16. Oktober 2019, 05:00 Uhr

Schwangere erstochen

Blutbad und Erinnerungslücken: Bad Nauheimer Fall vor Gericht

»Diese Gewalt hat sich explosionsartig entladen.« Die Rechtsmedizinerin schilderte am Gießener Landgericht, was sie in der Nacht auf den 8. April in einer Bad Nauheimer Wohnung gesehen hatte.
16. Oktober 2019, 05:00 Uhr
Am zweiten Verhandlungstag hat sich auch der Angeklagte (M.) - hier mit Verteidiger und Dolmetscherin - vor dem Gießener Landgericht geäußert. Es ist eine Mischung gewesen aus klaren Aussagen und fehlender Erinnerung. (Foto: Christoph Agel)

Der Mann hält ein Messer in der Hand, sagt, er wolle sich damit umbringen. Seine Frau geht auf den Balkon, droht damit, sich hinunterzustürzen, weil sie ohne ihn nicht leben möchte. Er zieht sie zurück in die Wohnung. Kurz darauf ist die 25-Jährige tot. Erstochen. Zwölf Stiche sind besonders tief, drei haben den Körper komplett durchdrungen. Unter anderem Herz, Lunge und Leber sind getroffen, Knochen und Knorpel zerstört. »Das Brustbein war komplett durch«, sagt die Rechtsmedizinerin. Das Opfer verblutet, das ungeborene Kind stirbt an Sauerstoffmangel. Angeklagt ist der Ehemann, der die Frau erst noch vom Balkon gezogen hat. »Manchmal frage ich mich: Warum sie und nicht ich«, sagt der Mann etwa ein halbes Jahr nach der Tat.

In der Nacht auf den 8. April wurde die Leiche der schwangeren Frau in der Badewanne gefunden, ihr tatverdächtiger Ehemann befand sich auf der Flucht. Tatort war eine Wohnung in einem Hochhaus in der Frankfurter Straße in Bad Nauheim. Die Polizei warnte die Bevölkerung über die Medien, fahndete - unter anderem mit Hubschrauber und Hundestaffel - nach dem damals 24-Jährigen, nahm ihn schließlich im Toom-Baumarkt fest.

Angst, sein Herz werde genommen

Am Dienstag war der zweite Verhandlungstag vor dem Gießener Landgericht. Am Vormittag äußerten sich drei Gutachterinnen unter anderem zu den Einstichen, zu Blutspuren an Messern, zur mehr als 99,99-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass der Ehemann Vater des ungeborenen und getöteten Kindes ist.

Wie die WZ berichtete, hatte Staatsanwalt Thomas Hauburger von einer akuten Psychose bei dem Mann gesprochen, die jederzeit wieder auftreten könne. Am Dienstag schilderte der Angeklagte in einem Saal des Landgerichtes ruhig und sachlich seinen Marihuana-Konsum, die letzten Tage vor den tödlichen Stichen, als die Welt schon begonnen habe, unnormal zu werden. Für ihn jedenfalls.

Er sprach von einer Pyramide, die für ihn ein Zeichen gewesen sei, von seiner Angst, jemand könne ihm sein Herz wegnehmen und dem Teufel geben. Stimmen aber habe er nicht gehört. Wie genau seine Gedankenwelt in den letzten Tagen vor dem 7. April ausgehen hatte, konnte der junge Mann nicht sagen.

Keine Erklärung für die Stiche

Laut Rechtsmedizinerin starb die Ehefrau am Nachmittag des 7. April. Der Angeklagte sagte, er sei davon ausgegangen, es sei am Vormittag gewesen. Zum zeitlichen Ablauf in den Minuten, in denen die Gewalt explodierte, konnte er eigenen Angaben zufolge nichts sagen. Es fehle die Erinnerung. Hängengeblieben sei ein Moment, als seine Frau in der Badewanne gelegen und er ein Messer über sie gehalten habe. Er sei ein paar Schritte zurückgegangen. »Ich habe einen Sekunde gedacht: Was habe ich gemacht, was ist passiert? Ich weiß es nicht.« Dieser fehlenden Erinnerung an die exzessive Gewalt im Bad standen am Dienstag klare Aussagen zu den Tagen vor der Tat gegenüber. Eine Erklärung für die Stiche hatte der Angeklagte nicht: »Ich habe nicht mal eine Sekunde daran gedacht, sie oder jemand anderen zu verletzen.« Auf die Frage, warum er sich habe umbringen wollen, antwortete der aus Bulgarien stammende Mann: »Das war einfach so, und ich weiß nicht warum.«

Die Nacht draußen verbracht

Nach der Tat sei er aus der Wohnung gegangen, habe sich Zigaretten gekauft und in einem Wald oder in Büschen bei Steinfurth die Nacht verbracht. »Als am nächsten Tag die Sonne aufging, machte ich mich zurück in die Stadt, und ich hatte keine konkreten Gedanken.« Im Takko-Markt habe er sich Kleidung kaufen wollen, es dann aber doch sein gelassen. Dann habe er im Baumarkt etwas besorgen wollen, um sich in seinem Nachtlager einzurichten. Daraus wurde nichts, die Polizei überwältigte den schmächtigen Mann, der wenige Stunden zuvor ein Blutbad angerichtet hat, das auch er selbst bis heute nicht begreift.

Die Tage vor der Tat

Wenige Tage vor den tödlichen Stichen in der Wohnung in der Frankfurter Straße hatte sich das Ehepaar mit dem Auto auf den Weg nach Bulgarien gemacht. Von dort stammen beide. Unterwegs passierte ein Unfall, von dem der Angeklagte am Dienstag detailliert berichtete. Er sprach von kaputten Reifen, davon, dass ihm in der Werkstatt gesagt worden sei, am Auto sei ansonsten alles in Ordnung. Davon, dass er das nicht geglaubt und die Werkstatt ihm schließlich das Auto abgekauft habe. Klare Aussagen, strukturiert und logisch. Doch der Angeklagte sprach auch über die Art, wie er in den Tagen davor die Welt wahrgenommen habe. Ganz anders als sonst sei das gewesen, ohne dass er es so richtig erklären konnte. Der Bad Nauheimer erwähnte den Moment bei der Rückfahrt, als er - der Schwager saß am Steuer - aus dem Fenster springen und sich damit umbringen wollte. Sie seien über Friedberg gefahren, hätten bei der Psychiatrie geklingelt, den Besuch dort habe er selbst auch eingesehen. Doch geöffnet habe niemand. Der junge Mann erwähnte auch seinen Drogenkonsum. In den letzten Zeit vor dem Blutbad habe er mindestens ein bis zwei Mal am Tag gekifft. Und die Beziehung zu seiner Frau? »Alles war normal. Das Kind war auch geplant.« (agl)

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