Diese Premiere im voll besetzten Badehaus 2 unter der Regie von Viola Tscheuschner ist eine Zumutung – im besten Wortsinn: In quälend langen zweieinhalb Stunden wird dem Zuschauer nichts erspart. Vor seinen Augen vollzieht sich ein zunehmend absurder, hysterischer werdendes Geschehen, in dem die 22 überwiegend jugendlichen Protagonisten wirklich alles geben – bis an ihre eigene und die Schmerzgrenze des zahlreich erschienenen Publikums.

Dies gilt für den ungeheuren körperlichen Einsatz in den vielen Kollektivszenen wie auch die Fähigkeit, sich der jeweils verkörperten Figur empathisch anzuverwandeln, ja fast mit ihr zu verschmelzen.

Aber der Reihe nach: Der US-amerikanische Dramatiker Arthur Miller bringt im Januar 1953 sein Drama »Hexenjagd« (»The crucible«) auf die Bühne und landet damit einen großen Erfolg. Worum geht es? Im Jahr 1692 kommt es in der Kleinstadt Salem in der Provinz Massachusetts zu einem Ausbruch kollektiven Hexenwahns, nachdem eine Gruppe junger Mädchen bei okkulten Ritualen im Wald beobachtet wurde. Aus Angst schieben die Halbwüchsigen die Schuld auf andere, unbescholtene Bürger der Stadt, von denen sie angeblich verhext worden seien.

Zwei Geistliche und der stellvertretende Provinzialgouverneur inszenieren schließlich einen makabren Hexenprozess. Miller will mehr bieten als ein reines Historiendrama, deshalb geht er mit der realen Begebenheit aus der Kolonialzeit relativ frei um.

Schreiend auf dem Boden

Abigail Williams, 17-jährige Waise und Nichte des bigotten Reverend Samuel Parris (Benjamin Berthold), hat die pubertierenden Mädchen zu ihrem (völlig harmlosen) Tun angestiftet und versucht nun mit allen Mitteln, in erster Linie sich selbst aus der Affäre zu ziehen. Wie Fee Nußbaum dieses eiskalt berechnende, scheinbar gefühllose Mädchen mit intensiver erotischer Ausstrahlung präsentiert, ist bewundernswert. Es sind vor allem ihr ehemaliger Liebhaber, der ansonsten ehrbare Farmer John Proctor (Marco Pollesch), und seine ihn trotz allem liebende Frau Elizabeth (Martina Exeler), die Abigail aus gekränkter Eitelkeit denunziert.

Das Ehepaar Proctor und der in Ehren ergraute Giles Corey (Hermann Römer) mit seiner Frau Martha (Sonja Paulssen) gehören zu den wenigen wirklich aufrichtigen Charakteren, die inmitten des um sich greifenden kollektiven Verfolgungswahns (Proctor: »Warum verklagt hier jeder jeden?«) bei Sinnen bleiben. Im Gegensatz dazu steht das Ehepaar Thomas (Rainer Eckhardt) und Ann Putnam (Sonja Paulssen) für eine pervertierte Pseudo-Religiosität, von deren nonkonformistischen, puritanischen Wurzeln in der Neuen Welt nichts mehr geblieben ist.

Alle drei Paare werden von ihren Darstellern – in ihrer Hilflosigkeit und Gebrochenheit – zutiefst glaubwürdig verkörpert.

Überhaupt: Millers »Personal« besteht nur aus gebrochenen Charakteren. Hier findet sich weder das abgrundtief Böse noch das leuchtend Gute. Dies gilt auch für Reverend Parris wie den gelehrten Experten für Hexerei, John Hale (Silas Ludwig). Beide Geistlichen sind in ihrem Wahn, ihrem Opportunismus, ihrer Ängstlichkeit abstoßend und bemitleidenswert zugleich. Zu spät bereuen sie ihr passives Mitläufertum.

Eine weitere Hauptrolle spielt Amaya Russ als Proctors Magd Mary Warren. Dem jungen Mädchen fehlt der Mut, Abigails Beschuldigungen vor Gericht als Lügen zu entlarven, und es zerbricht darüber – all dies ist sehr bewegend dargeboten. Dramatischer Höhepunkt ist der Prozess unter Vorsitz des Provinzgouverneurs Thomas Danforth (souverän verkörpert von Stefan Wendt). Die letzten Reste von Besinnung und Vernunft gehen im totalen Paroxysmus unter, bei dem sich fast alle Protagonisten entweder markerschütternd schreiend auf dem Boden wälzen oder wie Wahnsinnige aufeinander einprügeln. Proctor endet am Galgen; Corey wird im Kerker zu Tode gequält.

Spätestens jetzt muss auch dem Letzten klar geworden sein, wozu »unbescholtene« Bürger und »naive« Halbwüchsige unter bestimmten Bedingungen fähig sind – nicht nur einst, sondern auch heute und in alle Zukunft.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arthur Miller
  • Bürger
  • Dramatikerinnen und Dramatiker
  • Erotik
  • Feen
  • Geistliche und Priester
  • Halbwüchsige
  • Hexenprozesse
  • Liebhaber
  • Pubertät
  • Schauspieler
  • Friedberg
  • Gerhard Kollmer
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos