25. Oktober 2017, 10:00 Uhr

Rückblick eines 68ers

Bad Nauheimer Politiker: Aus der Revolte in den Landtag

Als 16-Jähriger hat Bernd Messinger die 68er Zeit in Frankfurt erlebt, später gehörte er der ersten Grünen-Landtagsfraktion Hessens an. Als Buchautor blickt der Bad Nauheimer jetzt 50 Jahre zurück.
25. Oktober 2017, 10:00 Uhr
Bernd Messinger zu Besuch in der WZ-Redaktion. (Foto: bk)
Joschka Fischer kennt jeder. Doch wer, bitte schön, ist Bernd Messinger? Ein Grüner aus Bad Nauheim, der bei der Bildung der ersten rot-grünen Landesregierung ebenfalls am Verhandlungstisch saß. Für die Generation 68 hatte damals der vielzitierte Marsch durch die Institutionen längst begonnen. Der 65-Jährige hat ihn erfolgreich absolviert und blickt jetzt zurück – 50 Jahre, als die politische Landschaft neu geformt wurde.

Resümee aus Sicht von Zeitzeugen

Derzeit schwappt eine wahre Flut von Büchern über die Studentenbewegung von 1968 auf den Markt. Bernd Messinger und Co-Autor Claus-Jürgen Göpfert (Redakteur der Frankfurter Rundschau) haben ihren Beitrag »Das Jahr der Revolte – Frankfurt 1968« als unterhaltsames und informatives Resümee vor allem aus Sicht von Zeitzeugen angelegt (siehe weiteren Bericht). Als es so richtig los ging mit dem Aufruhr, als Rockmusik wichtiger wurde als ordentliche Kleidung, die Demo wichtiger als die Vorlesung, war der spätere Landtagsabgeordnete Messinger zarte 16 Jahre alt. »Die Studenten kamen damals in unsere Schule, haben viel erzählt. Verstanden haben wir kaum was.«

Leherer vom alten Schlag

Er und seine Altersgenossen waren vorwiegend mit Lehrern vom alten Schlag konfrontiert, viele hatten eine NS-Vergangenheit. Doch auch am Ziethen-Gymnasium in Frankfurt gab es junge Referendare, die vom üblichen Lehrplan abwichen. »Wir lasen das Rowohlt-Heftchen über die Notstandsgesetze«, erinnert sich der 64-Jährige. Neben Vietnam-Krieg, Ohnesorg-Erschießung und unbewältigter Nazi-Vergangenheit waren diese Gesetze der Aufreger bei vielen jungen Leuten.
 

Die Studenten haben viel erzählt, verstanden haben wir kaum was

Bernd Messinger


1968 kam es erneut zu Protesten gegen die Notstandsgesetze, für den Jugendlichen war es seine erste Demo. »Natürlich zogen wir am Mädchengymnasium vorbei, Jungen und Mädchen wurden ja getrennt unterrichtet.« Politik war für ihn noch nicht so wichtig – Musik stand im Vordergrund, die Stones oder Doors. 1972 startete Messinger sein Studium an der Frankfurter Uni, wurde bald zum Studentenvertreter gewählt. »Aus der 68er-Bewegung hatten sich viele Projekte gegründet. Der Kabarettist Matthias Beltz, den ich gut kannte, hat ein Theater eröffnet, das Linksradikale Blasorchester gründete sich«, erzählt der 65-Jährige. Zu seiner Politisierung trugen Startbahn-Protest und Häuserkampf im Westend bei. »Ohne Straßenschlachten wäre das Viertel abgerissen worden.«

Erfolgreiche Kandidatur für den Landtag
1985: Hessens Ministerpräsident Holger Börner (l) vereidigt den grünen Umweltminister Joschka Fischer. (Archivfoto: dpa)
1985: Hessens Ministerpräsident Holger Börner (l) vereidigt den grünen Umweltminister Josc...
Messinger, der sich als »undogmatischen Linken« bezeichnet, zog es in die Parteipolitik: Zwei Jahre nach Gründung der Grünen kandidierte er erfolgreich für den Landtag. 1985 saß er als Vize-Präsident des Parlaments am Verhandlungstisch, als Rot und Grün an ihrem ersten Bündnis auf Landesebene bastelten. »Eine sehr spannende Zeit. Völlig unterschiedliche Kulturen prallten aufeinander.

Inhalte statt Haare

Wir kamen aus der antiautoritären Bewegung, viele SPD-Abgeordnete waren Konservative aus Nordhessen.« Als »grantig und kantig« beschreibt der Bad Nauheimer den damaligen Ministerpräsidenten Holger Börner, der auf den jungen Joschka Fischer traf. Zwei Machtmenschen als Partner? Das funktionierte kurzzeitig, obwohl Börner lieber Otto Schily als Umweltminister vereidigt hätte. Über das provokante Äußere der Neulinge sah der Regierungschef hinweg. Messinger: »Ich leitete damals in Lederjacke und mit langen Haaren Landtagssitzungen. Doch Börner meinte, es gehe um Inhalte, nicht um die Länge der Haare.«

Bis 1990 blieb Messinger in Wiesbaden, dann mischte er in der Frankfurter Politik mit. Zunächst arbeitete er im Presseamt, gestaltete unter anderem das Fußball-WM-Programm. 2010, sechs Jahre zuvor war er nach Bad Nauheim umgezogen, wurde er Büroleiter von Bürgermeisterin Petra Roth. Ein Grüner als Vertrauensperson einer CDU-Chefin? Aus Sicht des 65-Jährigen kein Problem, denn Roth sei als »liberaler Geist« bekannt. »Sie schaut nicht aufs Parteibuch, ist viel weltoffener als etwa Holger Börner.«

Heute als Umweltdezernent tätig

Heute ist der Bad Nauheimer im Frankfurter Umweltdezernat tätig. Gerade ist er mit der Frage beschäftigt, wie der abgebrannte Goetheturm aufgebaut werden soll. Für Messinger eine Reise zurück in seine Kindheit: »Als Junge war ich oft auf dem Turm. Meine erste Erinnerung ist, als ich fünf Jahre alt war und mein Vater mich fragte, ob ich die vielen Stufen schaffe.« Groß war deshalb der Schock, als er vor den rauchenden Trümmern dieses Frankfurter Wahrzeichens stand.
 

Infokasten

Frankfurt als Hauptstadt der 68er

Für Bernd Messinger ist klar: »Frankfurt war die Hauptstadt der Studentenbewegung, fast mehr als Berlin.« Mit Ausnahme von Rudi Dutschke hätten alle führenden Figuren wie Daniel Cohn-Bendit, KD Wolff, Hans-Jürgen Krahl und später Joschka Fischer hier diskutiert und demonstriert. In der Mainmetropole sei es weniger dogmatisch zugegangen, vor allem Cohn-Bendit habe für Spontaneität und Humor gesorgt. Die Autoren beschreiben ausführlich, wie sich die Studentenbewegung in Frankfurt entwickelt hat, lassen Zeitzeugen wie Schriftsteller Peter Härtling oder Ex-Umweltminister Rupert von Plottnitz zu Wort kommen, portraitieren die Sprecher der 68er und interviewen Cohn-Bendit. Wichtiger als die politische Wirkung der Bewegung war aus Sicht von Messinger der kulturelle Aufbruch, der die deutsche Gesellschaft auf allen Gebieten verändert habe. »Das gilt bis heute. Politisch scheint es jetzt ein Rollback zu geben, hin zu mehr Nationalismus und Rassismus.« Der RAF-Terror, der den 68ern folgte, wird ebenfalls behandelt. Aus Sicht von Messinger ist es »der schwarzer Fleck der Studentenbewegung«, dass man dem Terror zu lange indifferent gegenübergestanden habe. Erst nach einer Rede von Fischer 1976 habe sich das entscheidend geändert.

Claus-Jürgen Göpfert, Bernd Messinger: Das Jahr der Revolte – Frankfurt 1968, Verlag Schöffling & Co., 303 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-89561-665-5. (bk)

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