07. Februar 2019, 20:32 Uhr

»Aus Spaß wurde bitterer Ernst«

07. Februar 2019, 20:32 Uhr
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Aus der Redaktion
Schulleiterin Franziska Burkhard (l.) und Anna erläutern im Gespräch, woran man möglichen Drogenkonsum bei Jugendlichen erkennen kann. (Foto: pv)

Sie war wieder da und erzählte erneut ihre Geschichte: Anna, 31, ehemalige Drogenabhängige. Bereits im vergangenen April hat sie die Karl-Weigand-Schule besucht und eine besondere Form der Drogen- und Suchtprävention geboten. Jetzt sprach die junge Frau erneut in den Klassen 7 bis 10 mit den Jugendlichen. Die Schüler hatten den Dokumentarfilm über Annas Lebens- und Leidensgeschichte gesehen. Darauf aufbauend sorgte Anna in Gruppen- und Einzelgesprächen für ein ganz eigenes Vertrauensverhältnis zwischen den Schülerinnen und Schülern und einem Erwachsenen.

Anna verschob dafür nicht nur ihre Termine und blieb einen Tag länger an der Karl-Weigand-Schule, weil am Montag wegen einer defekten Heizung der Unterricht ausfiel. Sie stand auch am Dienstagabend erstmals einem erlesenen Kreis von Eltern Rede und Antwort.

Speed, Pep und Kokain

Hier berichtete sie über ihre Kindheit in einer Akademikerfamilie, die von Angst und Gewalt geprägt war. Ihre Mutter begann zu trinken, bei ihr fand Anna keine Unterstützung. Auch sie begann mit zwölf zu kiffen, mit 13, 14 Jahren waren es Amphetamine wie Speed oder Pep, danach Ritalin (eigentlich ein Medikament für ADHS-Kinder) und später Kokain und Opiate. »Ich nahm die komplette Karriereleiter – nach unten«, sagt Anna heute.

Mit 17 zeigte sie ihren Vater an und verließ die Familie. Sie ging nach Stuttgart, lebt heute bei Freiburg. Sie erzählte den Schülern vom Drogenkonsum zur Betäubung, aber auch von der posttraumatischen Belastungsstörung, mit der sie zurechtkommen musste. Von der Schizophrenie eines guten Freundes, der mit 15 für zwei Jahre in der Psychiatrie verschwand, von der Faszination des Rausches und den aufkommenden Halluzinationen mit Horrorvorstellungen. »Aus Spaß wurde bitterer Ernst«, sagte Anna eindringlich.

Sie machte klar, dass irgendwann der Tag X kommen wird, an dem man »etwas« angeboten bekommt und sprach eine Empfehlung für die Eltern aus: »Der Gruppenzwang, das ›Dazu-gehören-wollen‹ setzt die Jugendlichen unter Druck. Die Kommunikation der Eltern mit den Kindern ist jetzt das Wichtigste.« Sie erläuterte den Eltern auch, woran man Cannabis-Konsum erkennt und wie aufmerksam man sein muss, wenn das Austricksen beginnt. Wenn die Kinder viel früher als nötig zur Schule aufbrechen, kann das ein Indiz für einen Joint vor dem Unterricht sein. Müde Augen, Geheimnistuerei, Fremdeln, Trägheit, Vernachlässigung von Pflichten, schnell ins eigene Zimmer verschwinden – das alles können Anzeichen sein. Shisha-Rauchen, Partydrogen, Vergewaltigungsdrogen und Selbstverletzung (Ritzen bei Mädchen) wurden neben Spiel- und Kaufsucht außerdem angesprochen und diskutiert. Anna gab Tipps und Anregungen und dankte schließlich der Schulleitung und dem Förderverein: »Es ist Gold wert, dass ich hier drei Tage vor Ort sein darf. Das lässt Angst und Scham schwinden. Die Schüler öffnen sich spätestens am dritten Tag.«

Mit ihren Besuchen an den Schulen möchte Anna der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Schulleiterin Franziska Burkhard sieht in Annas Besuchen in den Klassen und besonders auch in den Einzelgesprächen einen sehr positiven Effekt und will diese jährlich zur festen Einrichtung machen.



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