03. Oktober 2019, 18:38 Uhr

Blechmusik trifft Bierbraukunst

03. Oktober 2019, 18:38 Uhr
Im Kur-Sinfonieorchester Bad Nauheim spielen mehr als die Hälfte Lehrkräfte der Musikschule mit. Unter der Leitung von Dirigent Martin Spahr erfreuen sie das Publikum mit einem anspruchsvollen Konzert. (Foto: hms)

Wohl der Kurstadt, die ein solches Kur-Sinfonieorchester hat. Voll des Lobes war das Publikum am Sonntag beim Sinfoniekonzert im Jugendstil-Theater. Mit Beethoven, Strauss und Dvorák standen drei Wegbereiter der Jahrhunderte auf dem Programm. Wegbereiter für Jahrhunderte sind auch, was Interpretation, Hörgenuss und Ausbildung angeht, der junge Gießener Dirigent Martin Spahr und Solohornist Martin Gericks vom Philharmonischen Orchester Gießen. Im Orchester spielten ebenfalls Wegbereiter: Lehrkräfte der Musikschule Bad Nauheim, die vor einer Reihe zuhörender Schülerinnen und Schüler ihr Können präsentierten.

Diese Konzerte haben etwas Besonderes. Nicht nur, dass viele junge Menschen mitspielen und junges Publikum anziehen, sondern auch, dass Konzertmeister Michael Strecker stets launige Bemerkungen zu den Werken parat hat. Diesmal erfuhr man, dass der römische Patrizier Coriolan, dem Beethoven seine Schauspielouvertüre nachempfunden hat, einen lausigen Charakter hatte. Die Divergenz in seiner Persönlichkeit arbeitete Beethoven so deutlich heraus, dass sein aufbrausendes Wesen nicht zu überhören und seine unbeugsame Schroffheit im Geigenstrich spürbar wurde. Die Gefühlswelten schwankten bis zum kaum hörbaren Pizzicato, Coriolans Selbstmord andeutend. Spahr, groß und schlank, agiert wie ein Magier: Er zieht alle Stimmen in seinen Bann und lässt das Publikum staunen. Es ist eine Freude, dem Konzertmeister und Musikalischen Leiter der Sparte Theater am Gießener Stadttheater zuzuschauen. Von der großen Geste wechselte er in eleganten Bewegungen zum kleinen Fingerzeig, präzise und souverän, energisch und gefühlvoll. Das Orchester folgte ihm gerne, die Freude stand ihnen zuweilen ins Gesicht geschrieben.

Dass Blechmusik und Bierbraukunst zumindest im Elternhaus von Richard Strauss nicht weit voneinander entfernt waren, erklärte Strecker so: Der Vater war Solohornist am Hoforchester in München, und die Mutter stammte aus der Bierbrauerdynastie Pschorr. Der offensichtlichen Virtuosität des Vaters widmete Sohn Richard sein Spätwerk, das grandiose Konzert für Horn Nr. 2. Gleich zu Beginn bekam man einen Eindruck von der traumwandlerischen Leichtigkeit, mit der Gericks zwischen rasanten Läufen, unerwarteten Schlenkern, ausgedehnten und signalhaften Tönen jonglierte. Immer wieder tauchten die typischen Strauss-Harmonien und bekannte Themen auf, zusammengefügt zu einem spannenden und wirklich nicht einfach zu spielenden Werk.

Leichtfüßige Walzerstimmung

Mit seiner 8. Sinfonie, die zu seinen Lebzeiten als vierte bezeichnet wurde, war Antonín Dvorák sein eigener Wegbereiter in die Neue Welt. Die vier Sätze wirken leicht und melodiös, schwingen im Walzertakt und setzen markant-rhythmische Akzente; eine Inspiration von der slawischen Landschaft um seinen Sommersitz. Das Orchester spielte so einfühlsam, dass man in der hörbaren Stille der Natur ferne Vogelstimmen wahrnehmen und sich auf den Flügeln der Holzbläser davontragen lassen konnte. Im Tutti waren sie gerade so kräftig, dass die leichtfüßige Walzerstimmung - wahrscheinlich ein Einfluss Tschaikowskys, den er gerade erst kennen gelernt hatte - nicht kippte. Dvorák muss viele Ideen im Kopf gehabt haben: hier ein Horntriller, dort eine virtuose Flötenmelodie, poetische Momente und prägnante Cellopassagen - und dann das vorwärts strebende Blech, das einen fulminanten Schluss vorbereitete. Dieser Gesamteindruck riss das Publikum mit Bravorufen und begeistertem Applaus von den Sitzen. Schade, dass etliche unbesetzt geblieben waren.

Das nächste Konzert in der Reihe Bad Nauheimer Sinfoniekonzerte findet am Sonntag, 20. Oktober, um 16 Uhr im Jugendstiltheater statt. Es spielt die Kammerphilharmonie Bad Nauheim mit Peter Philipp Staemmler, Violoncello, unter der Leitung von Uwe Krause.

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