22. Februar 2017, 11:00 Uhr

Literaturkritiker

»Das ist Neandertal-Prosa«

Wenn sich bekannte TV-Gesichter die Ehre geben, sind die Plätze in der Bad Vilbeler Stadtbibliothek meist schnell besetzt. Nicht von ungefähr. Denn bei Denis Scheck bekommen einige Autoren ihr Fett weg
22. Februar 2017, 11:00 Uhr
Es gibt Bücher, von denen hält Denis Scheck gar nichts, die neuen Asterix-Comics gehören allerdings nicht dazu. (Foto: jbb)

Mehr als 80 Zuhörer kamen am Montagabend, als sich Denis Scheck, vor allem bekannt als Moderator des ARD-Büchermagazins »Druckfrisch«, erneut die Ehre gab. Erneut stellt er rund 40 Bücher vor, die von Helfern zuvor sorgsam auf dem Tisch der kleinen Rednerempore drapiert werden.

Sein Programm hatte er »Vom Schönen, Guten, Wahren – und vom Albernen, Überflüssigen und Banalen« genannt.

Scheck, der seit Herbst 2016 das Kulturmagazin »Kunscht!« im Südwestrundfunk (SWR) moderiert, ist anzumerken, dass er das Zerpflücken der für ihn eigentlich Unlesbaren genießt. Hier ist die Auswahl auch beachtlich, betrachtet man die Fülle an jährlichen Neuerscheinungen trivialen Inhalts und der unweigerlichen Folge von Bergen an Rest- und Mängelexemplaren in den Buchhandlungen. Hier rechnet er gnadenlos ab – beispielsweise mit dem Entertainer Jürgen von der Lippe, »dem wandelnden Hawaiihemd, der mit Herrenwitzen aus den 60er Jahren Auflage macht.« Der Zorn über dessen Buch »Der König der Tiere« sei auch deshalb so groß, weil er es lesen musste. Es sei »aber unglaublich, dass manche es lesen wollen«.

Auch der Krimi-Autor Sebastian Fitzek bekommt sein Fett weg: »Das ist Neandertal-Prosa. Ich glaube, er meißelt seinen Text«. Angesichts solcher Produkte aus dem »Doof-Regal« offenbart er einen Wunsch: Scheck behält sich vor, eines Tages mit dem Titel »Nüchtern durch mehr saufen« den Markt erobern zu wollen.

Dass er Bob Dylan nicht den Literaturnobelpreis zuerkannt hätte, obwohl er ihn schätze, sagte er damals schon bei der Bekanntgabe: »Offensichtlich hatte das Komitee nicht die Telefonnummer von Donald Duck gefunden«. Auch habe das »biblische Alter« der auf Lebenszeit gewählten Mitglieder des schwedischen Nobelpreiskomitees bislang dafür gesorgt, dass Philip Roth oder T.C. Boyle bislang nicht berücksichtigt wurden. »Da hat so mancher Autor bei der Bekanntgabe Dylans ins Kopfkissen gebissen«.

Auch den Deutschen Buchpreis für Bodo Kirchhoffs Novelle »Widerfahrnis« hält Scheck für eine Fehlvergabe. »Das ist ›früher-war-mehr-Lametta-Prosa‹ und ein Tiefpunkt in Kirchhoffs Schaffen«, dessen frühere Werke er durchaus schätze. Er hätte für den Preis durchaus andere Vorschläge parat gehabt: »Cox oder der Lauf der Zeit« von Christoph Ransmayr beispielsweise mit dem Geheimnis der ewigen Uhr. Katja Lange-Müllers Roman »Drehtür« oder Jonas Lüschers »Kraft«, einem spannenden Roman über die akademische Welt.

Eine ganze Menge Empfehlenswertes findet Scheck noch, etwa Martin Mosebachs »Mogador«, Max Goldts »Lippen abwischen und lächeln«, Sibylle Lewitscharoff mit »Das Pfingstwunder« oder Marcel Beyers »Menschenfleisch«, um nur einige zu nennen.

150 bis 160 Bücher jährlich

Eines seiner Lieblingsbücher stammt von dem vor 50 Jahren verstorbenen Heimito von Doderer, dessen 1962 erschienener Roman »Die Merowinger« neu aufgelegt wurde. Doderer erfindet darin die Firma Hulesch & Quezel, die »Produkte zur Verschlimmbesserung der Welt« produziert. Beispielsweise flackernde Birnen, Schuhe, die nach dem Kauf immer drücken oder sich ablösende Türknäufe. Man solle nur einmal im eigenen Haushalt nachschauen, ob sich dort nicht auch etwas von Hulesch & Quenzel herumsteht, so Scheck augenzwinkernd.

Ein Bilderbuch hebt er auch hervor: »Armstrong« von Torben Kuhlmann. Hier wird erzählt, wie die Maus »Armstrong« es in den 50er Jahren auf den Mond und wieder zurück auf die Erde schafft, jedoch ein Jahrzehnt später die CIA die Mausepläne klaut und einen Astronaut gleichen Namens auf den Mond schickt und den Ruhm der Maus einheimst.

Jährlich lese er 150 bis 160 Bücher, verrät Scheck. Letztendlich, so sein Ratschlag zum Schluss, reiche es aber aus, »seinen Verstand zu benutzen«, um bei jährlich 90 000 Neuerscheinungen »die Spreu vom Weizen zu trennen«. Viele Menschen erlägen ja immer noch der irrigen Vorstellung, dass Bestsellerlisten auch die besten Bücher beinhalten – es seien aber die nur diejenigen, die am besten verkauft wurden.

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