht zurück - ohne doch dabei je ihre Menschlichkeit zu verlieren. Schließlich tut sie ja alles fürs Wohl ihrer drei Kinder - die stumme, zerbrechliche, träumerische Katrin (Fee Nußbaum), den tumben Haudegen Eilif und den braven Schweizerkäs. Beide Söhne fallen der brutalen »Logik« des großen Massenmordens zum Opfer. Johannes Böhm und Rory Taylor verkörpern die in ihrem Naturell so unterschiedlichen, ihrer naiven Hilflosigkeit so gleichen Söhne auf bewegende Weise.

»Wer mit dem Teufel Karten spielen will, braucht einen langen Arm«: Courages Lebensklugheit bewahrt sie nicht vor fataler Fehleinschätzung. Sie glaubt »ihren Schnitt zu machen«, und ist doch Verliererin - wie fast all die anderen. Diese ihre Lernunfähigkeit wird durch Sandra Meißners empathisches Spiel geradezu sinnlich greifbar. Wir empfinden Mitleid - auch wenn das nicht in Brechts Sinn war.

Ein weiteres Glanzlicht setzt Natalie Peterek als obszön gewandete Lagerhure Yvette dem Spektakel auf. Dank ihrer moralfreien Bereitschaft, es jedem Mann gegen Entlohnung zu »besorgen«, scheint sie als Einzige vom Krieg zu profitieren - um den Preis völliger charakterlicher Verwahrlosung.

Wolfgang Sünkel mimt - abstoßend und faszinierend zugleich - einen salbadernden, verlogenen Feldprediger, der auch nicht einen Augenblick auf den Spuren Jesu wandelt. Evangelisch, katholisch - beides belanglos. Und wo bleibt Gott, so es ihn denn gibt? Er hat sich fassungslos aus seiner missratenen Schöpfung zurückgezogen.

Schließlich Gunnar Bolsinger: Als einfältig-verschlagener Feldwebel steht er für den typischen »Landsknecht« als Täter und Opfer.

Bewegendste Szene des Abends: Kathrin warnt die Einwohner Magdeburgs durch ohrenbetäubendes Getrommel vor dem nächtlichen Angriff der Katholischen und wird kurz darauf erschossen. In stummer Trauer streichelt ihr, die sich doch so nach Geborgenheit sehnte, die Mutter übers Haar.

Ein gespenstischer, von zuckenden Lichtblitzen erhellter Hexensabbat, zu dem sich alle Akteure mit schwarzen Henkerkappen auf der Bühne einfinden, steht am Ende des frenetisch bejubelten Spektakels. Welch wunderbares Geschenk zum 30. Geburtstag des TAF.



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