27. Juni 2019, 19:43 Uhr

Außergewöhnliches Klangerlebnis

27. Juni 2019, 19:43 Uhr
Der koreanische Pianist Christopher Park widmet sich bei seinem Konzert den Komponisten Ravel und Schubert. (Foto: gk)

Ein besonderer Gast beehrte das Alte Hallenbad mit seinem Erscheinen: Christopher Park, mittlerweile weltweit konzertierender koreanischer Pianist aus Frankfurt, glänzte vor voll besetzten Stuhlreihen mit einem knapp anderthalbstündigen Programm der Extraklasse.

Die beiden Highlights des Konzerts bildeten - in Umstellung des Programms - den Auftakt des Abends. Maurice Ravels 1911 in Paris uraufgeführte achtteilige Suite »Valses nobles et sentimentales« ist eine höchst eigenwillige Hommage an den Wiener Walzer im Allgemeinen und Franz Schubert im Besonderen. Sie ist - laut Ravel - eines seiner am schwierigsten zu interpretierenden Werke. In der Tat: Von traditioneller Walzerseligkeit ist in diesem Dissonanzengewitter wenig mehr zu erahnen.

Extrem schwierige Läufe, weite Sprünge, Doppelgriffe, häufige Tempo- und Rhythmuswechsel, ständiges Auf und Ab von crescendo und diminuendo und diverse weitere technische Anforderungen verlangen dem Interpreten schier alles ab. Der jugendlich wirkende Star des Abends umschiffte all diese Klippen der 15-minütigen Suite scheinbar mühelos, ohne dabei in rein technisches Virtuosentum abzugleiten.

Bereits beim Hören des ersten Abschnitts fällt auf, dass Ravel entgegen dem klassischen Wiener Walzer nicht den ersten, sondern den dritten Takt betont. Neben den zahlreichen Dissonanzen erreicht er damit eine faszinierende Verfremdung. Unter anderem durch zurückhaltenden Pedaleinsatz gelingt es Christopher Park, Ton für Ton dieses betörenden Werks herauszumeißeln. Dank einer Akustik ohne Nachhall, die nichts »verschluckt«, wird ein hoch suggestives Klangerlebnis erzeugt.

Der fünfte Teil der Suite präsentiert einen Walzer ganz nach Schuberts Vorbild. Unmittelbar darauf folgt ein weiterer kurzer Walzer, angesichts dessen gewagter Tonzusammenballungen und abrupter Tempowechsel der Atem stockt. Sich überstürzende Akkord-Kaskaden, schwindelerregende Sprünge der linken Hand werden mit begeistertem Applaus quittiert.

Auf Ravels Walzersuite folgt ein weiteres Glanzlicht moderner Klavierliteratur: Igor Strawinskys 1921 geschriebene Klavierfassung seiner Ballettmusik »Petruschka«. In drei Teilen wird hier die traurige Geschichte der russischen Kasperpuppe erzählt, die von ihrem Herrn, dem Gaukler, auf geheimnisvolle Weise zum Leben erweckt und ihrem Rivalen, dem Mohren, durch Säbelhieb getötet wird.

Dämonische Musik

Was in der Ballet-Version zu sehen und vom großen, fast 70-köpfigen Orchester in üppiger Klangfülle zu hören ist, wird in der Klavierversion zu einem faszinierenden Klanggemälde verdichtet, das technisch kaum geringere Ansprüche stellt als Ravels elegante »Valses nobles«. Aus einem vielfarbigen, die Jahrmarktsatmosphäre evozierenden Klangteppich heben sich plastische Einzelszenen heraus. Eine eigenwillige Mixtur aus folkloristischen, fanfarenhaft-schrillen, dissonanten Klängen verleiht diesem Werk - im Unterschied zu Ravel - einen sehr düsteren Charakter. Christopher Park zeigt sich auch dieser Herausforderung gewachsen. Die häufig fast dämonisch auftrumpfende Musik präsentiert er in ihrer ganzen Härte.

Nach so viel geballter Brillanz war es dem zweiten Teil des großartigen Konzerts aufgegeben, die in der ehemaligen Schwimmhalle waltende euphorische Stimmung »herunterzukühlen«. Mit Robert Schumanns »Blumenstück« op. 19, Franz Liszts nach seinem Eintritt in den Franziskanerorden komponierter Legende »Der Heilige Franziskus, übers Meer schreitend« und vor allem Ludwig van Beethovens 7. Klaviersonate op. 10, Nr. 3 ließ Christopher Park seinen denkwürdigen Auftritt ausklingen - nicht ohne sich zuvor mit einem »Nocturne« von Chopin vom beglückten Auditorium verabschiedet zu haben.

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