14. Mai 2019, 11:00 Uhr

E-Autos

»Das Potenzial ist da«

Dr. Werner Neumann ist Physiker. Und Umweltschützer. Seinen Alltag richtet er entsprechend aus. Und glaubt, E-Mobilität ist die Zukunft.
14. Mai 2019, 11:00 Uhr
Ladesäulen für E-Autos gibt es einige. Das Problem dabei: die unterschiedlichen Anbieter, wie Dr. Werner Neumann sagt. Für einmal Volladen bezahlt er im Schnitt 6 Euro an einer Ladesäule. Doch einige Anbieter berechnen eine Grundgebühr. Zudem gibt es verschiedene Ladesysteme. Das hat ein Nutzer in Bad Nauheim an einer Ladesäule kommentiert, wie das kleine Bild zeigt. (Symbolfoto: dpa)

Sie sagen, es ist falsch, an der Diesel-Technologie festzuhalten. Warum?

Dr. Werner Neumann: Dem Verbrennungsmotor gestehen wir vom BUND keine Zukunft zu. Da gibt es auch auf Bundesebene eine klare Beschlussfassung: Wir wollen Elektro-Mobilität, aber das heißt nicht, dass wir Elektro-SUVs wollen. Uns geht es, technologisch betrachtet, vom Elektrofahrrad über den E-Scooter bis hin zum Auto und zur Bahn, da die Vorteile überwiegen.

Was sind die Vorteile?

Neumann: Der Grundunterschied ist strategisch: Wir wollen unsere Welt auf erneuerbare Energien umstellen. Deutschland ist zu 70 Prozent von Energieimporten abhängig. Gas, Kohle, Öl. E-Mobilität würde uns weniger abhängig machen. Zumal Energieimporte zunehmend zu Streitpunkten werden, Energie wird zur Waffe. Der Strom vom eigenen Dach zum Beispiel ist eine friedliche Energie. Beim Diesel hingegen müssten wir dafür einen synthetischen Kraftstoff herstellen. Das wird versucht, aber: In einen Diesel- und auch Otto-Motor muss man viermal mehr Energie reinstecken; in künstlichen Kraftstoff muss man drei bis vier Kilowattstunden Strom stecken für eine Kilowattstunde Kraftstoff. Und ein Verbrennungsmotor bringt davon nur ein Viertel als Antrieb ans Rad. Der Elektroantrieb ist also etwa zehnmal effizienter.

Wie ist es beim Elektroauto?

Neumann: Der Elektroantrieb hat einen Effizienz-Vorteil: Von der Batterie bis zum Antrieb ans Rad hat man kaum Verluste und damit einen Vorteil von Faktor 1 zu 4 zu Verbrennungsmotoren. Bei meinem E-Auto sind es im Sommer 15 Kilowattstunden, im Winter 20 pro 100 Kilometer. Umgerechnet wären das 1,5 bis 2 Liter. Aber für ein Auto mit Verbrennungsmotor wären es sechs bis acht Liter. Beim E-Auto kommt außerdem dazu: Der Strom ist emmissionsfrei am Ort des Fahrzeugs, sprich, es gibt keinen Auspuff, es kommt hinten nichts raus. In einer Zukunft mit emissionsfreier Mobilität brauche ich nicht über Feinstaub und Stickoxide diskutieren. Elektroantrieb ist Gesundheitsschutz.

Diesel-Befürworter sagen aber auch: Die CO2-Emissionen würden durch Betrieb und Herstellung der E-Autos steigen.

Neumann: Da ist einmal die etwas aufwendigere Herstellung für die Batterie. Aber: Wenn man sein Auto mit Wind und Sonnenstrom auflädt, hat man spätestens nach 20 000 Kilometern den Mehraufwand an Energie für die Herstellung der Batterie wieder drin. Außerdem verbraucht es zwar mehr Energie, weil es schwerer ist, aber wenn man den Fuß vom Pedal nimmt, wird Bremsenergie zurückgespeist. So wird etwa ein Viertel der Energie wieder hereingeholt. Ja, E-Auto-Fahrern wird oft unterstellt, sie würden Kohlestrom laden. Doch wenn wir erneuerbare Energien effizient verwenden, ist das Potenzial da, E-Mobilität im großen Stil umzusetzen.

Mit welchem Strom laden Sie Ihr E-Auto?

Neumann: Im Sommer fahre ich mit Sonnenstrom von meinem eigenen Dach, im Winter ist mehr Windstrom im Netz, den liefert mir mein Ökostromanbieter..

Wie sind Sie zu Ihrem Auto gekommen?

Neumann: Ich rede ungern über etwas, wenn ich selbst nicht sagen kann, »ich habe es ausprobiert«. Und ich denke: Wenn eine Gelegenheit da ist, mach es besser - für Umwelt und Klimaschutz. Hier war es so, dass ich bei einem Bekannten im E-Auto mitgefahren bin. Mein erster Eindruck: »Oh, das fährt sich aber schön«, es hat einen schnelleren Anzug, wegen des physikalisch höheren Drehmoments, und es ist leiser. Ich habe daraufhin im Internet einen vollelektrischen kleinen Lieferwagen gefunden - den Renault Kangoo, der für 13 000 Euro gebraucht zu kriegen war. Also habe ich es ausprobiert und mir 2017 das Auto gekauft.

Ein Grund für viele, sich kein E-Auto zu kaufen, mag auch die Reichweite sein. Wie ist das bei Ihrem Auto?

Neumann: Mein Auto ist, wie man sagt, erste Generation. Es hat eine Reichweite von rund 100 Kilometern. Im Winter kann es sein, dass es nur 80 sind, zumal auch die Heizung Strom verbraucht. Im Sommer können es aber bis zu 120 sein. Zudem variiert es je nach Geschwindigkeit. Die Modelle der neuen Generation fahren bis zu 300 Kilometer. Es heißt ohnehin, 80 bis 90 Prozent der Fahrten eines Normalverbrauchers sind unter 30 Kilometer. Das ist problemlos abzudecken. Man muss ein bisschen mehr planen, aber man kann auch am Zielort nachladen.

Wie lange dauert einmal vollladen?

Neumann: Bei meinem vier, fünf Stunden. Bei neuen Modellen geht es deutlich schneller, obwohl die Batterien doppelt so groß sind.

Wie viel kostet das Laden?

Neumann: An den Ladesäulen wird der normale Stromtarif berechnet, also eine Größenordnung von 30 Cent netto. Das sind 20 Kilowattstunden mal 0,3 Cent, also 6 Euro. Wenn ich meinen Solarstrom lade, kostet der nur 10 oder 12 Cent, dann habe ich für 2 Euro geladen. Was allerdings beim Thema Ladesäulen zu kritisieren ist: Viele Anbieter verlangen höhere Tarife. Oder einmal wurden mir 10 Euro Grundgebühr berechnet. Das Problem ist, dass es so viele Anbieter gibt.

Wieso?

Neumann: Die einen haben ein Modell, da ruft man an, und die Klappe zum Stecker geht auf, andere haben Chipkarten. Ich habe fünf Karten und bewege mich im Umkreis Frankfurt, Hanau, Friedrichsdorf. Die Verkehrsminister haben das den Anbietern überlassen, und nun hat jeder Energieversorger sein System. Dabei geht es hier um Mobilität. Ich fahre doch von A nach B. Da sollte es eine einheitliche Regelung geben. Zum Beispiel dass ich, wie bei der Scheckkarte, eine Karte zum Laden habe. Es sind Probleme der Politik, die für eine einheitliche Lade-Infrastruktur sorgen müsste.

Für die, die viele lange Strecken fahren, ist ein E-Auto aber keine Option, oder?

Neumann: Mich hat neulich jemand gefragt, ob er mit dem E-Auto nach Kiel kommt. Meine Antwort: Nach Kiel fährt der ICE. Bei langen Strecken ist es sinnvoll, mit der Bahn zu fahren und für die restlichen Kilometer zum Ziel ein Taxi zu nehmen. Es ist eher eine grundsätzliche Frage danach, wie man seine Mobilität organisiert. Wir sollten die gesamte Mobilität neu diskutieren. Bei E-Autos sollten wir in den nächsten Jahren überlegen, wie wir sie gemeinsam nutzen können.

Inwiefern?

Neumann: Statt dass jeder ein eigenes Auto hat, kann man sagen, es gibt es einen Pool an Leih-Fahrzeugen. Bei Treysa gibt es so einen Ort, Jessberg. Auf einem Platz stehen Fahrzeuge zum Ausleihen - vom E-Bike bis zum E-Auto, mit dem man auch mal Sofas und Kühlschränke transportieren kann. Im Grunde sollten die Kommunen das Thema Car Sharing in die Hand nehmen. Ein Auto muss ja nicht das zweite Wohnzimmer sein. Wieso nicht mit einem Auto wegfahren und mit einem anderen zurückkommen?

Wie überzeugen Sie einen Verbrennungsmotor-Anhänger von E-Mobilität?

Neumann: Ich kann sie nicht damit überzeugen, dass sie auf die Tube drücken und damit viel Krach machen können, weil ein E-Auto einfach leise ist. Wir wollen ja auch, dass die Autos nicht nur sauberer, sondern auch leiser werden. Daher kann ich im E-Auto super Musik hören. Wo ich aber aufpassen muss: Wenn ich sehe, dass die Leute mich nicht hören. Daher ist auch ein Summer eingebaut - bis zu 30 km/h. Elektroauto zu fahren ist einfach ein anderes Fahrgefühl, hat eine andere Philosophie, das Fahrverhalten ist anders: ruhig, angenehm, entspannt. Dazu kommt das gute Gefühl, dass hinten kein Dreck herauskommt. (Fotos: sda)

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