03. März 2018, 06:00 Uhr

Briefe zwischen Front und Heimat

Briefe aus Russland: Mein liebes Frauchen…

Die Geschichte von Kriegen ist oft eine, die in Zahlen erzählt wird. Hinter jeder Zahl steht ein Schicksal. Davon erzählen die Feldpostbriefe. In einer Serie zeigen wir Auszüge. Heute: Briefe vom Vater.
03. März 2018, 06:00 Uhr

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Der Vater aus den Briefen und der Vater, der 1945 aus Russland nach Hause kam – »man könnte meinen, es waren verschiedene Menschen«, sagt Christl Petzka-Göhl, die heute in Rosbach lebt. Als ihre Mutter vor zehn Jahren starb, fand sie in deren Nachlass ein Bündel aus Feldpostbriefen – vollgeschriebene Blätter, die aus Russland geschickt worden waren – mal handschriftlich verfasst, mal mit der Schreibmaschine. Aber auch Briefe, die die Mutter, Adelheid Jahn, an ihren Mann schickte, sind dabei. Kleine Zeichnungen sind darauf zu sehen – eine weinende Frau zum Beispiel. Oder dieselbe Frau, wie sie gerade einen Kinderwagen schiebt. Das Baby im Wagen ist Christl Petzka-Göhl. Sie ist am 1. April 1943 geboren worden, der Vater, Friedrich Karl Jahn, war zu dieser Zeit bereits im Krieg. Regelmäßig schreibt er Neuigkeiten an seine Frau nach Würzburg.

 

»Nur« noch ein halbes Jährchen?

Am Sonntag, 12. Dezember 1943, schreibt er:

Meine allerbeste Adelheid und liebe kleine Christl!

Vielen Dank für Deinen lieben Luftpostbrief Nr.42. Man ist ein ganz anderer Kerl, wenn neu Post angekommen ist. Die größte Freude habe ich, wenn ich lesen kann, daß es Dir und Christl gut geht, und daß unser kleiner Strolch Fortschritte macht. Sie ist mein Ein und Alles. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie gern ich sie habe. Gar so gerne wäre ich auch wieder einmal bei Euch. Nun ist es »nur« noch ein halbes Jährchen.

Tatsächlich kommt der Vater erst 1945 nach Hause, erzählt Christl Petzka-Göhl. 1946 wird ihr Bruder geboren. Die Briefe, die zwischen Mutter und Vater gewechselt worden sind, verschwinden mit Ende des Kriegs. »Als ich sie vor zehn Jahren gefunden habe, kamen mir die Tränen, und ich war sehr erstaunt«, sagt sie; der Vater, den sie kennengelernt habe, sei ganz anders gewesen als der in den Briefen. »Er war herrschsüchtig, ein Tyrann.« Christl Petzka-Göhl erinnert sich noch daran, erzählt davon, wie er sie geschlagen hat. »Er war manchmal unberechenbar.«

 

Der andere Vater

In den Briefen hingegen ist er »liebevoll und fürsorglich«, das zeigt auch sein Weihnachtsbrief.

Meine allerliebste und herzensgute Adelheid, meine liebe kleine Christl!

Weihnachten steht vor der Tür. Leider ist es mir auch in diesem Jahr nicht möglich, in Eurer Mitte zu sein.

Ich freue mich so riesig, wenn der Krieg zu Ende ist, wir ein Heim haben und dann die Feiertage gemeinsam mit unserem Töchterchen verbringen können. Ich bin felsenfest davon überzeugt, daß dies die letzte Weihnacht ist, die wir im Krieg feiern. Heute muss ich mich mit noch all den Kameraden trösten, die auch nicht bei ihren Lieben sein können.

 

Grüße an den kleinen Sonnenschein

Am Ende schreibt der Vater:

Meine liebe Adelheid, heute denke ich besonders lieb an Dich und genügend an meine liebe Christl. Ich bin ja so froh und Dir so unendlich dankbar, daß Du mir diesen lieben Sonnenschein geschenkt hast.

Auch von Würzburg gehen Briefe nach Russland, unter anderem nach Breslau, dort ist Friedrich Karl Jahn einige Zeit. Adelheid Jahn fügt den Briefen Zeichnungen bei: Wie sie mit ihrer Tochter spazieren geht, sie auf dem Arm wiegt. Oder wie sie weint, weil der Mann nicht zu Hause, sondern im Krieg ist. Und der wartet auf seine Post von zu Hause. Einmal ist für ihn kein Brief dabei, er schreibt:

Mein liebes Frauchen und liebe kleine Christl. Heute ist ein ganzer Sack voll Post gekommen und für mich war nichts dabei. Du kannst Dir meine Enttäuschung vorstellen. Ich hatte mich so auf Post gefreut und bestimmt damit gerechnet, dass auch für mich etwas dabei ist, aber leider habe ich vorbeigehofft. So ging es mir schon 2 Mal.

 

Die Mutter malt und schreibt

Der Papa freut sich über Nachrichten von zu Hause, darüber zum Beispiel, wie sein kleines Mädchen groß wird. Einmal schreibt (und malt) die Mutter an ihren Mann:

Ich kann Dir gar nicht schreiben, wie drollig unser Mädchen jetzt ist. Am liebsten hat sie, wenn man sie so nimmt, dann singe ich noch. Da sollst Du mal sehen, wie sie lacht. Allerdings so schön wie wir in Wirklichkeit sind, kann ich Dir nicht malen, da musst Du uns schon persönlich sehen. Ich hoffe, daß dies bald der Fall ist.

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