14. Dezember 2018, 08:00 Uhr

Abschied nach 60 Jahren an der Orgel

Bei Ortwin Musch hat das Gotteslob viel Schwung und Pep

60 Jahre lang saßen nur wenige Organisten an den Manualen und Pedalen der »Königin der Instrumente«. Ortwin Musch hat dieses seltene Jubiläum erreicht. Am Samstag nimmt er Abschied.
14. Dezember 2018, 08:00 Uhr

Als Ortwin Musch 40-jähriges Organistenjubiläum feierte, versprach er, er werde Orgel spielen, »bis ich merke, es geht nicht mehr«. Das ist 20 Jahre her, es geht noch immer. Irgendwann muss aber einmal Schluss sein, und so wird der 80-Jährige am kommenden Samstag im Festgottesdienst verabschiedet.

Die Ossenheimer Kirche ist eigentlich ein Kirchlein. Gut hundert Besucher passen in die Bänke. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn auch die Orgel eher klein ausfällt. Meterhohe Pfeifen sucht man auf der Empore vergebens. Nur ein Lautsprecher hängt an der Wand. Darunter sitzt Ortwin Musch hinter einer elektronischen Heimorgel mit zwei Manualen und Fußpedal. »Passen Sie mal auf. Ich habe einen Expander«, sagt Musch, betätigt an einem kleinen, schwarzen Kasten einen Schalter und – man muss das so sagen – haut in die Tasten: Im lustig-beschwingten Honky-Tonk-Sound erklingt mitten im Winter »Nun will der Lenz uns grüßen«.

Ich bin heim gerannt und habe meinen Eltern gesagt: Ich will ein Akkordeon zu Weihnachten, sonst nichts

Ortwin Musch

Mit dem frühlingshaften Volkslied eröffnete Musch neulich den »Musikalischen Advent« des Mandolinenclubs Maiengrün. Das Programm folgte dem Jahresverlauf, und so konnte Musch auch mal andere Lieder als nur Choräle oder Präludien spielen. »Ich komme aus der Tanzmusik«, erzählt er. »Topsi-Sextett«, »Twilight« und »Kapelle Otto« hießen die Bands, bei denen er in den 1950er-Jahren Akkordeon und Orgel spielte. Der Big-Band-Sound inspirierte ihn, der Swing von Hugo Strasser, die Musik des HR-Tanzorchesters unter Willy Berking. Viel später sorgte er mit den »Fidelen Wetterauern« mit Volksliedern für Unterhaltung. Den Swing, die Leichtigkeit und Spiellust seiner Jugend hat er sich erhalten, auch beim Orgelspiel in der Kirche. »Ich habe das immer sehr gerne gemacht«, verrät er. Musch war und ist ein Organist mit Herzblut.

Angefangen hat alles in der Weihnachtszeit, und das im doppelten Sinne. Der Dorfschullehrer Günther Hoffmann hatte die Kinder im Advent aufgefordert, ein Musikinstrument mit in die Schule zubringen. Musch steckte eine Mundharmonika ein, ein Klassenkamerad aber packte ein Akkordeon aus. Als er den Klang hörte, sei er »verrückt geworden«, erzählt. »Ich bin heimgerannt und habe meinen Eltern gesagt: Ich will ein Akkordeon zu Weihnachten, sonst nichts.«

Als er den Geschenkkarton unterm Weihnachtsbaum sah, dachte er, da drin stecke eine Schreibmaschine. Doch der kleine Ortwin bekam ein (kleines) Akkordeon. »Meine Eltern haben sich dafür krumm gelegt.« Am gleichen Abend spielte er sein erstes Lied: »Süßer die Glocken nie klingen« in C-Dur.

 

Eingesprungen und dabei geblieben

 

Musch nahm Unterricht, bekam bald ein größeres Akkordeon, lernte auch Orgel und spielte als junger Mann abends zum Tanz auf. Dann kam der Sonntagmorgen des 21. Dezembers 1958, wenige Tage vor Weihnachten. In der Nacht zuvor war er mit der Tanzkapelle aufgetreten, jetzt holten ihn die Eltern unsanft aus dem Bett. »Du musst in der Kirche spielen.« Musch drehte sich wieder um, schlief weiter, bis sich die halbe Familie ums Bett versammelte. Der Sohn seiner Kusine sollte getauft werden, der Organist war krank. Also sprang er ein. Sein erstes Lied auf der Kirchenorgel, der Choral »Wie soll ich dich empfangen«, begleitet ihn seither.

Gerne erinnert er sich daran, wie er und sein Kollege Hans-Karl Jung aus Bruchenbrücken sich dabei abwechselten, den Pfarrer Launhardt von einem Gottesdienst zum nächsten zu kutschieren. »Der hatte kein Auto.« So kam zum Organistenamt noch ein ehrenamtlicher Chauffeurdienst dazu.

 

Nie mehr kalte Kirchen

 

Am 31. Dezember scheidet Musch aus dem Organistendienst aus. »Das wird nicht einfach. Aber ich mache ja weiter Musik.« Nur muss er dann zum Üben nicht mehr lange Unterhosen und dicke Strümpfe anziehen, weil Kirchen, wenn nicht gerade Gottesdienst gefeiert wird, nun mal kalt sind. Was er vermissen wird, ist »die anheimelnde Atmosphäre«, wenn im Gottesdienst die Orgel erklingt. »Musik ist gemeinschaftstiftend und deshalb wichtig für Gottesdienste.«

Viele Jahre lang war Musch Ortsvorsteher von Ossenheimer. Er war Stadtverordneter, sitzt für die SPD als ehrenamtlicher Stadtrat im Magistrat. Seine große Leidenschaft aber ist die Musik. »Ohne Musik kann ich mir das Leben nicht vorstellen.« Diese Leidenschaft hat er weitergegeben. Seine Tochter, die als Pfarrerin in Langen arbeitet, spielt Gitarre. Der Enkel wolle Klarinette und später Saxofon lernen. »Das unterstütze ich«, sagt Musch, drückt am Expander eine Taste, stellt die Register ein, stimmt den Choral »Wie soll ich dich empfangen« an, und die kleine Ossenheimer Orgel klingt fast so volltönend und stolz wie ein großes Instrument.

Info

Festgottesdienst in Ossenheim

Das 60-jährige Organistenjubiläum von Ortwin Musch wird am Samstag, 15. Dezember, mit einem Festgottesdienst gefeiert. Beginn ist um 14 Uhr (und nicht, wie andernorts vermerkt, um 18 Uhr). Pfarrer Christian Brost hat hierfür den Friedberger Kantor Ulrich Seeger und das Ossenheimer Vokalensemble eingeladen. (jw)

 

 

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