17. März 2018, 12:00 Uhr

Felpostbriefe

»Aus weiter, weiter Ferne«

Wie viel ein einziger Brief über einen Menschen sagen kann, hat die Rosbacherin Renate Bertram gelernt, als sie 1948 eine Feldpost ihres Vaters geschenkt bekommt. Die Zeilen wecken auch Schmerz.
17. März 2018, 12:00 Uhr
Walther Leidhold hat versucht, über Briefe den Kontakt zu seiner Familie zu halten. Einen davon hat seine Tochter bis heute aufgehoben.

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Ich will ehrlich sein: Sprechen lässt es sich leichter als schreiben. Eigentlich würde Walther Leidhold seiner Schwägerin Else und ihrem Bräutigam Willi so viel lieber persönlich gratulieren, als er diese Zeilen schreibt. Doch das kann er nicht, denn an diesem Tag, dem 4. April 1948, ist er bereits seit neun Jahren ein Gefangener. In der Nähe von Leipzig wird er 1939 in Gewahrsam genommen und nach Bad Kreuznach gebracht. Dort verbringt er sechs Jahre, bis er von den Amerikanern nach Südfrankreich gebracht wird. Wie viel die Zeilen, die er dort schreibt, seiner Tochter Renate einmal bedeuten werden, ahnt er zu diesem Zeitpunkt wohl nicht. Sie ist heute selbst schon 87 Jahre alt. Aber wenn sie den Feldpostbrief ihres Vaters in den Händen hält, wirkt sie jung und zerbrechlich. »Er war so lange weg«, sagt sie und dreht den Umschlag in den Händen. »Ich vermisse die ganzen Jahre.«

Sprechen lässt es sich leichter als schreiben

Walther Leidhold

Zur Schwester seiner Frau hatte Walther Leidhold immer ein gutes Verhältnis. Dass sie im Sommer 1948 ihren Verlobten Willi heiraten will, weiß er: »Wir haben so gut es geht versucht, den Kontakt über Briefe zu halten«, erinnert sich seine Tochter Renate. So setzt er sich im Süden Frankreichs, wo er als Gefangener in den Weinbergen arbeitet, an den Tisch und gratuliert: Liebes Brautpaar! Aus weiter, weiter Ferne gedenke ich hier und wünsche euch von Herzen zu Eurem Hochzeitstage und für Eure Zukunft alles Gute. Aber es scheint ihm ein Anliegen, seiner Schwägerin auch Ratschläge mit auf den Weg zu geben: Doch so sehr wir es auch wünschen, so werden auch schwere Tage an euch herantreten, und das ist gut so, denn das Schicksal meint es gut, wenn es uns durch irgendeinen uneingerechneten Fall vor eine Tatsache stellt, die überstanden u. gelöst werden muss. »Das klingt erstmal seltsam, aber diese Zeilen sagen viel über seine Einstellung zum Leben aus«, sagt seine Tochter. Nicht mit dem Schicksal zu hadern, sondern es anzunehmen, dankbar zu sein, sei die Lebenseinstellung ihrer Eltern gewesen.

 

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Als Renate Bertram den Brief ihres Vaters vorliest, wirkt sie zerbrechlich. (Fotos: vpf)

 

»So bin ich erzogen worden und das hat mich gerettet, als mein Mann vor zwei Jahren gestorben ist.« Auch das – die Bedeutsamkeit der Liebe, des Zueinanderstehens – habe sie von ihren Eltern gelernt. So schreibt ihr Vater in dem weiter: Dann lässt sich alles leichter tragen, wenn zwei Menschen treu und fest zueinanderstehen. Wie schon das Sprichwort sagt: Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteilter Schmerz ist doppelter Schmerz. In den langen Jahren der Gefangenschaft seien damals viele Ehen zerbrochen, nicht jedoch die ihrer Eltern: »Es war damals nicht selbstverständlich, dass man über die lange Zeit und die weite Entfernung so zueinander steht. Wie wichtig das meinem Vater aber war, merkt man in diesen Zeilen«, sagt Renate Bertram.

Diese Zeilen sagen viel über seine Einstellung zum Leben aus

Renate Bertram

Ich will kein Prediger sein, aber ich spreche aus Erfahrung. Denn in den Tagen der Not und Gefahr wie ich sie durchgemacht habe, war das mein Halt und hat mich vor dem Tode bewahrt. Als Walther diese Worte schreibt, hat er das Schlimmste längst überstanden, erzählt seine Tochter: »Von 1939 bis 1945 hat er im Gefangenenlager in Bad Kreuznach gelitten wie ein Hund. All die Jahre hat er unter freiem Himmel gelebt, bei jedem Wetter. Im Winter hat er Erdlöcher gegraben, um zu überleben.« Viele Jahre später habe er ihr erzählt, dass er jeden Morgen gedacht habe: Hoffentlich bist du bald tot.

Doch Walter Leidhold starb nicht in Gefangenschaft. Doch lange wusste seine Familie das nicht: »Ein Jahr haben wir nichts von ihm gehört. Bis an Pfingsten 1946 sein erster Brief aus Frankreich ankam. Das werde ich niemals vergessen«, sagt Bertram.

Doch bei aller Verbundenheit: Die vielen Jahre, die Renate und ihr Vater Walther nicht miteinander erleben durften, haben sie voneinander getrennt. Bis zu seinem Tod im Jahr 1963 schaffen sie es nicht, sich so nahe zu sein wie vor der Gefangenschaft. Und so sind die letzten Worte des Feldpostbriefes noch ein kleines bisschen bedeutsamer, wenn Walter Leidhold schreibt: So verbleibe ich in weiter, weiter Ferne.

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