Wetterau

Das Buch und der Skandal

Sie war gerade 18 als sie ein fulminantes Buch schrieb: Françoise Sagan hat ihren Roman »Bonjour Tristesse« 1954 innerhalb weniger Wochen geschrieben. Ein Skandal fanden viele Kritiker.
21. August 2017, 20:31 Uhr
Sabine Bornemann
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Alles in einem: »Langeweile, Amoralität und Lebenslust – das hat die Zeitgenossen offensichtlich verstört«, meint Literaturkritiker Rainer Moritz. (Foto: pv)

Sie war gerade 18 als sie ein fulminantes Buch schrieb: Die französische Autorin Françoise Sagan hat ihren Roman »Bonjour Tristesse« 1954 innerhalb weniger Wochen geschrieben und damit mächtig für Furore gesorgt. Zu unmoralisch fanden die Kritiker. Cécile erlebt zum ersten Mal die verführerische und zerstörerische Kraft der Liebe. Ein Stoff, der zeitlos ist – finden auch die Macher der Reihe »Erlesenes in Bad Nauheim«. Literaturkritiker Rainer Moritz hat Sagans Buch neu übersetzt und liest daraus am Mittwoch im Badehaus 2. Im Interview spricht er über Sagans Werk, seine Liebe zu Frankreich und über große französische Literaten.

 

Lieben Sie Frankreich?

Rainer Moritz: Seitdem ich in den Siebzigerjahren als Austauschschüler nach Grenoble kam, bin ich Frankreich treu geblieben. Das Romanistik-Studium und meine Beschäftigung mit Proust haben das vertieft, was sich dann ja auch in meinen eigenen Büchern, die sich mit der französischen Literatur und Paris befassen, niederschlug. Und natürlich nutze ich bis heute jede Gelegenheit, mich nach Paris aufzumachen.

Wann haben Sie Sagans Buch »Bonjour Tristesse« zum ersten Mal gelesen?

Moritz: Ganz genau weiß ich das nicht mehr, vermutlich als Schüler in den Siebzigerjahren.

Wie war Ihr Eindruck?

Moritz: Ich war neugierig geworden auf diese Autorin, von deren skandalumwitterten Leben ich andeutungsweise gehört hatte. Und ich war ein wenig neidisch darauf, mit welch leichter Hand es einer 18-Jährigen gelungen war, einen solchen Roman zu schreiben.

Wie wirkt das französische Original auf Sie?

Moritz: Françoise Sagan schreibt kein hochkomplexes Französisch wie Marcel Proust oder Claude Simon. Sie deutet viel zwischen den Zeilen an, spiegelt das Lebensgefühl ihrer Helden in pointierten Dialogen und erzeugt so eine tückische, schillernde Leichtigkeit.

Zur Veröffentlichung sorgte das Buch für Furore. Gibt es Ihrer Meinung nach dazu eine Schlüsselszene?

Moritz: Natürlich hat das Werk auch deshalb Mitte der Fünfzigerjahre für Furore gesorgt, weil es aus der Feder einer so jungen, selbstbewussten Frau stammte. Wie in »Bonjour tristesse« Langeweile, Amoralität und Lebenslust miteinander verwoben sind, das hat die Zeitgenossen offensichtlich verstört. Und dass sich eine junge Frau so unbeschwert über gesellschaftliche Normen hinwegsetzt.

Das Werk wurde verfilmt. Mögen Sie die Version mit Deborah Kerr und Jean Seberg von 1958?

Moritz: Ja, das ist eine gelungene Verfilmung in meinen Augen, mit großartigen Schauspielern, viel Riviera-Atmosphäre und mit Sagans Freundin Juliette Gréco, die einen schönen Gastauftritt hat.

Wie kam es dazu, dass Sie das Buch neu übersetzt haben?

Moritz: Der Ullstein Verlag ist an mich herangetreten, auch im Blick auf den Frankreich-Schwerpunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Wie muss man sich die Arbeit an einer solchen Übersetzung vorstellen?

Moritz: Man versucht eine erste Grobfassung zu erstellen, möglichst ohne große Unterbrechungen und dann geht es ans ausgiebige Feilen und Polieren des Textes.

Gibt es für Sie als Literaturkritiker und Übersetzer ein Lieblingsbuch?

Moritz: Eines? Nein, viele. Ganz oben stehen neben Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« zum Beispiel Flauberts »Madame Bovary« und »Turgenjews Schatten« des Iren William Trevor.

Wie werden Sie Sagans Buch den Besuchern der Lesung näherbringen? Erzählen Sie Anekdoten oder Hintergründe?

Moritz: Ich werde versuchen, Sagans abenteuerliches Leben zu skizzieren, ihre Abgründe und Freundschaften und vor allem deutlich zu machen, was den Reiz dieses schmalen, tiefgründigen Romans ausmacht.

Was macht Sagans Buch (das sie mit 18 schrieb) so aktuell für die heutige Zeit?

Moritz: In gewisser Weise ist »Bonjour tristesse« ein zeitloses Buch, obwohl es natürlich viel mit dem Lebensgefühl des Existenzialismus der Fünfzigerjahre zu tun hat. Die Unsicherheit einer jungen Frau, ihre sexuelle Neugier, ihr Überdruss am Leben, die Suche nach einem Platz im Leben – das alles sind Fragen, die dieser Roman stellt ... und die wenig von ihrer Aktualität verloren haben.

Wieso sollte man Ihre Lesung am Mittwochabend im Badehaus 2 nicht verpassen?

Moritz: Ganz einfach: Weil es sich lohnt, diesen Klassiker der französischen Literatur wieder oder zum ersten Mal zu lesen und sich von seinem Zauber betören zu lassen.

Erlesenes in Bad Nauheim

Lesung am Mittwoch

Rainer Moritz wurde 1958 in Heidelberg geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik. Er arbeitete viele Jahre in Verlagen, zuletzt als Programmgeschäftsführer des Verlages Hoffmann und Campe. Er leitet seit 2005 das Literaturhaus Hamburg. Er ist Literaturkritiker, Übersetzer und Autor zahlreicher Publikationen. Am Mittwoch, 23. August, liest er um 19.30 Uhr im Badehaus 2 aus Françoise Sagans »Bonjour Tristesse« bei der Reihe »Erlesenes in Bad Nauheim«. Veranstalter der Reihe ist die Buchhandlung am Park in Zusammenarbeit mit dem Magistrat der Stadt, Fachdienst Kultur und Sport. Karten gibt es bei der Buchhandlung am Park, Aliceplatz, Telefon 0 60 32/25 25 und bei der Tourist Information, In den Kolonnaden 1, Tel. 0 60 32/92 99 20. (pm)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Das-Buch-und-der-Skandal;art472,301657

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