30. Mai 2019, 18:18 Uhr

Kerckhoff-Klinik

Defekter Defi: Telemedizin rettet Rentner das Leben

Drei Herzinfarkte hat Gerhard Wosnitza hinter sich, ein Defibrillator soll für Sicherheit sorgen. Geht die Technik kaputt, kann die Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik per Telemedizin eingreifen.
30. Mai 2019, 18:18 Uhr
Über eine Online-Plattform können Oberarzt Andreas Hain und Herzschwäche-Assistentin Julia Schmitt überprüfen, ob mit dem Herzen von Gerhard Wosniza alles in Ordnung ist. (Foto: Nici Merz)

Das Herz schlägt 100 000 Mal am Tag, und trotzdem halten die Elektroden viele Jahre«, sagt Dr. Andreas Hain. Der Oberarzt der Elektrophysiologie sitzt in einem Konferenzraum der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik, neben ihm sein Kollege Privatdozent Dr. Johannes Sperzel, leitender Oberarzt in derselben Abteilung. Zu seiner Rechten sitzt ein Mann, der dank modernster Technik noch am Leben ist: Gerhard Wosnitza, 67 Jahre alt, aus Assenheim. 2005, 2007 und 2010 erlitt Wosnitza einen Herzinfarkt. Laut Hain besteht deshalb ein erhöhtes Risiko für bösartige Herzrhythmusstörungen. Deshalb bekam der Niddataler vor acht Jahren einen Defibrillator eingebaut, der im Fall der Fälle einen Stromstoß erzeugen und somit Leben retten soll. Alle sechs bis acht Monate schauen die Spezialisten in der Kerckhoff, ob mit dem Gerät noch alles in Ordnung ist.

Neulich gab es einen ernsten Zwischenfall: Wosnitza fällt einen Baum, durch die Hebebewegungen brach die Elektrode, die den Defi mit dem Herzen verbindet. Der Assenheimer spürte seinen Rücken vom Graben; was in seiner Brust vor sich ging, bemerkte er nicht. Doch sein Defibrillator ist über einen Messenger mit einem Rechner in der Kerckhoff-Klinik verbunden. Dort sehen die Experten, wie es dem Herzen des 67-Jährigen geht. Telemedizin nennt man das.

Die Daten von Herzpatienten schlagen auf einer Plattform auf, in die sich Hain, Sperzel und deren Kollegen einloggen können. Nicht nur Defibrillatoren sind auf diese Weise zugeschaltet, sondern beispielsweise auch Herzschrittmacher. Bei Wosnitzas Daten wurde schnell deutlich, dass mit dem Gerät in der Brust etwas nicht stimmte. Herzschwäche-Assistentin Julia Schmitt rief den 67-Jährigen an, Wosnitza rückte in der Kerckhoff-Klinik an, die Elektrode wurde neu eingesetzt.

»Die Elektrode ist praktisch die Brille des Defis«, erklärt Sperzel. Eine Brille müsse richtig angepasst sein, damit man gut sehen könne, und eine Elektrode müsse an der richtigen Stelle des Herzens sitzen, dessen Signale richtig erkennen und an den Defibrillator weiterleiten.

Doppeltes Risiko

Weil die Elektrode gebrochen war, bestand laut Oberarzt Hain ein doppeltes Risiko: Zum einen hätte der Defi einen Stromstoß erzeugen können, weil das Gerät von echten Herzrhythmusstörungen ausgehen musste. Das wäre bei vollem Bewusstsein ziemlich schmerzhaft gewesen und wurde wohl nur dadurch verhindert, dass Wosnitza mit der Gartenarbeit gerade fertig war, sich nicht weiter anstrengte. Zum anderen funktionierte das System nicht mehr. Hätte also der Niddataler tatsächlich in der Zeit danach Herzrhythmusstörungen gehabt, hätte der Defi versagt. Eine tödliche Gefahr, die dank Telemedizin gebannt wurde. Für Wosnitza schon zum zweiten Mal: 2010 hatte er bereits an dem Projekt teilgenommen. Über einen EKG-Gurt wurde sein dritter Herzinfarkt festgestellt, der Notarzt raste herbei.

Dank Telemedizin wird auch gemeldet, dass in drei Monaten die Batterie des Defis leer sein wird. Bei einem Patienten wurden aus der Ferne Herzrhythmusstörungen festgestellt, die ihre Ursache in einem gestörten Blutsalz-Haushalt hatten. Der Patient wurde einbestellt, bekam Infusionen.

Netzwerk wird ausgebaut

Die Kerckhoff wolle ihren Telemedizin-Bereich in enger Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten als Netzwerk weiter ausbauen, sagt Hain. Es gehe darum, beim Patienten frühzeitig Veränderungen zu erkennen, ihm damit mehr Sicherheit zu geben. Letztlich sparten Patienten auch Wege zur und lange Aufenthalte in der Klinik - auch ein volkswirtschaftliches Argument.

Für Gerhard Wosnitza geht es erstmal um seine Gesundheit. »Die Sicherheit ist groß«, sagt er. Deshalb ließ er sich auch eine Reise nach Südafrika nicht nehmen. Und das Radfahren ist ihm wichtig - »da fange ich nicht unter 50 Kilometern an«, sagt der Patient, während unterhalb seines Schlüsselbeins ein kleines Gerät sitzt, das mit der großen weiten Welt der Telemedizin verbunden ist.

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