20. Juni 2019, 20:01 Uhr

Kirchenasyl

Das Fremde wird zum Nächsten: Kirchenasyl in Friedberg

Seit dem Jahr 2014 gewährt die evangelische Gemeinde in Friedberg Kirchenasyl. Ein Team kümmert sich um die Schutzsuchenden.
20. Juni 2019, 20:01 Uhr
Kirchenasyl (v. l.): Silvia Guth, Monika Krohwinkel, Susanne Domnick, Christiane Bender und Agnes Genzmer-Gruß gehören zu einem Team, das sich um die Geflüchteten kümmert. (Foto: ihm)

Zitternd saß der elfjährige Junge vor Susanne Domnick. Ihm, seiner Schwester und seiner Mutter stand die Abschiebung nach Frankreich bevor, wo der iranischen Familie Obdachlosigkeit drohte. Die Angst des Kindes berührte die Friedberger Pfarrerin zutiefst, das Kirchenasyl in Friedberg war allerdings belegt. Sie rief bei der evangelischen Gemeinde in Fauerbach an und fragte, ob dort Platz sei. Die dortige Gemeinde gewährte das Kirchenasyl, hatte aber keinen Platz für die Unterbringung. »Da habe ich die Familie im Pfarrhaus aufgenommen. Es soll nicht so sein, dass die Kinder für die Politik der Erwachsenen leiden müssen«, erinnert sie sich. Im Pfarrhaus sind einige Vertreterinnen des Helferteams mit Domnick gerade zusammengekommen: Christiane Bender, Agnes Genzmer-Gruß, Silvia Guth und Monika Krohwinkel. Alle betreuten schon mehrfach Menschen im Kirchenasyl.

Die ersten beiden Schutzsuchenden waren 2014 ein Eritreer und ein Somalier, denen die Abschiebung drohte. Zunächst bot der Gemeinderaum in der Stadtkirche Obdach, mittlerweile sind es andere gemeindliche Räume. Alle Schützlinge der evangelischen Gemeinde erhielten bisher Bleiberecht, die zwölfte Person wartet noch. »Sie ist gerade bei uns«, sagt Domnick.

Eine humanitäre Geste

Es geht um Dublin-III-Fälle, die Deutschland normalerweise in das Land ihrer Erstregistrierung zurückschickt. In einer Reihe europäischer Staaten sind die Bedingungen für Flüchtlinge aber äußerst prekär. Doch Deutschland tritt erst ein und prüft den Antrag, wenn sich der Schutzsuchende seit mindestens sechs Monaten in der Bundesrepublik aufhält. Diese Zeit überbrückt das Kirchenasyl: »Es ist die Bitte an den Staat, das Asylbegehren eines Menschen aus besonderen humanitären Gründen zu prüfen.«

Agnes Genzmer-Gruß erinnert sich an einen jungen Syrer, der zuerst in Ungarn war. Er musste wieder dorthin zurück, schlug sich erneut nach Deutschland durch. »Mittlerweile ist er in Marburg und arbeitet in der Flüchtlingshilfe«, sagt Genzmer-Gruß. Nach der Zeit im Kirchenasyl wieder Abschied zu nehmen, sei nicht immer einfach. Doch zu helfen verändere etwas in der Weltsicht.

Seit 2014 bekommen die Menschen im Kirchenasyl Sprachunterricht, aktuell unter Regie von Monika Krohwinkel. »Wenn wir fertig sind, sagt sie oft: »Was, schon. Können wir nicht weitermachen?« Sie sei dankbar, sagt Krohwinkel, als Christin aktiv werden zu können. Das lange Warten sei wie eine Psychofolter für die Schutzsuchenden. »Der einzige menschliche Kontakt sind wir. Sie können nicht auf die Straße gehen, wir kaufen ein, waschen Wäsche.«

Wie Silvia Guth ergänzt, wechselt sich ein Team mit den Aufgaben ab. Das Fremde werde dabei zum Nächsten, die Würde des Schutzsuchenden sei wichtig. »Der Mensch ist im Hausarrest, aber wir müssen die Selbstbestimmtheit aufrechterhalten: Dass sie ihren Einkaufszettel selber schreiben, dass wir gemeinsam kochen.« Für Christiane Bender ist das Leben anders, seit sie sich engagiert. »Es ist eine Bereicherung, Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen. Natürlich gibt es auch Nächte, in denen man nicht schlafen kann, wenn man die Geschichten gehört hat.« Was die Helferinnen motiviert, ist auch der Gedanke an die eigenen Kinder. »Wir sind in der glücklichen Lage, im Sicherheit zu leben. Wenn unsere Kinder in ein anderes Land fliehen müssten, wären wir doch auch froh, wenn sich jemand um sie kümmern würde«, sagt Domnick. Wie sich gezeigt habe, bestehe eine hohe Wertschätzung gegenüber der Initiative. »Die Glaubwürdigkeit von Kirche hat dadurch viele Punkte gemacht. Viele Menschen haben gesagt: ›Toll, dass ihr das macht.‹«

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