12. November 2019, 20:16 Uhr

Das Licht besiegt die Finsternis

12. November 2019, 20:16 Uhr
Das knapp 50-köpfige Orchester zeigt zum Saisonende der Konzertreihe, was musikalisch in ihm steckt. (Foto: gk)

. Es sind zwei Werke, wie sie gegensätzlicher kaum sein könnten: das 1. Klavierkonzert in e-Moll, op. 11 von Frédéric Chopin und Pjotr I. Tschaikowskys 5. Sinfonie in e-Moll, op. 64. Beide erklangen im Abschlusskonzert der diesjährigen Sinfonie-konzertreihe unter dem Motto »Todesahnung und Melancholie« am Sonntagnachmittag im Jugendstiltheater. Das Junge Sinfonieorchester Wetzlar unter Leitung von Lukas Rommelspacher eröffnete mit dem im März 1830 im Warschauer Nationaltheater uraufgeführten Konzert des 20-jährigen Chopin, der wenige Monate später seine Heimat verlässt, um sie nicht mehr wiederzusehen. Dirigent Lukas Rommelspacher dirigierte vom Flügel aus und beeindruckte mit souveräner Beherrschung auch schwierigster Passagen - anspruchsvollen Läufen und Figuren im ersten und vor allem rasanten, virtuosen Abschnitten im 3. Satz.

Brillante Interpretation

Vor allem aber die Coda des 1. Satzes mit ihren Basstrillern verlangt dem Pianisten höchstes Können ab. Demgegenüber bleibt das Orchester im Hintergrund, fungiert als »Stichwortgeber«. Es darf einleiten, überleiten, schließen. Aber ein wirklicher Dialog zwischen ihm und dem Solisten findet nicht statt. Möglicherweise hat der junge Chopin sein Klavierkonzert gar nicht selbst orchestriert. Das genialische Frühwerk klingt in einem mitreißenden, volksliedhaften Rondo aus. Für seine so einfühlsame wie technisch brillante Interpretation wird Lukas Rommelspacher mit lang anhaltendem Applaus gefeiert.

Nach der Pause durfte das knapp 50-köpfige Orchester zeigen, was in ihm steckt. Denn Tschaikowskys am 17. November 1888 in St. Petersburg unter seinem Dirigat uraufgeführte viersätzige sogenannte »Schicksals-Symphonie« wartet mit einer Fülle technischer und interpretatorischer Schwierigkeiten auf. Ein Klangkörper, dem es gelingt, diese großartige Musik auf Augenhöhe zu interpretieren, verdient höchsten Beifall. Die Wetzlarer Musiker haben diese Leistung erbracht. Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte, Hörner, Trompeten, Posaunen: Besonders die etwa zwanzig Holz- und Blechbläser sind immer wieder stark gefordert. Der 1. Satz beginnt mit einer von den Klarinetten vorgetragenen düsteren Einleitung - dem, in allen folgenden Sätzen wiederkehrenden, Schicksals-Motiv. Der Komponist schreibt über diesen Anfang: »Introduktion. Völlige Ergebung in das Schicksal oder, was dasselbe ist, in den unergründlichen Ratschluss der Vorsehung.« Der 2. Satz, das berühmte Andante cantabile, ist das lyrische Zentrum des ungeheuer kontrastreichen Werkes. Ein faszinierter zeitgenössischer Kritiker schrieb nach der Uraufführung: »Dieses Andante ist so herrlich und von solch tiefem Gefühl durchdrungen, dass es schon für sich allein ein Meisterwerk darstellt.«

Auf eine tiefe Einleitung der Streicher folgt ein wunderbares Hornsolo »con molto espressione«, unterstützt von Oboe und Klarinette - zum Weinen schön. Das plötzlich einsetzende Schicksalsmotiv kann diesen Wohlklang nur kurz unterbrechen. Der stimmungsvolle Walzer des 3. Satzes wird wieder vom, wie ein Damoklesschwert über allem hängenden, Schicksalsmotiv zerrissen. Vor Beginn des wildbewegten Schlusssatzes herrscht gespannte Stille im Saal. Die jungen Wetzlarer Sinfoniker werden auch diesen Satz mit seinen abrupten Wechseln von Tempo, Rhythmus und Lautstärke bravourös meistern.

Auch diesmal beginnt es mit dem Schicksalsmotiv. Fast choralartig, hymnisch-feierlich erklingt die Melodie - aber nicht mehr wie bisher in Moll, sondern in Dur. Endet Tschaikowskys Schicksals-Sinfonie nun mit einem Triumph- oder Trauermarsch? Wie auch immer: Dieser Schluss erhebt statt herabzuziehen. Das Licht besiegt die Finsternis. Lang anhaltender Applaus wird mit Edvard Griegs drittem Norwegischen Tanz belohnt. Gerhard Kollmer

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