14. Oktober 2019, 20:17 Uhr

Das milde Licht der Kaiserstraße

14. Oktober 2019, 20:17 Uhr
WZ-Redakteur Jürgen Wagner begibt sich musikalisch auf die Suche nach dem Nudelsieb: Er singt »Ring of Seiher« frei nach Johnny Cash. (Foto: gk)

Es lag nicht am Ebbelwoigenuss allein, dass die 24 Gäste der »Literaturtafel« in der Buchhandlung Bindernagel am Freitagabend so schnell in Stimmung kamen. Neben dem von Thomas Schäfer zubereiteten wohlschmeckenden oberhessischen Menü aus Zwiwwelkuche mit Schmand, sämiger Kartoffelsupp’ mit Wörschtche und einem Dessert mit Mispelschnaps war es der Auftritt von WZ-Redakteur Jürgen Wagner, der die illustre Runde fast zwei Stunden mit selbst geschriebenen Liedern zur Gitarre und der Lektüre aus seiner Anthologie »Hering mit Lakritze - Literaturlandschaft Wetterau« aufs Beste unterhielt.

Der 2011 erschienene Band versammelt 17 von zahlreichen Artikeln, mit denen der langjährige WZ-Redakteur die Leser über die Erlebnisse von Schriftstellern und Schriftstellerinnen aus mehreren Jahrhunderten bei Durchreise oder Aufenthalt in einer der fruchtbarsten Regionen Deutschlands informiert.

Wie das Heilwasser schmeckt

Auch der Hessische Rundfunk ließ sich die »Literaturtafel«, mit der sich Hausherrin Friederike Herrmann einen langgehegten Wunsch erfüllte, nicht entgehen und entsandte drei Mitarbeiter, um eine weitere Folge von »Erlebnis Hessen« vorzubereiten.

»Wo is’ der Seiher?« Mit auf Melodien bekannter Rock-, Pop- und Blues-Titel getexteten Variationen über das jahrhundertelang »Seiher« geheißene Nudelsieb hatte der Singer-Songwriter die Lacher bereits vor Genuss des Zwiwwelkuchens auf seiner Seite. »Ring of Seiher« nach Johnny Cash; »Baby, leih’ mir deinen Seiher!« nach The Doors: Das war schräg, ohne albern zu sein.

»In der Wetterau also, so heißt hier der Süden«: Peter Kurzeck, wortmächtiger Beschwörer und Verklärer der untergegangenen dörflichen Welt Oberhessens, logierte während der Arbeit am letzten Kapitel seines Oberhessen-Romans »Vorabend« im ersten Stock der Buchhandlung Bindernagel. In der ehemaligen Reichsstadt ließ er sich beim Flanieren vom bunten Treiben inspirieren: »Immer in Friedberg auf der Hauptstraße musste ich denken, dass ich eines Tages alles wissen und sehen und sein würde - alles gleichzeitig. So mild ist hier das Licht, ehe es geht.« Es hatte seinen guten Sinn, dass Jürgen Wagner die Lesung mit seinem im September 2010 in der WZ erschienenen Porträt dieses singulären, allzu früh verstorbenen Autors begann.

Welch Kontrast zu Erich Kästner, dessen Gedicht »Hering mit Lakritzen« der Anthologie »Literarische Wetterau« ihr Motto gibt. Ihm galt das folgende zu Gehör gebrachte Essay. Der Großstädter weilt Ende der 1920er Jahre mit seinem omnipräsenten »Muttchen« zur Brunnenkur im damaligen Noch-Weltbad Nauheim. Statt jedoch das wie »Hering mit Lakritzen« schmeckende Heilwasser zu genießen, vergnügt er sich allabendlich bei Hochprozentigem in der »Hupfeldbar«, wo unter anderem die legendäre Bardame »Cri-cri« die Männerherzen höherschlagen lässt.

Der Aufklärer Joachim Heinrich Campe erlebt die Wetterau bei seinem Durchritt im Jahr 1785 als »lehmigte« Landschaft. Sein Versuch, eine kleine Usabrücke zu überqueren, scheitert. Schließlich soll, so ein herbeigeeilter Ureinwohner, das kostbare Bauwerk nicht durch Benutzung beschädigt werden - ein wahrer Schildbürgerstreich.

Nach solch kurzweilig-informativen Autorenporträts klang die gesellige Tafelrunde mit zwei Liedern des WZ-Redakteurs aus: »Komm du nur heim vom Ebbelwoi!« und - als Zugabe nach lang anhaltendem Applaus - einer Hymne auf die in Hessen berühmte »Grie Soß«.

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