16. November 2018, 21:07 Uhr

Das wirkliche Leben

Diese Stummfilme kennt kaum jemand. Verborgene Schätze aus Archiven, die Bad Vilbel in vergangenen Zeiten zeigen. Nina Goslar hat Aufnahmen der 20er bis 40er Jahre aus den Archiven geborgen. Daraus ist das Stummfilm-Projekt »Kino Varieté« geworden. Doch bis es so weit war, hatte sie mit Schimmel und sich zersetzenden Filmrollen gekämpft.
16. November 2018, 21:07 Uhr
AG
Hassia ist in Bad Vilbel vsehr präsent – auch vor 80 Jahren . (Fotos: pv/ag)

Frau Goslar, Sie haben als eine der wenigen die 80 Jahre alten Filmaufnahmen schon gesehen. Und? Was war Ihr Eindruck von Bad Vilbel?

Nina Goslar: Ich war erstaunt. Wenn man – wie ich – von außerhalb kommt, kennt man von Bad Vilbel ja meist nur den Kurpark entlang der Nidda oder die Burgfestspiele. Zu sehen, dass sich das alles aus einem örtlichen Dorfkern entwickelt hat, ist toll. Bisher war vor allem der legendäre Freibadfilm bekannt, jetzt können wir eine längere Exkursion durchs alte Vilbel mit Bildern bieten, die wohl nur wenige Menschen in Bad Vilbel kennen. Aus einer Zeit, bevor Bad Vilbel zum Bad, also eine Kurstadt, wurde.

Woher stammt denn das Material für den Film?

Goslar: Ich habe mich bei meiner Suche ganz gezielt an den Bad Vilbeler Verein für Geschichte und Heimatpflege gewendet und außerdem im Stadtarchiv Friedberg gesucht. Im Bundesarchiv und Stadtarchiv Frankfurt hatte ich zuvor nichts finden können.

Und was haben Sie da gefunden?

Goslar Wenn man großzügig rechnet, gut eine Stunde Filmmaterial. Daraus haben wir die besten 15 Minuten genommen. Den berühmten Freibadfilm zeigen wir eins zu eins. Er dauert etwa sechs Minuten. Den Rest habe ich frei zusammengestellt.

Viel ist das ja nicht. Liegt das auch am Zustand der Aufnahmen?

Goslar: Ja, auf dem Bad Vilbeler Film hatte sich zum Beispiel Schimmel gebildet. Das Material hat eine sehr begrenzte Haltbarkeit, gerade das hier verwendete Schmallbildformat Baby-Pathé ist in der Regel nur 50 bis 60 Jahre haltbar. Danach zersetzen sich die Schichten. Den Schimmel sieht man auch, er hinterlässt lauter weiße Punkte im Bild. Das Band müsste eigentlich gewaschen und gereinigt werden. Aber das ist aufwendig und teuer. Wir haben das Material digitalisiert, um es vorführen zu können. Es ist ein großes Glück, dass es die Aufnahmen überhaupt noch gibt.

Können Sie denn nachvollziehen, wer sie gemacht hat?

Goslar: Ja, teilweise. Von dem Film, den wir im Friedberger Archiv gefunden haben, wissen wir beispielsweise, dass ihn eine Produktionsfirma aus Wiesbaden gedreht hat, die schon damals Stadtfilme als Werbung für Touristen erstellte. Da wurde modern gedacht. Es gab zu Stummfilmzeiten etwa schon einen Film über die »goldene Wetterau«. Neben diesen professionellen Aufnahmen haben wir private Amateurfilme genutzt, teilweise Familienaufnahmen, die der Verein für Geschichte und Heimatpflege in seiner Sammlung hatte und die er uns anvertraut hat. Diese Kombination brauchen wir, um den Alltag zu zeigen. Das wirkliche Leben.

Apropos, die Filmaufnahmen stammen ja aus der Zeit, in der Deutschland unter der Diktatur der Nationalsozialisten stand. Sieht man das?

Goslar: Ja, das sieht man. Und es fährt einem schon ein Schreck in die Glieder, wenn man die Hakenkreuzfahnen wehen sieht. Da überlegt man sich zweimal, ob man das mit in den Film hineinnehmen möchte.

In Ihrem Film gibt es das also nicht?

Goslar: Ja, aber dass solche Aufnahmen in der Bad Vilbeler Auswahl nicht vorkommen, liegt nur daran, dass sie zu schlecht waren. Es gibt beispielsweise einen Kameraschwenk an der Nidda entlang zum Kurhaus, auf dem die Hakenkreuzfahnen zu sehen sind. Die Einstellung ist aber zu verwackelt, um sie zu verwenden. Grundsätzlich wollen wir die echten historischen Dokumente zeigen. Es ist ja auch so, dass wir viele Filmaufnahmen aus dieser Zeit erst dem NS-Regime »verdanken«. Deren Landesbildstellen haben beispielsweise viel in der Region gedreht, wenn die Freizeitorganisation der Nazis, »Kraft durch Freude«, Ausflüge veranstaltet hat. Da ist dann eben ab und an ein Uniformierter im Bild zu sehen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Aufnahmen
  • Bundesarchiv
  • Filmaufnahmen
  • Heimatpflege
  • Institut für Stadtgeschichte Frankfurt
  • Kinos
  • Stummfilme
  • Zirkus und Varieté
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos