23. September 2019, 19:56 Uhr

Insolvenz-Drama

Bad Nauheimer Reisebüro zum Insolvenz-Drama vom Thomas Cook

Für das Team vom Bad Nauheimer Reise-Eck kam die Insolvenz-Nachricht unerwartet. Inhaberin Manuela Jakobi-Stamm hat bisher nichts Vergleichbares erlebt. Sie trifft es vor allem emotional.
23. September 2019, 19:56 Uhr
Für die Tonne: Durch diese Kataloge des insolventen Reiseveranstalters Thomas Cook wird im Bad Nauheimer Reisebüro Reise-Eck keiner mehr blättern. (Foto: Nici Merz)

Montagmorgen, 5.45 Uhr. Das Handy von Manuela Jakobi-Stamm blinkt auf - Thomas Cook meldet Insolvenz an. Die Eilnachricht bestätigt, was sie unterbewusst vermutete. Trotzdem dauert es etwas, bis sie die Meldung verdaut. Der Tag würde schwierig werden, da ist sie sicher.

»Ich hätte es wirklich nie gedacht«, sagt die Inhaberin des Bad Nauheimer Reisebüros Reise-Eck. Seit über 30 Jahren arbeitet die 52-Jährige in der Tourismusbranche. Ihr Geschäft bucht als Teil der »sonnenklarTV.«-Gruppe auch Reisen über Thomas Cook. Als erste Mutmaßungen über eine Insolvenz entflammten, hätte Jakobi-Stamm noch zu dem zweitgrößten Reiseveranstalter Europas gehalten. Eher würden kleinere Unternehmen dran glauben, dachte sie damals: »Die Wette hätte ich verloren.«

Um 6.30 Uhr erhält die Reisebüroinhaberin eine Mail von offizieller Seite. »Die Durchführung von Reisen mit Abreisedatum 23. und 24. September kann nicht gewährleistet werden. Jeglicher Verkauf von Reisen ist gestoppt«, heißt es auch auf den Internetseiten des Tourismuskonzerns und seinen Tochtergesellschaften. »Wir haben uns Listen ausgedruckt«, sagt Jakobi-Stamm. Darauf seien alle Urlauber vermerkt, die ab dem 23. September bis Ende 2020 mit Thomas Cook verreisen wollten. »Die war schon sehr lang. Außerdem stehen die Herbstferien stehen vor der Tür«, sagt die Inhaberin verdrossen. Obwohl der Anteil an Reisen über Thomas Cook in ihrem Büro eher gering sei, gelte es nun, die Betroffenen zu beruhigen. »Sie sind enttäuscht und verständlicherweise auch besorgt um ihr Geld«, sagt Jakobi-Stamm. Die Telefone im Reise-Eck stehen an diesem Tag kaum still. Jakobi-Stamm und ihr Team fühlen sich machtlos gegen den großen Konzern und die Insolvenz, trotzdem versuchen sie das bestmögliche zu tun, um ihre Kunden zu unterstützen. »Wir warten auf Informationen und tappen noch genauso im Dunkeln wie alle.«

In anderen Reisebüros in der Wetterau sieht die Lage ähnlich aus. Die Mitarbeiter scheinen ahnungslos und auch etwas hilflos. Niemand scheint so richtig zu wissen, wie es weitergehen soll. Auch nicht der Konzern selbst. »Wir loten derzeit letzte Optionen aus«, heißt es am Montag vom Tourismuskonzern. Sollten diese scheitern, könnte das auch das Ende für die Thomas Cook GmbH, Thomas Cook Touristik GmbH, Bucher-Reisen, Öger-Tours GmbH und weiterer Gesellschaften bedeuten. Deutschlandweit sind aktuell 140 000 Touristen mit deutschen Reiseveranstaltern von Thomas Cook im Urlaub. Rund 21 000 wollten am 23. und 24. September ihre Reise antreten. Jakobi-Stamm weiß von Gästen - nicht ihren -, die vor dem Abflug aus Fliegern geholt wurden. »Es macht einfach betroffen«, sagt sie.

Jakobi-Stamm trifft das Insolvenz-Drama um Thomas Cook mehr emotional als wirtschaftlich. »Für Vollbluttouristiker ist das eine harte Nuss«, sagt sie. Unzählige schöne Kataloge könne sie jetzt wegschmeißen. Einen erst kürzlich herausgebrachten Bildband über die Geschichte des Traditionsunternehmens wird sie nun nur noch wehmütig durchblättern können. »Es ist sehr, sehr, sehr bedauerlich.«

Die Situation vieler Reiseunternehmen schätzt Jakobi-Stamm als »nicht lebensbedrohlich« ein. Für Thomas Cook Reisebüros sei die Lage aktuell dennoch kritisch. »Ich hoffe einfach nur, dass man in Oberursel noch zu einer Lösung kommt.« (Foto: pm)

Das Pauschalreiserecht

Pauschalreisende sind durch die EU-Pauschalreiserichtlinie (§615r BGB) geschützt. Demnach muss jeder Reiseveranstalter sicherstellen, dass der Reisepreis im Falle einer Insolvenz erstattet wird. Zudem müssen Unterkunft und Rückreise sichergestellt sein.

Reiseveranstalter sind entsprechend gegen eine Insolvenz versichert und stellen einen Sicherungsschein aus. (kge)

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