15. Juli 2018, 06:00 Uhr

Vor Gericht

Auf Beschimpfung folgen Faustschläge

Weil im Jugendstrafrecht der erzieherische Aspekt Vorrang vor der Strafe hat, erhält ein 21-Jähriger aus Nieder-Florstadt für seinen Erpressungsversuch nur eine Verwarnung. Er hatte einen 17-Jährigen zweimal mit der Faust geschlagen.
15. Juli 2018, 06:00 Uhr
2016 nennt ein 17-Jähriger einen 21-Jährigen »Hurensohn« – ein Jahr später bekommt der 17-Jährige zwei Faustschläge verpasst. Rache? (Symbolfoto: sda)

Wäre es nach der Staatsanwältin gegangen, so hätte der gebürtige Türke für seine Tat zumindest mehrere Wochenenden im Freizeitarrest verbringen müssen. Doch für dererlei Strafe sei er bereits zu alt, lehnte Richterin Franzke das geforderte Strafmaß ab.

Angeklagt war ein 21-jähriger angehender Friseur aus Nieder-Florstadt. Laut Anklageschrift hatte er am 27. Januar 2017 nachts gegen 23.30 Uhr den damals 17-jährigen Johannes P. (Name geändert, die Red.) zufällig auf der Straße getroffen und ihn aufgefordert, mit ihm auf einen einsamen Weg am Rande des Dorfes zu kommen. Warum, blieb bis zum Ausgang des Prozesses unklar.

 

Mutter beleidigt

 

Der Angeklagte behauptet in der Gerichtsverhandlung, dass er die Beleidigung rächen wollte, die der 17-jährige Johannes seiner Familie zugefügt habe. Denn: Ziemlich genau ein Jahr zuvor, im Februar 2016, war eine Reihe von Flugblättern mit rechtsextremistischen Parolen in Florstadt in Umlauf gekommen. Darunter war auch ein Zettel, der an die Asylunterkunft geklebt worden war. Darin stand der Name des Angeklagten und: Er »ist ein Hurensohn und wird bald abgeschoben«.

Zu der Gruppe Jugendliche, die sich wegen dieser Hetzkampagne anschließend vor Gericht verantworten musste, gehörte auch der 17-jährige Johannes. Und auch erst über diesen Gerichtsprozess habe der Angeklagte von der Beleidigung erfahren.

Wie der Angeklagte aussagte, wollte er den 17-Jährigen als Urheber des Flugblattes zur Rede stellen und ihn zu einer Entschuldigung zwingen. Weil es darüber zu einem Streit gekommen sei, habe er dem 17-Jährigen zwei Faustschläge verpasst.

 

Auch von Drogen ist die Rede

 

Dieser schilderte den Abend vor Gericht jedoch ganz anders. Nach einem Dorffest sei er mit seiner Freundin auf dem Heimweg gewesen und dabei zufällig mit dem Angeklagten zusammengetroffen. Dieser habe erst seine Freundin weggeschickt, mit der Begründung, es gebe etwas zu bereden. Dann, auf dem abgelegenen Weg, habe der Angeklagte von ihm plötzlich 500 Euro oder 50 Gramm Marihuana verlangt. Um diese Forderung zu verstärken, habe der Angeklagte ihm die beiden Fausthiebe versetzt. Auch wenn es weder zu einer Geldzahlung noch zu einer Übergabe von Drogen gekommen sei, habe er auf Druck seiner Eltern am nächsten Morgen trotzdem Anzeige erstattet.

Während für Staatsanwältin Barho der Tatbestand des räuberischen Erpressungsversuchs damit gegeben war, wies die Verteidigerin des Angeklagten darauf hin, dass nicht geklärt werden konnte, warum das Geld oder die Drogen gefordert wurden und ob die Schläge mit der Beleidigung zusammenhingen oder ob es nicht möglicherweise doch nur um ein reines Drogengeschäft ging.

Hierzu habe sich der Zeuge auch nur sehr zurückhaltend geäußert und immer nur sein Nichtwissen vorgeschoben, sagte die Verteidigerin.

 

Entschuldigung angenommen

 

Auch für das Gericht war der Zusammenhang zwischen der Beleidigung der Mutter, der Forderung nach Geld oder Drogen und den Faustschlägen nicht klar. »In der Verhandlung konnte nicht geklärt werden, ob das Geld oder die Drogen als reines Schmerzensgeld für die Beleidigung angesehen wurden oder ob es dabei um etwas ganz anderes ging«, sagte die Richterin. Denn wenn die Beleidigung so gravierend gewesen wäre, hätte der Angeklagte den Urheber des Flugblattes viel eher gezielt aufgesucht. Das Treffen in der Tatnacht geschah aber rein zufällig. Darüber hinaus habe der Bruder des Angeklagten sich für dessen Handlungen bei dem Opfer inzwischen auch entschuldigt. Offensichtlich mit Erfolg, denn der 17-jährige Johannes lässt sich weiterhin seine Haare von dem Angeklagten schneiden.

Laut Urteil bekommt der Angeklagte eine Verwarnung und muss 200 Euro Geldbuße an ein Kinderhilfswerk zahlen.

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