21. Oktober 2017, 12:00 Uhr

Streit um die Kaserne

Denkmalschutz setzt sich gegen Rathaus-Pläne durch

Dem Friedberger Architekten Michael Bender ist es zu verdanken, dass die Mannschaftsgebäude der Kaserne unter Denkmalschutz gestellt werden. Im Rathaus sieht man dies nicht gerne.
21. Oktober 2017, 12:00 Uhr
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Von Jürgen Wagner
Historisch wertvoll: Die Gebäude im Norden der ehemaligen US-Kaserne bleiben erhalten – gegen die Widerstand der Stadt. (Foto: Nici Merz)

Die Kaserne taucht in der 1100 Seiten starken »Denkmaltopographie« für die westliche Wetterau fast gar nicht auf. Die Karte von Friedberg zeigt ein weißes Feld, in den Erläuterungen heißt es knapp: »Die älteren erhaltenen Kasernengebäude sind ... nicht von solcher historischer Prägnanz, dass sie unter Denkmalschutz gestellt werden müssten.« Michael Bender sieht das anders. In seiner 2008 erschienenen Diplom-Arbeit »Konversion der Ray Baracks in Friedberg« hat sich der Friedberger Architekt intensiv mit der Kaserne und ihrer zivilen Nutzung beschäftigt. Die alten Mannschaftsgebäude im Norden der Kaserne, die aus der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs stammen, hält er für unbedingt erhaltenswert.

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Michael Bender

Bender, der in Frankfurt in der Denkmalpflege gearbeitet hat, nennt drei Argumente: Städtebaulich seien die Gebäude und Innenhöfe interessant. Künstlerisch ebenso: »Wer genau hinschaut, wird viele Details erkennen.« Giebel und Gauben etwa orientieren sich am Schloss in der Burg. Drittes Argument: »Ich halte es für wichtig, dass jüngere Leute diese Bauten live erleben und nicht nur aus Büchern.« Das sieht das Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden genauso. Wie Denkmalpflegerin Kristin Schuberth der WZ sagte, wurden mehrere Besichtigungen vorgenommen, eine vorläufige Kartierung wurde erstellt. »Es gibt aber noch Abstimmungsbedarf mit der Stadt.«

Wird Bürgermeister Keller auf die Gebäude angesprochen, zitiert er gerne einen Satz, den Kultusminister Prof. Ernst Schütte 1960 bei der Einweihung der Adolf-Reichwein-Schule sagte: »Demokraten bauen Schulen, die Nazis haben Kasernen gebaut.« Städtebaulich gebe es keine Verbindung zwischen Stadt und Kaserne. Keller hat stets den Abbruch gefordert. »Jetzt müssen wir mit den Gebäuden leben und arbeiten.«

Elvis-Baracke bleibt erhalten

Während seines Studiums an der Bauhaus-Universität Weimar besuchte Bender immer wieder seine Heimatstadt, bekam vom US-Kommandeur die Erlaubnis, die Kaserne zu besichtigen und Fotos zu schießen. Er kontaktierte unzählige Behörden, stand auch mit dem Landesamt für Denkmalpflege in engem Kontakt. Im September 2009, nach Vollendung seiner Diplomarbeit, unterstrich er in einem Brief nach Wiesbaden die Schutzwürdigkeit der Gebäude. Das Denkmalschutz-Verfahren setzte sich in Gang. Neben den Mannschaftsgebäuden sollen auch zwei weitere Bauten unter Schutz gestellt werden: eine Wellblechbaracke im Norden und die Baracke, in der einst Elvis Presley nächtigte.

Als der Leiter der Denkmalerfassung eine Kasernenbesichtigung mit der Rathausspitze anberaumte und Bender als Fachmann dabei haben wollte, wurde das seitens des Rathauses abgelehnt. Bender war ausgesperrt. Seine Diplom-Arbeit hat er mehrfach öffentlicht vorgestellt, in Ausstellungen und Vorträgen. Die Stadtverwaltung zeigte Interesse an der Arbeit, wollte sie aber laut Bender an Planungsfirmen weiterreichen und bot ihm einen dreistelligen Geldbetrag. Alleine die Materialkosten der aufwändig erstellten Arbeit betrugen mehr als das Zehnfache. Bender lehnte es ab, dass andere Architekten seine Entwürfe ausschlachteten.

Ideen abgekupfert?

Seither wundert sich der 41-Jährige immer wieder, dass vieles von dem, was er in seiner Diplomarbeit vorschlug, in den Plänen der Stadt auftaucht (siehe Infokasten). »Das Konzept nähert sich immer mehr meiner Diplom-Arbeit.« Eigentlich könnte Bender stolz sein; viele seiner vor bald zehn Jahren gemachten Vorschläge finden Berücksichtigung. So falsch konnte sein Konzept also nicht sein. Aber er wundert sich dann doch ein wenig: Einerseits sei ihm im Rathaus zunehmend die Tür gewiesen worden, andererseits würden seine Ideen abgekupfert.

Als der Kunstleistungskurs des Burggymnasiums Anfang 2009 mit Benders Unterstützung eigene Pläne für die Kaserne entwarf, schufen die Schüler hölzerne Elvis-Figuren. Vier Monate später, zum Elvis-Weekend im August, ließ die Stadt auf dem Kreisel am Globus-Baumarkt eine überlebensgroße Elvis-Statue aufstellen, die frappant an die Schüler-Entwürfe erinnert.

 

 

 

Infobox

Auffällige Parallelen

Viele der Ideen, die in der Kaserne entwickelt werden sollen, finden sich schon in Michael Benders Diplom-Arbeit: Mehr Wohn- als Industrieflächen, THM-Campus, Dienstleistungs- und Technologiezentrum, durchgehende Grünzüge, Platz für Stadthalle, Hotel und Kita. Bender schlug auch die Gründung einer Entwicklungsgesellschaft vor. Das könnte als nächstes folgen. Infos über seine Diplom-Arbeit gibt’s im Internet unter wartberg-friedberg.de. (jw)



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