07. November 2017, 14:00 Uhr

Sprudelhof

Das Jahrhundert-Labyrinth: So sieht es unter dem Sprudelhof aus

Ein unterirdisches Labyrinth, endlose Rohrleitungen, riesige Solespeicher: Wer den Untergrund des Bad Nauheimer Sprudelhofs erkundet, spaziert durch 100 Jahre Industriegeschichte.
07. November 2017, 14:00 Uhr
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Von Hedwig Rohde
Niedrig und eng sind viele Gänge, mittig werden sie von offenen Rinnen durchzogen.

Donnerstag, 15 Uhr: Neun Personen versammeln sich an der Tourist Information in den Kolonnaden. Sie alle unterschreiben die Verpflichtung, sich während der folgenden Führung angemessen zu verhalten, und erhalten einen Kunststoffhelm. Danach führt Irene El-Sayed die kleine Gruppe am Kerckhoff-Institut vorbei Richtung Sprudelhof, erläutert an markanten Punkten kurz die Baugeschichte des Jugendstilkomplexes, ebenso wie die geophysikalischen Gegebenheiten, die zum Austritt solehaltiger Quellen in Bad Nauheimer Gemarkung führen.

2300 Jahre lang wurden die Quellen zur Salzgewinnung genutzt. Eine an unterschiedlichen Stellen erforschte keltische Saline erstreckte sich mehr als einen Kilometer längs der Usa zwischen Dankeskirche und südlichem Stadtrand. Im 18. Jahrhundert perfektionierte Waitz von Eschen die Salzgewinnung durch die Errichtung der Gradierbauten zur Erhöhung des Salzgehalts der Sole vor dem Siedevorgang.

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Aus dem Untergrund steigen die Teilnehmer der Führung hinauf in eine ehemalige Badezelle v...

 

Trotzdem sank nach der Erschließung von Steinsalzvorkommen die Wirtschaftlichkeit der Siedesalzgewinnung. Wie in anderen Orten Deutschlands, setzte man im 19. Jahrhundert auch in (Bad) Nauheim zunehmend auf die Heilkraft des mineralhaltigen Wassers. Als wichtigste Quellen erwiesen sich dabei dank ihres hohen Salz- und Kohlensäuregehalts die drei dicht beieinander liegenden Wasserfontänen inmitten des heutigen Sprudelhofs. Sprudel VII, der sogenannte Große Sprudel, brach 1846 unerwartet aus einem alten Bohrloch aus. Direkt daneben wurde 1855 Sprudel XII erbohrt, der Friedrich-Wilhelm-Sprudel. Etwas abseits (und seit einigen Jahren abgeschaltet) liegt der 1901 erbohrte Ernst-Ludwig-Sprudel (Sprudel XIV).

Im Auftrag von Großherzog Ernst-Ludwig schuf der junge Architekt Wilhelm Jost in enger Zusammenarbeit mit Baurat Dr. Carl Eser zwischen 1905 und 1911 die geschlossene Sprudelhofanlage im Jugendstil und parallel die Wirtschaftsgebäude jenseits der Bahnstrecke. Kontrolliert und gesteuert wurde der Solezufluss zu jeder einzelnen der 265 neu erbauten Badezellen unterirdisch – durch ein komplexes System aus mit zahlreichen Ventilen versehenen Rohrleitungen in kilometerlangen Gängen.

 
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Versinterte Rohre

Heute erwartet den Besucher im Untergrund des Sprudelhofs eine großteils im Original erhaltene Anlage. Stark versinterte Rohre wurden durch Kunststoffrohre ersetzt, in einigen der niedrigen Gänge verstellen lange Reihen großer schwarzer Kunststoffkästen den Weg: Die Entarsenierungsanlage, durch die seit einigen Jahren jeder Tropfen Solewasser fließen muss, bevor er in die Usa eingeleitet werden darf.

Fast alle schmalen und breiteren Gänge werden von mittig gemauerten Rinnen durchzogen. Sie führen das gesammelte, nicht mehr benötigte Wasser aus den Badewannen in den zentralen offenen Abfluss, scherzhaft canale grande genannt, der in Höhe des »Schwyzer Hüsli« in den unterirdisch verlaufenden »Badewasserkanal« mündet und durch ihn südlich von Bad Nauheim in die Usa fließt. Markante Punkte der Führung sind auch die Sprudelkammer von Sprudel XIV sowie die über eine eiserne Hühnerleiter erreichbaren riesigen Solespeicherbehälter Marke Buderus, die in der Hochzeit des Badebetriebs einen bedarfsgerechten Solezufluss zu den Badezellen garantiert haben.

Versehen mit zahlreichen Eindrücken und vielen Details, die Irene El-Sayed kurzweilig zu vermitteln weiß, gelangt die Besuchergruppe durch einen erst in jüngerer Zeit geschaffenen Aufstieg in eine ehemalige Badezelle von Badehaus VII wieder hinauf ans Tageslicht. Eines ist gewiss: Wer einmal dort unten gewesen ist, wird den für seine Schönheit bekannten Sprudelhof auch als Technikdenkmal begreifen und künftig voller Respekt mit anderen Augen sehen. (Fotos: doe)

Info

Führungen bis März

Die Führung in den Untergrund des Sprudelhofs findet von November bis März an jedem ersten Donnerstag im Monat statt. Treffpunkt ist die Tourist Information (In den Kolonnaden 1). Der Preis beträgt 15 Euro pro Person. Eine Anmeldung unter Tel. 0 60 32/92 99 20 ist erforderlich, die Teilnehmerzahl begrenzt, das Mindestalter beträgt 16 Jahre. Unter anderem niedrige Decken und steile Leitern stellen besondere Anforderungen an die Fitness. Für Menschen mit Platzangst ist die Führung nicht geeignet. Festes Schuhwerk und robuste Kleidung sind erforderlich. (doe)



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