30. August 2018, 19:52 Uhr

Blick über den Tellerrand

30. August 2018, 19:52 Uhr
Avatar_neutral
Von Gerhard Kollmer
M. Vollet

Gehört Pedro Calderón (1600-1681), der berühmteste Literat des spanischen »siglo de oro«, wirklich in eine philosophische Vortragsreihe? Dr. Mathias Vollet, Leiter der Kueser Akademie für Geisteswissenschaften und gern gesehener Gast in Bad Nauheim, bemühte sich in seinem Vortrag zum Auftakt der Herbst-/Wintersaison um die Bejahung dieser skeptischen Frage – und das erfolgreich, wie sich nach kurzer Zeit herausstellte.

Am Beispiel von Calderóns zwischen 1635 und 1641 entstandenen Werken »Das Leben ein Traum« und vor allem »Das große Welttheater« rekonstruierte Vollet das Weltbild des tiefgläubigen Autors. Die Welt als Bühne, wir Menschen austauschbare Schauspieler, denen Gott ihre Rollen zuweist: Diese Grundidee prägt Calderóns überraschend modern anmutendes »Welttheater« als allegorisches Rollenspiel. Die Akteure begreifen sukzessive während des Spiels, dass sie nicht nur auf der Theaterbühne ein Schauspiel aufführen, sondern dass auch ihr ganzes Leben nichts anderes ist.

Umstrittene Lehre

Diese Enttäuschung über die eigene Nichtigkeit mündet jedoch nicht in Verzweiflung, sondern endet mit dem Lobpreis Christi. Von seiner Gnade beschenkt, jedoch nicht bestimmt, können wir Menschen uns aus freiem Willen zum Gehorsam gegenüber Gott entscheiden – oder auch nicht. Der Referent unterstrich, dass Calderón ein Anhänger und literarischer Vertreter der – bis heute umstrittenen – Lehre vom freien Willen war, wie sie von dem jesuitischen Theologen Luis de Molina vertreten wurde. Aber steht die Grundthese des anderen behandelten Dramas »Das Leben ein Traum« nicht zu diesen eher optimistischen Thesen in merkwürdigem Widerspruch? Unser ganz naiv für wirklich, real gehaltenes Leben ist nichts anderes als Traum, das heißt, irreal, wesenlos! Alles, was wir für Realität halten, ist es nicht, sondern nur schattenhaftes Abbild einer für uns unzugänglichen Realität – ähnlich der Aussage von Platons »Höhlengleichnis«. Ist eine radikalere Relativierung alles Menschlichen überhaupt noch denkbar? Aber Calderón zeigt sich auch in diesem Werk nicht als Pessimist. Durch die gnadenhaft vermittelte Teilhabe an der Wirklichkeit Gottes als »ens realissimum« kommt unserem Leben eine eigene Bedeutung, eigene Wirklichkeit zu. Wer dieses göttliche »Angebot« ausschlägt, wird als wesenloser Schatten, als Traum »existieren«.

Auf Descartes – den wenige Jahre älteren Zeitgenossen Calderóns – eingehend, zeigte der Referent die fundamentalen Unterschiede beider Denker auf. Sicher sein, dass ich nicht nur der Traum eines »deus malignus« (»böswilliger Gott«) bin, der es auf meine Täuschung abgesehen hat, kann ich nur dadurch, dass ich mich als denkendes Wesen begreife. Mit diesem »ego cogito« habe ich den unerschütterlichen Beweis meiner eigenen Existenz. Als Fazit nach 45 intensiven Minuten und dankbarem Applaus bleibt: Der Blick über den Tellerrand hat sich gelohnt. (Foto: gk)



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos