07. November 2019, 17:00 Uhr

Comedy zum Nachdenken

Bildungsarbeit mit Humor: Am Freitag in Florstadt

Extremismus ist eigentlich kein Thema, das zum Lachen taugt. Oder doch? Die Comedienne Idil Nuna Baydar kommt am Freitag mit ihrem Programm »Ghettolektuell« nach Florstadt.
07. November 2019, 17:00 Uhr
»Deutschland, wir müssen reden!«, fordert die Comedienne Idil Nuna Baydar. Sie räumt auf mit altbekannten Stereotypen, nagelneuen Schimpfwörter, ungelogenen Wahrheiten und garantierten Tatsachen - am Freitag, 8. November, in Florstadt. (Fotos: Cengiz Karahan/pv)

Es gab schon mal schönere Nachrichten. Der antisemitische Anschlag in Halle, das Ergebnis der Landtagswahl in Thüringen, und ja, auch die Posse um den Ortsvorsteherposten in der Waldsiedlung besorgen viele Menschen. »BuntErLeben« hält dagegen: mit einem Comedy-Abend in Florstadt. Darf man über Fremdenfeindlichkeit und Extremismus lachen? Unbedingt, sagt Rochsane Mentes.

Die Comedienne Idil Nuna Baydar kommt am Freitag mit ihrem Programm »Ghettolektuell« nach Florstadt. Dann wird sie zu Jilet Ayse und fordert: »Deutschland, wir müssen reden!« - über altbekannte Stereotypen, nagelneue Schimpfwörter, ungelogene Wahrheiten und garantierte Tatsachen. Ab 20 Uhr steht sie auf der Bühne vom Saal Lux, auf Einladung von »Florstadt kulturell« und »BuntErLeben«/Partnerschaft für Demokratie der Mittleren Wetterau. Rochsane Mentes leitet deren Koordinierungs- und Fachstelle.

Fremdenfeindlichkeit und Extremismus sind ja eigentlich keine Themen, die zum Lachen taugen. Oder doch?

Rochsane Mentes: Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich sind Fremdenfeindlichkeit und Extremismus nicht lächerlich, sondern müssen unbedingt ernst genommen werden. Über die Opfer eines rassistisch motivierten Anschlags möchten wir nicht lachen. Doch wenn man sich den Meinungsaustausch, zum Beispiel in den Kommentarspalten im Internet unter einem Artikel zum Thema, ansieht, dann wäre es wünschenswert, dass dieser nicht so verbiestert stattfinden würde. In der Begegnung mit anderen und gerade auch in der Diskussion kontroverser Themen öffnet Humor uns Räume und bietet Kontaktmöglichkeiten. Generell wollen wir in unserer Arbeit mit einem positiven Ansatz, mit einem »Für« anstelle eines »Gegen« herangehen. Und da hilft es ungemein, wenn man auch mal lacht.

»In den eigenen Vorurteilen ertappt«

Was erhoffen Sie sich von Idil Nuna Baydars Auftritt? Was kann Comedy, was traditionelle politische Bildung nicht kann?

Mentes: Ich würde sagen, dass Comedy und politische Bildung in vielen Punkten das Gleiche können, aber dass es uns mit dem humoristischen Ansatz leichter fällt, Menschen zu erreichen. Wenn wir uns Idil Nuna Baydar als Jilet Ayse ansehen, vergessen wir schnell, dass es sich um eine Kunstfigur und um einen Auftritt handelt. Sie spricht Gedanken und Situationen an, bei denen wir uns in den eigenen Vorurteilen ertappt fühlen. Wir sind irritiert und fangen an nachzudenken. Im Idealfall gehen wir nach so einem Comedy-Abend mit vielen neuen Erkenntnissen nach Hause. Das ist eine wertvolle Lernerfahrung. Also auch Bildungsarbeit, aber anders verpackt.

Sie gestalten schon seit einigen Jahren das interkommunale Projekt »BuntErLeben« maßgeblich mit. Was würden Sie als größte Erfolge bezeichnen?

Mentes: Durch die Vielzahl der unterschiedlichsten Projekte, die wir seit 2011 fördern durften, haben wir eine große Anzahl von Menschen in der Mittleren Wetterau erreicht. Wir sind bekannt und in den Kommunen »angekommen«. Das ist meines Erachtens unser größter Erfolg. Vom anfänglichen »Was haben wir denn hier im Verein mit dem Thema zu tun? Wir wollen doch nur Sport, Musik etc. machen« sind wir inzwischen bei vielen Menschen angelangt, die sich damit identifizieren, die erkannt haben, dass das Thema sie etwas angeht. Das konnten wir nur durch eine sehr gute Öffentlichkeitsarbeit erreichen. Aber natürlich kommt der Erfolg nicht nur von einem eingängigen Spruch und einem bunten Logo, sondern vor allem deshalb, weil unser Projekt von Anfang an Chefsache in den Kommunen war. Die Bürgermeister zeigen Gesicht, sie stehen für unseren Slogan »Gemeinsam für Vielfalt und Respekt«. Das erreicht die Zivilgesellschaft. So bekommen unsere Themen den Stellenwert, den sie haben müssen.

Fünf weitere Jahre »BuntErLeben«

Erleben Sie auch Frust in Ihrer täglichen Arbeit? Wo geht es nicht voran?

Mentes: Natürlich ist es sehr frustrierend, wenn nach Jahren der Ruhe wieder rechtsextreme Kräfte erwachen und rechtsextreme Vorfälle in Bund, Land und hier bei uns in der Wetterau wieder deutlicher werden. Da darf man nicht aufgeben und muss am Ball bleiben. Außerdem wäre es wünschenswert, wenn wir das Demokratiefördergesetz bekommen würden und unsere Maßnahmen nicht befristet wären. Tja, und was soll ich sagen: Das deutsche Vergabe-, Vertrags-, Rechnungs- und Berichtswesen ist eine Baustelle, die man ganz sicher nur mit Humor ertragen kann.

Welche Projekte stehen als nächstes an?

Mentes: Ich freue mich, dass es mit dem Bundesprogramm »Demokratie leben!« weitergeht. Wir warten aktuell auf den Zuwendungsbescheid für die nächsten fünf Jahre. Dann haben wir bis Ende 2024 wieder Mittel, um viele neue »BuntErLeben«-Projekte in unseren vier Kommunen zu fördern. Aktuell gehen wir den Ausbau des Jugendforums in Echzell, Florstadt, Reichelsheim und Wölfersheim an. Die Tatsache, dass so viele junge Menschen ein Interesse an (kommunal-)politischen Themen haben, lässt mich positiv und lachend in die Zukunft schauen.

Karten an der Abendkasse

Im Comedy-Programm »Ghettolektuell« wird, so die Ankündigung, ein ganzes Land zum Gespräch gebeten. Ein Land, in dem Idil Nuna Baydar lebt und das ihr zunehmend Sorgen bereitet. Sie hat als hier geborene und vom Umfeld geprägte Berlinerin einiges an Migrations-Hintergründigkeit zu bieten und tut das gerne und vehement vor allem in ihrer typischen Figur Jilet Ayse auf sehr eindrucksvolle Weise. Karten für den Comedy-Abend mit Idil Nuna Baydar am Freitag, 8. November, 20 Uhr im Saal Lux in Nieder-Florstadt gibt es am Service-Schalter im Rathaus (Telefon 0 60 35/96 99 10), im Reisecenter Florstadt und an der Abendkasse.

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