21. März 2019, 19:51 Uhr

Beängstigende Szenen

21. März 2019, 19:51 Uhr
Henning Stahl (l.) von der Bonifatiuskirche und Pianist Krystian Skoczowski erläutern den Film. (Foto: gk)

»Der Galiläer«: So lautet der Titel des 1921 im idyllischen Dreisamtal im Südschwarzwald mit mehr als 100 Komparsen gedrehten Stummfilms unter der Regie von Dimitri Buchowetzki. Nach dem Vorbild der Oberammergauer Passionsspiele zeigt er in eindrucksvollen Sequenzen die wichtigsten Stationen aus dem Leben und Sterben Jesu – wie den Einzug in Jerusalem, das letzte Abendmahl, seine Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung. Eine in den 1990er Jahren restaurierte Fassung von etwa 45 Minuten Dauer stand aauf dem Programm der »Konzerte an St. Bonifatius«.

Was der Vorführung in dem nur spärlich von Kerzenlicht erhellten Kirchenschiff ihren besonderen Wert verlieh, war die von Dr. Krystian Skoczowski an der Orgel gespielte, von ihm selbst komponierte und zusammengestellte Musik zum Film. Neben Franz Liszts Fantasie über den Bach-Choral »Weinen und Klagen« erklangen »O Haupt voll Blut und Wunden« und Johannes Brahms’ Variationen über diesen berühmten Choral Johann Sebastian Bachs. Skoczowskis eigene Kompositionen waren bestens auf den mit vielen Großeinstellungen arbeitenden Film abgestimmt. So entstand ein eindrucksvolles optisch-akustisches Klangbild.

Buchowetzkis Stummfilm ist äußerst kontrastreich, zuweilen beängstigend in seinen düster-dräuenden Monumentalszenen. »Er bringt uns Licht in unsere Finsternis«: Der begeisterte Empfang Jesu in Jerusalem löst bei den Hohenpriestern blankes Entsetzen aus. Kaiphas und Nathan erscheinen mit geradezu teuflisch verzerrten Fratzen als finsteres Gegenbild zur seltsam entrückten Lichtgestalt Jesus. Für den heutigen Zuschauer befremdlich ist diese aus dem Ungeist des jahrhundertalten christlichen Antijudaismus gespeiste extreme Schwarz-Weiß-Zeichnung Buchowetzkis.

Merkwürdig beklemmend

Seine Erlösergestalt trägt gleichsam »romanische« Züge. Die ihm zugefügten Demütigungen und Schmerzen bis hin zur brutalen Ermordung am Kreuz scheinen Jesus – mehr Gottessohn als Mensch – kaum zu treffen. Menschliche Züge zeigt er in wenigen Szenen – am bewegendsten beim einsamen Gebet im Garten Gethsemane: »Vater, laß diesen Kelch an mir vorübergehen.« Die Gestalt des Judas Ischariot ist hingegen – im Gegensatz zur sonstigen Schwarz-Weiß-Zeichnung – sehr differenziert angelegt, und er wirkt in seiner verzweifelten Zerrissenheit viel lebendiger als der oft in Standbildern gezeigte Erlöser. Bis hin zu der in brutaler Drastik gezeigten Kreuzaufrichtung bleibt der Stummfilm merkwürdig beklemmend. Vielleicht liegt es daran, dass Skoczowskis Agieren an der Orgel wesentlich mehr war als lautmalerische Filmmusik im herkömmlichen Sinn. Bis hin zu den wunderbaren Brahmsklängen am Ende der Aufführung war es eher die Musik als der Film, von der Licht und Hoffnung ausstrahlten. Herzlicher, lang anhaltender Beifall belohnte den Organisten für seine Leistung.

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