Wetterau

Dem Feldhamster auf der Spur: Naturschützer durchkämmen Wetterauer Äcker

Die Feldhamster erwachen aus dem Winterschlaf, und Melanie Albert ist ihnen auf den Fersen. Hessens einzige hauptamtliche Hamsterschützerin ist um Wölfersheim und Dorheim unterwegs.
30. April 2019, 14:00 Uhr
Eva Diehl
Feldhamster
Um einen Feldhamster zu sehen, muss man Glück haben. Die bis zu 35 Zentimeter langen Nager sind dämmerungsaktiv und zudem sehr scheu.

Graue Wolken hängen zwischen Dorheim und Melbach. Es nieselt, als sechs Gestalten mit Kapuzen langsam über ein Feld gehen, den Blick gesenkt. Auf dem Boden des noch grünen Getreideackers suchen sie nach acht Zentimeter großen Löchern, unter denen sich bis zu zwei Meter tiefe Röhren verbergen: die Heime der Feldhamster. »Im letzten Jahr fanden wir rund 30 Baue«, sagt Melanie Albert, die die Gruppe leitet. »Im Frühjahr sehen wir, ob die Hamster aus dem letzten Jahr überlebt haben.« Noch sind sie nicht fündig geworden, aber das Gebiet, in dem hier Hamster leben, ist groß: 7000 Hektar Feldhamsterland.

Ab Ende April erwachen Feldhamster aus dem Winterschlaf. Die einzige hauptamtliche Hamsterschützerin Hessens ist daher für mehrere Tage auf Getreideäckern um Wölfersheim, Dorheim und Reichelsheim unterwegs. Auf rund 700 Hektar will sie die vom Aussterben bedrohten Nager stichprobenartig aufspüren, ihre Bauten vermessen, auf einer Karte einzeichnen und Schutzmaßnahmen anstoßen. Das geht aber nicht allein. Ehrenamtliche Helfer gehen mit ihr die Felder ab, darunter zwei Wölfersheimer.

Der Hamsterschutz kommt auch anderen Arten zugute

Harald Barzen, freiwilliger Helfer

»Die Wetterau ist einer der besten Lebensräume für Feldhamster in Hessen«, sagt die 33-jährige Biologin und zeigt auf eine Karte. Große Teile von Butzbach über Rockenberg bis Bad Nauheim sowie um Wölfersheim sind darauf grün gefärbt: alles Feldhamsterland. Damit das so bleibt, kontrolliert sie die Bestände jedes Jahr in Teilen der Gebiete. Nach der Wetterau sind Felder um Pohlheim, Langgöns und Frankfurt dran – jeweils im Frühjahr und im Sommer.

 

Landwirte als Hamsterschützer: Bis 3000 Euro Entschädigung pro Hektar

Um in verschlafene Knopfaugen zu blicken, muss man allerdings Glück haben. »Ich habe letzte Woche einen Hamster gesehen, aber das ist sehr selten«, sagt Albert. »Sie sind dämmerungsaktiv und flüchten sofort, wenn etwas raschelt.« Harald Barzen von der Wölfersheimer Natur- und Vogelschutzgruppe hat den bis zu 35 Zentimeter langen Nager noch nie gesehen und ist eigentlich eher Vogelfan. Trotzdem läuft er mit – durch Regen, durch Matsch. »Das Wetter ist nicht optimal«, sagt er. »Aber der Hamsterschutz kommt auch anderen Arten zugute.«

Feldhamsterschutz betreiben letztlich die Landwirte. Wo Albert und ihr Team auf Bauten stoßen, schlagen sie gezielte Schutzzonen für Hamster vor, in denen Getreide nicht geerntet, sondern bis Oktober stehen gelassen wird. Zwischen den hohen Halmen können sich die Nager vor Raubvögeln verstecken. Nicht nur Hamster, auch Rebhuhn, Feldlerche und Co. finden in der Ackerstreifen Schutz. Die meisten Landwirte seien dafür offen, sagt Albert. Zudem winkten 3000 Euro pro Hektar an Entschädigung.

»Feldhamster gab es früher viel häufiger. Kleine Äcker mit häufigen Fruchtfolgen boten gute Bedingungen«, sagt Eberhard Kloss, der in Regenjacke und Gummistiefeln im Feld steht. Das Mitglied des NABU Wölfersheim ist schon im zweiten Jahr ehrenamtlich dabei. »Nun ist der Hamster vom Aussterben bedroht. Wenn wir ihn nicht schützen, wird er irgendwann in der Natur fehlen.«

 

Hamster bei Wöllstadt nicht mehr anzutreffen

Dem Hamster geht es an den Pelz – das sieht man sogar in der Wetterau. Südlich von Wöllstadt gibt es keine Hamster mehr, obwohl sie früher dort lebten, wie die Daten der Hamsterschützer zeigen. Für Hessen schätzt Albert den Bestand auf eine vierstellige Zahl. Gefährdet ist er durch intensive Landwirtschaft, Verkehr und Fressfeinde.

Als Regionalkoordinatorin für Hessen setzt sich Albert bei Behörden, Landwirten und in der Öffentlichkeit für den Hamsterschutz ein, unterstützt Ehrenamtliche und untersucht, wo Hamster in Hessen vorkommen. Angestellt ist sie bei der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) in Echzell; ihr Büro liegt im Gießener Europaviertel. Bezahlt wird sie vom Bundesschutzprojekt Feldhamsterland, das Hamsterschützer auch in Thüringen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz finanziert.

Der Hamster ist nur ein Indikator für ein größeres Problem

Melanie Albert, Regionalkoordinatorin für Hamsterschutz in Hessen

Warum so viel Wirbel um einen Nager? »Hamster sind sehr niedlich«, sagt Albert und lacht. »Aber im Ernst, sie gehören zu unserer heimischen Feldflur, die es zu bewahren gilt.« Es gehe auch darum, politisch etwas zu bewegen. »Der Hamster ist nur ein Indikator für ein größeres Problem: die ausgeräumte Agrarlandschaft. Wir müssen sie dringend umbauen, wenn wir das Ökosystem langfristig erhalten wollen.«

Info

Freiwillige Helfer gesucht

Wer Lust hat, sich für Wetterauer Feldhamster zu engagieren, kann im Sommer um Wölfersheim und Dorheim mithelfen. Dort sind Naturschützer vom Projekt Feldhamsterland im Juli und August unterwegs, um die Nager aufzuspüren. Genauer gesagt suchen sie die Baue der Feldhamster in Getreidefeldern. Um Äcker abzulaufen, werden freiwillige Helfer gesucht. Mitmachen kann jeder, der gerne draußen und gut zu Fuß ist. Die Daten sollen helfen, die letzten hessischen Bestände besser einzuschätzen und zu schützen. Nähere Infos gibt Melanie Albert, Regionalkoordinatorin für Hessen, unter melanie.albert@feldhamster.de. Wer mehr über den Feldhamster erfahren will, kann die Biologin zudem kostenlos für einen Vortrag buchen.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Dem-Feldhamster-auf-der-Spur-Naturschuetzer-durchkaemmen-Wetterauer-AEcker;art472,583056

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