07. August 2019, 20:17 Uhr

Bewegte Bauwerkhistorie

07. August 2019, 20:17 Uhr
Peter Schubert informiert über die Geschichte der 24 Hallen. Um den Verlauf der Bahnstrecke hat es im 19. Jahrhundert Differenzen gegeben. (Foto: emh)

Eines der bedeutendsten Industriedenkmäler des Wetteraukreises, die 24 Hallen in Friedberg, sind anlässlich der Tage der Industriekultur einer großen Interessentenschar präsentiert worden. Johannes Kögler, Leiter des Wetteraumuseums, und Prof. Peter Schubert gaben etwa 40 Teilnehmern Wissenswertes zu dem Bau weiter. Bei den 24 Hallen handelt es sich um das Rosental-Viadukt der Main-Weser-Bahn.

Bevor es ans Bauen gegangen sei, hätten politische und technische Hindernisse aus dem Weg geräumt werden müssen, erläuterte Schubert, Co-Autor eines Buches über das Bauwerk. Allein schon der Trassenverlauf der von Frankfurt nach Kassel geplanten Main-Weser-Bahn sei umstritten gewesen. Ob durch die Seewiese ins Zentrum von Bad Nauheim oder über den Friedberger Höhenrücken. Der Großherzog von Hessen-Nassau war allem Modernen gegenüber aufgeschlossen, hatte seine Sommerresidenz in der Friedberger Burg und wollte die Bahn nahe daran vorbeiführen. Das Kurfürstentum Hessen-Kassel - dazu gehörte Bad Nauheim - war gegen den Bahnhof in der Innenstadt, er sollte am Rande liegen. Nach fünfjährigen Verhandlungen kam es 1845 zu einem Staatsvertrag; bereits 1850 konnten täglich vier Züge in jeder Richtung zwischen Frankfurt und Butzbach verkehren, 1852 ging es dann bis Kassel.

Damals dienten in Deutschland die Aquädukte der Antike als Vorbilder. Entsprechend wird die fast 300 Meter lange Brücke über das Tal der Usa von 24 Pfeilern getragen, die mit Halbkreisbögen verbunden sind.

Obwohl in seinen vorherigen Bauten statische Probleme aufgetreten waren, wurde Peter Hochgesand als Sektionsingenieur berufen. Er plante das 16 Meter hohe Bauwerk ab 1846. Die Gliederung erfolgt in je dreimal acht Bögen mit optischer Trennung durch oktogonale Turmbauten und Endtürme.

Mit Bekanntwerden des Bauplans schafften Bleichenbacher Bürger in der Hoffnung auf gute Geschäfte aus den dortigen Steinbrüchen mengenweise Sandsteine an die Usa. Als diese sich jedoch als zu weich erwiesen, verarmten Familien, die sich verspekuliert hatten, und mussten auswandern.

Idee vom gläsernen Museum

Erstmals in der Baugeschichte konnte man Mitte des 19. Jahrhunderts Bauwerke im Hinblick auf ihre Belastbarkeit berechnen. Das gelang hier so gut, dass bis heute Züge sicher über die 24 Hallen fahren könnten. Dennoch wurden sie 1982 aufgelassen zugunsten einer benachbarten Betonbrücke mit geändertem Kurvenradius, der eine höhere Zuggeschwindigkeit ermöglichte.

Das von Kögler mitgebrachte Bildmaterial verortete das Bauwerk in die Landschaft und vermittelte über Luftaufnahmen einen Eindruck von den inzwischen drei Bahntrassen, die in Friedbergs Norden die Usa queren. Im Zweiten Weltkrieg sei die Brücke nicht bombardiert worden, sagte Schubert. Dem widersprach der in der Usa-Vorstadt lebende Zeitzeuge Werner Jung. Er habe einen Bombenabwurf beobachtet, der das Brückengeländer getroffen und unten einen gewaltigen Bombenkrater habe entstehen lassen.

Obwohl 1981 das Viadukt ins Denkmalbuch des Landes eingetragen wurde, sollte es wenig später abgerissen werden. Eine Unterschriftenaktion zum Erhalt der Brücke verhinderte den Plan. »Damit begann das Trauerspiel um die Brücke«, wie Schubert es formulierte. Der Kreisstadt sei eine Million Mark zur Pflege des Bauwerks angeboten worden, sie habe jedoch nichts damit zu tun haben wollen. 1993 habe die Bahn das Viadukt für 10 000 Mark an Privatinvestoren verkauft. Eine Ideenskizze für ein gläsern überbautes Verkehrsmuseum sei nicht zum Zuge gekommen. Nutzungsmodelle von Schülern und von Darmstädter Studenten hätten weder unternehmerische noch politische Unterstützung gefunden. 2006 habe die Helios Energie GmbH die Genehmigung für den Bau einer Solaranlage erhalten, die vom Kreisbauamt 2008 gestoppt worden sei. Ein neuer Bauantrag des Investors ruhe seit 2010. Auf Nachfrage bei den Behörden heiße es, alles sei juristisch einwandfrei, beklagte Schubert das seit Jahrzehnten mangelnde Interesse der Politik an dem herausragenden Baudenkmal.

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