Wetterau

Ausreise ins Ungewisse

»Deutsche Kartoffel« nennt Ersatz-Opa Dieter Reuß den kleinen Ensa und streichelt dem Einjährigen über den Wuschelkopf. »Die Familie Latifi ist uns ans Herz gewachsen«, sagt Birgit Weddig und nimmt Ensa auf den Schoß. Als wolle sie ihn nicht fortlassen.
13. Januar 2017, 20:25 Uhr
Jürgen Wagner
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Sie stehen zusammen: Birgit Weddig (l.) und Dieter Reuß (r.) mit der Familie Latifi.

Der Asylantrag ist abgelehnt, die Familie muss zurück in den Kosovo. Doch vielleicht gibt es in zwei Jahren ein Wiedersehen. Kosovo gilt seit Oktober 2015 als sicheres Herkunftsland. Asylsuchende aus dem Staat auf dem Balkan gelten als Wirtschaftsflüchtlinge, haben so gut wie keine Chance auf Anerkennung. Ramadan Latifi weiß das. Er und seine Frau Hajrije haben unterschrieben, dass sie Deutschland mit ihren Kindern Rinor (13), Erza (10) und Ensa (1) verlassen. Am 20. Januar läuft die Duldung ab, in den nächsten Tagen werden sie informiert, wann das Flugzeug startet. Dann geht es zurück in ein Dorf in der Nähe der Hauptstadt Pristina, wo es keine Arbeit und keine Perspektive gibt und wo die Kinder erst im September wieder eine Schule besuchen können.

Die Stimmung ist gedrückt in dem spärlich eingerichteten Zimmer in der Hausmeisterwohnungen der Stadthalle Friedberg. Drei Blechschränke stehen an der Wand, in einer Ecke liegt Spielzeug, viel haben die Latifis nicht. Aber sie haben ihren Stolz. Ramadan Latifi ist Dachdecker, er will seine Familie ernähren. Im Kosovo sei das nicht möglich. »Dort ist alles kaputt«, sagt er. Die Wirtschaft liegt am Boden, es gibt keine Jobs, Arzt und Behörden muss man schmieren, die Lebensmittel sind teuer, das Bildungssystem ist schlecht. In Friedberg hat Latifi sofort eine Arbeitsstelle bei einer Baufirma gefunden. Sein Arbeitgeber bescheinigt ihm, dass er als »freundlicher und fleißiger Mitarbeiter« geschätzt werde. Der 36-Jährige wurde zum Vorarbeiter befördert.

Nachts um Drei klingelt die Polizei

Schon einmal sollte die Familie abgeschoben werden. Im Herbst 2015 stand nachts um drei Uhr die Polizei vor der Tür. Da war Hajrije Shashivari (das Paar ist nicht verheiratet, ihre Papiere liegen im Kosovo, seien nur durch Schmiergeld zu besorgen) hochschwanger. Die Polizisten waren erstaunt, drehten wieder ab. »Ich hatte die Schwangerschaft der Ausländerbehörde gemeldet. Die haben das vergessen und sich später entschuldigt«, sagt Dieter Reuß. Die Familie durfte bleiben, vorerst. Reuß schüttelt den Kopf: »Verbrecher bleiben hier, aber Familien, die sich integrieren, schiebt man ab.« Die beiden großen Kinder sprechen sehr gut Deutsch. Rinor besucht die Henry-Benrath-Schule, will Abitur machen und möchte gerne Architektur studieren. Erza besucht die Gemeinsame Musterschule und der kleine Ensa fährt »hauptberuflich« Bobbycar. Die Familie hat in Friedberg ein neues Zuhause gefunden, doch das darf nicht sein.

Dieter Reuß, seine Frau Monika, die bei Arzt- oder Einkaufsfahrten und auch sonst immer zur Stelle ist und Birgit Weddig, die Deutschkurse für Flüchtlinge gibt, haben alles versucht. Sie haben einen Anwalt eingeschaltet, haben sich an den CDU-Politiker Dr. Christian Schwarz-Schilling gewandt, haben nachgebohrt, als Latifi kurzzeitig die Arbeitserlaubnis entzogen bekam. Die Familien feierten zusammen Weihnachten, sie treffen sich zum Pizza-Essen, die Kinder kennen sich ohnehin aus der Schule. Die Latifis scheinen angekommen zu sein. Doch das Gesetz sieht sie als Wirtschaftsflüchtlinge an, es gibt keine Chance auf Asyl.

Aber eine Hoffnung: In zwei Jahren könnte Ramadan Latifi für sich und seine Familie über die Deutsche Botschaft im Kosovo einen Einreiseantrag stellen. Kann er eine Arbeitsstelle vorweisen, bestehen Chancen. Die Freunde in Deutschland wollen deshalb die Unterstützung nicht abreißen lassen. »Sie sind uns ans Herz gewachsen«, sagt Weddig. Sie macht sich Sorgen um die Schulbildung der Kinder, um die Ernährung der Familie. Deshalb werden Spenden gesammelt: einmalige Geldbeträge oder Patenschaften für eines der Kinder. »Ein Laptop wäre gut, damit Rinor und Erza lernen können. « Mit sonstigen Sachspenden sei das schwierig. Der Transport in den Kosovo ist teuer, im Flugzeug darf die Familie nur vier Koffer á 20 Kilo mitnehmen. Vielleicht gebe es Menschen, die Sachen in den Kosovo transportieren können, sagt Reuß. Der Ersatz-Opa ist traurig: Das Bobycar von Ensa, seiner »deutschen Kartoffel«, muss wohl hierbleiben.

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