06. März 2018, 19:56 Uhr

Das geheime Liebesleben des Ernst Ludwig

06. März 2018, 19:56 Uhr
»Es ist keine Biografie. Es ist eine spezielle Facette seines Lebens.« Das sagt Autorin Barbara Hauck über ihr Buch »Capriolen. Die Männerfreundschaften des letzten hessischen Großherzogs Ernst Ludwig«. (Foto: pv)

Es rauscht und brummt, denn das EAM-Heizwerk am Goldstein ist wegen der Kälte voll in Betrieb. Eine ungewöhnliche Atmosphäre für eine Lesung, in diesem Fall aus »Capriolen. Die Männerfreundschaften des letzten hessischen Großherzogs Ernst Ludwig« von Barbara Hauck. Mit Mikrofon ist es gerade so leistbar, die Dampf-Wärme-Tauscher zu übertönen. Die Platzzahl ist begrenzt. An einem Jugendstiltisch sitzt die Autorin, in der Nähe steht Beatrix van Ooyen, die das Buch der Griesheimerin in ihrem Booy-Verlag verlegt hat. »Capriolen« ist in Kontext mit der Ernst-Ludwig-Buchmesse entstanden. Denn van Ooyen ist Organisatorin, wodurch sie im Zuge der Vorbereitungen auf Haucks Manuskript aufmerksam wurde und diese Lesung »an besonderen Orten« organisiert hat.

Das Heizwerk – Ernst Ludwigs ehemalige Maschinenzentrale – versorgt den Sprudelhof, das Max-Planck-Institut, die Kerckhoff-Klinik, den Hauptbahnhof und verschiedene andere Gebäude der Stadt über ein Dampfnetz mit Fernwärme.

Hauck schildert, wie sie auf die Idee zu dem Buch über das geheime Liebesleben von Ernst Ludwig kam: Leitete sie in Darmstadt Jugendstilführungen, war das Interesse der Zuhörer an privaten Geschichten über den Adel groß. Dieses Bedürfnis nach den menschlichen Komponenten wollte sie aufgreifen. »Ich habe drei Jahre recherchiert und dabei nichts ausgelassen«, schildert sie. Das möge manch einer vielleicht befremdlich finden, doch der Großherzog habe einmal betont: »Habe den Mut zu sagen, was du denkst.«

 

Homosexualität strafbar

 

Zu seinen Lebzeiten indes war genau das nicht möglich, da Homosexualität aufgrund des diskriminierenden Paragrafen 175 strafbar war. Hauck geht auf Ernst Ludwigs Männerbeziehungen ein, beispielsweise zu »Alex«, für den er Gedichte schrieb.

Sie liest einen Brief des deutschen Botschafters Karl von Wedel vor, der sich wegen Ernst Ludwigs amouröser Bekanntschaften auf Capri sorgte. Weiteres Thema ist der Konflikt mit seiner ersten Frau Victoria Melita, die sich scheiden ließ, laut Hauck, da sie ihn mit einem Mann erwischte. Auch deswegen sei es ihr darum gegangen, die historische Wahrheit darzustellen, erklärt sie, denn Victoria Melita wurde »schuldig« geschieden und sämtliche Erinnerungszeichen an sie seien in Darmstadt getilgt worden. Alles, was die Autorin schildert, hat sie mit Quellenangaben belegt, wofür sie in zahlreichen Archiven unterwegs war.

Das Werk verkaufe sich besonders in Darmstadt recht gut, wie Hauck anschließend schildert. Die eine oder andere Reaktion sei in Ernst Ludwigs Heimatstadt allerdings ambivalent gewesen. Das gilt vor allem für die dortige Zeitung, die Hauck in einem kurzen Bericht vorwirft, zu viel in den Großherzog hineininterpretiert zu haben. Die Zuhörerin der Lesung will wissen, weshalb Hauck nicht mehr über die sonstigen Seiten Ernst Ludwigs geschrieben habe, etwa seine Talente. Die Autorin konstatiert: »Es ist keine Biografie, davon gibt es schon genügend. Es ist eine spezielle Facette seines Lebens.«

Im Vorfeld der Messe werden noch weitere Lesungen an besonderen Orten veranstaltet: Mit Jule Heck »Auf der Bettkante von Elvis« im Hotel Grunewald (Freitag, 9. März, 19 Uhr), mit Irmgard Schürgers aus »Denn sie wissen, was sie tun« im Biomarkt (Freitag, 16. März, 19 Uhr) und mit Uli Aechtner aus »Mordswetter« in der Sternwarte (Freitag, 23. März, 19 Uhr, alles in Bad Nauheim).

Eine weitere Besonderheit ist geplant: Der Vortrag »Ernst Ludwig und die Orgel: Ein Blick zurück nach vorn« beginnt am Samstag, 24. März, um 10 Uhr im Bankettsaal mit Kantor Frank Scheffler und Dr. Volker Gräfe mit Musikbeispielen.

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