05. November 2018, 11:00 Uhr

Amtshaus Kaichen

Das rätselhafte Tor im Amtshaus

Es wird gehämmert, gesägt und vermessen in der Kaichener Weed: Das Amtshaus wird saniert. Dabei sind Fachwerk-Profis im Einsatz. Doch immer wieder stoßen sie auf Unvorhergesehenes.
05. November 2018, 11:00 Uhr

Im Alten Amtshaus an der Kaichener Weed zieht es. Ist ja auch kein Wunder: Das Fachwerkhaus ist zurzeit ganz schön löchrig. Es fehlen Fensterscheiben, und im Erdgeschoss steht nur noch das Grundgerüst aus Holzbalken und -ständern. Einzig eine Plane schützt die Handwerker im Inneren vor dem eisigen Wind.

Das denkmalgeschützte Amtshaus – die Kaichener nennen es auch »Alte Schule« – war einst Mittelpunkt des Ortes. Und das soll es jetzt auch wieder werden. Dafür sorgt Architekt Bastian Völler. Er ist auf Denkmalpflege spezialisiert. Im August haben die Arbeiten am Amtshaus begonnen. In knapp einem Jahr sollen sie abgeschlossen sein. Doch bis dahin ist es noch viel Arbeit.

Gerade wird das hölzerne Grundgerüst saniert. »Das ist mit der wichtigste Arbeitsschritt«, weiß Völler. »Die Balken halten das Haus zusammen.« Außerdem geben sie die Struktur vor. Wo sollen Fenster hin, wo eine Tür?

 

Alles zurück auf Anfang

 

Im nächsten Schritt geht es an das Sockelmauerwerk. Das Gebäude muss von unten gegen Feuchtigkeit geschützt werden – die ist ein Feind für die Holzbalken.

Danach sind die Gefache dran, neue Fenster werden eingesetzt und Böden gegossen. Beim Innenausbau setzt Völler auf moderne Gestaltung und Einrichtung. Im Obergeschoss des Hauses entstehen zwei Studiowohnungen, das Erdgeschoss soll öffentlich genutzt werden – als Dorfgemeinschaftsraum. Im Spritzenhaus kommen Toiletten und die Elektrik unter.

Bei solchen Sanierung werde Wert darauf gelegt, dass die Grundstruktur des Hauses wieder in den Originalzustand versetzt wird, um den Denkmalcharakter zu erhalten, sagt Völler. Heißt konkret: Neu eingezogene Wände wieder entfernen, zugemauerte Fenster wieder öffnen und herausfinden, wie das Haus ursprünglich ausgesehen hat. Das Amtshaus sei aber insgesamt noch sehr originalgetreu erhalten.

 

Keine Sanierung wie die andere

 

Bei denkmalgeschützten Gebäuden habe man oft die Möglichkeit, intensiver in der Vergangenheit zu forschen, etwa mit der Hilfe eines Bauhistorikers. Es seien oft kleine Details, die den Ausschlag geben: sogenannte Zapfenlöcher, Kerben im Balken oder die Stellung der Hölzer im Gesamtbild.

Dabei ist keine Sanierung wie die andere. Wenn Völler die Baustelle besucht, gibt es fast immer etwas Neues. Auch heute heißt es wieder, »wir haben da noch etwas gefunden«. Das sei normal bei alten Fachwerkhäusern. »Man weiß nie, was man noch entdeckt.« Sei es ein Fenster an der falschen Stelle, ein Balken, der vom Muster abweicht, ein versteckter Keller oder vorher nicht bekannte Baumängel. Gerade die würden die Kosten für die Sanierung oftmals in die Höhe treiben. Im Amtshaus hat man zum Beispiel, trotz des umfangreichen Schadenskatasters, das im Vorfeld angefertigt worden ist, einen kaputten Deckenbalken entdeckt, der erneuert werden musste.

In der Wetterau gibt es nur wenige Gebäude dieser Art. Deshalb ist es umso wichtiger, sie zu erhalten

Architekt Bastian Völler

Auch deshalb belaufen sich die Kosten für die Sanierung inzwischen auf rund eine Million Euro. 280 000 Euro stammen aus Fördermitteln des Dorferneuerungsprogramms. »Jedem Häuslebauer wird diese Summe völlig übertrieben erscheinen«, sagt Völler. Doch sie sei nötig, damit das Gebäude »auch die nächsten hundert Jahre« überstehe - und das ohne Tricksereien.

Auf der Baustelle geht dabei fast alles von Hand. »Außer Akkuschrauber und einer Kettensäge, haben Elektrogeräte hier nichts zu suchen«, sagt Völler. Man setze auf alte handwerkliche Tätigkeiten und natürliche Materialien – eben genau so, wie es vor 200 oder 300 Jahren auch gemacht wurde. Es sind deshalb auch Handwerker im Einsatz, die auf Fachwerkhäuser spezialisiert sind.

Ein Haus wie das Kaichener Amtshaus sehen die aber auch nicht alle Tage: »In der Wetterau gibt es nur wenige Gebäude dieser Art«, weiß Völler. »Nicht jeder Ort hat ein Amtshaus. Und deshalb ist es umso wichtiger, dieses zu erhalten.«

 

Wer kennt das rätselhafte Tor?

Aktuell beschäftigt Architekt Bastian Völler ein rätselhaftes Tor an der Nordfassade des Amtshauses (beim Spritzenhaus). »Die Stellung der Balken und Ständer dort kam uns seltsam vor«, erzählt er. »Deshalb haben wir die Balken mal genauer untersucht und verschiedene Anhaltspunkte dafür gefunden, dass dort früher mal ein Tor war.« Das bestätigte kürzlich auch ein aus Wiesbaden angereiste Bauhistoriker. Er vermutet, dass das Tor zu einer Remise, einer Art Garage, führte, die vielleicht der Amtsmann genutzt hat. Auf Fotos und Zeichnungen, die dem Architekten bisher vorliegen, ist davon aber nichts zu erkennen.

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Dort, wo sich jetzt Fenster befinden, könnte früher ein Tor gewesen sein.

Die WZ und Bastian Völler fragen deshalb: Wer hat Kenntnis von dem Tor an der Nordfassade (beim Spritzenhaus) und einer daran angeschlossenen Remise? Wer kennt beides vielleicht von Abbildungen oder Erzählungen? Hinweise können per E-Mail an redaktion@wetterauer-zeitung.de oder telefonisch an 0 60 32/94 25 31 abgegeben werden.

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