06. Dezember 2018, 20:41 Uhr

Bitterböse Persiflagen

06. Dezember 2018, 20:41 Uhr
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Von Hagen Kreische
Über die zwei lästert Andy Ost besonders gerne: Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan. (Foto: hkr)

Der »Wiederholungstäter« hat sein Publikum in Bad Nauheim gefunden, und es ist längst nicht mehr die »radikale Minderheit« die zu Besuch kommt wenn Andy Ost der Künstler ist. Mit schwarzhumoriger Lässigkeit spielt sich die »faulste Sau« in der Welt der Comedy« selbstironisch ins Herz des Publikums. In einer Weihnachtszeit, in der mühelos »Last Chrismas« durch »Atemlos« ersetzt wird, singt und kalauert sich der gebürtige Hanauer sympathisch durch sein Programm »Kunstpark Ost«.

Natürlich macht sich Ost auch über das Trump’sche Toupet lustig, Erdogan wird politisch bewusst unkorrekt Opfer einer melancholischen Ballade wegen widersinniger Großmachtallüren, und selbst die Mannschaft muss Haare lassen, denn für die EM 2024 fehlen die echten »Kampfschweine«.

Im Polit- und Sportzirkus nimmt Ost Jogi’s Selbstbekümmerung auf die Schippe, lehnt grüne Smoothies als Antreiber wie Hightech-Wäsche aus dem Labor als Garant des Gewinnens ab.

In der »Head-Down-Gesellschaft«, dort wo der aufgeklärte Bürger mehr aufs Handy starrt als auf seine Umwelt achtet, sucht Ost den Kontakt zum Gast. Tuchfühlung und Präsenz sind wieder der Schlüssel zum Erfolg, und Ost gestaltet einen gelungenen Abend (»die lange Runde in Bad Nauheim«) mit Mit-Sing-Liedern und bitterbösen Persiflagen. Da ist Oma bei Facebook und mehr online als der Enkel, selbst Viren werden digital aufbereitet. Bissig darf es sein und Spaß pur macht Ost.

Kabarett und Kunst und Gäste begeben sich auf eine »Reise zu sich selbst«. Gerade mit den Parodien auf Herbert Grönemeyers unrythmischen Gesang und Udo Lindenberg breitlippiges Gestammel, die viel Konzentration verlangen, findet Ost sein Publikum. Sein Programm ist dabei die »Summe von ganz viel Hinfallen und Scheitern«, aber auch Ausdruck des Weitermachens.

Aggressive Beinenthaarung

Gerade sein »Lied zu deutschen Einheit« ist für Ost-Fans ein Geheimtipp, ohne in den Charts zu sein. Der »Soundtrack des Lebens« verlangt nach Vielseitigkeit: Als Vater kann er ein Lied davon singen, wie Elternabende zur Herausforderung werden. Und wenn er sich an seinen Schulfreund H. W. erinnert, ein Außenseiter und Nerd, der Wirtschaftsweiser wurde, ist Ost im prallen Leben seines Publikums angekommen. Und wenn er schalkhaft, gefühlsnah und plastisch von aggressiver Beinenthaarung als männliches Martyrium berichtet, findet er seine Zuhörer.

Wer sich bei »Kunstpark Ost« gut aufgehoben fühlt, steht »kurz vor der Erleuchtung«: Künstler und Publikum begeistern sich gegenseitig, ein herrlicher Abend für die Bad Nauheimer, ein Glückfall der Kleinkunst und unwiederbringliches Vergnügen im ausverkauften Theater am Park.



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