31. Oktober 2018, 20:19 Uhr

Auf Ahnensuche in der Wetterau

Es war im Jahr 1722, als sich eine ganze Familie aufmachte und die Wetterau verließ. 300 Jahre später sind die Nachfahren dieses Mannes auf Spurensuche in der alten Heimat.
31. Oktober 2018, 20:19 Uhr
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Aus der Redaktion
Dr. Jochen Degkwitz (M.) zeigt Ronny Klein und dessen Mutter Erika, eine geborene Steffan, die Kirche von Echzell.

Das Leben in der Region war vor 300 Jahren nicht einfach. Das Land erholte sich auch Jahrzehnte nach Ende des Dreißigjährigen Krieges nur langsam von der Katastrophe. Es gab teilweise noch immer Hungersnöte, 1706 vernichtete ein Großfeuer gar Hunderte Gebäude in Echzell.

Im Januar 1722 hatten Andreas Steffan und seine Gemahlin Anna (eine geborene Kulmann) ihre Tochter Gerdraut kurz vor deren zweiten Geburtstag verloren. Am 31. Juli desselben Jahres gebar die Frau eine weitere Tochter, Maria. Kaum vorstellbar, dass das Paar nur wenige Wochen später dennoch auswanderte. Wohl im Planwagen mit Pferden verließ der etwa 40-jährige Andreas Steffan mit Frau und sechs Kindern Echzell. Das ist überliefert. Nur die Gründe nicht. »Vielleicht war es ein Streit mit seinen Brüdern um Land und Gut«, sinniert sein Nachfahre Ronny Klein (45) aus Dresden. »Möglicherweise aber wollte er sich und seiner Familie in einer völlig unbekannten Gegend einfach eine blendende Zukunft bereiten.«

Heimat nie wiedergesehen

Denn in dieser Zeit zogen Werber durch die hessischen Lande, versuchten neue Siedler in die nach Kriegen ausgedünnten Gebiete südlich des Balatons zu locken. Es wurde Grund und Boden versprochen, zumeist auch Steuerfreiheit für mehrere Jahre. So entschieden sich die Steffans und eine befreundete Familie (Konrad Alt) dazu, auszuwandern. Anders als heute ein Riesenwagnis und eine Entscheidung fürs Leben. Denn eine Rückkehr war mehr als ungewiss.

Mit ziemlicher Sicherheit führte der Weg der Steffans Richtung Süden, gut 300 Kilometer bis nach Ulm. Ob sie die schwere Reise noch im Herbst weiterführten, ist möglich, aber mit dem Säugling eher unwahrscheinlich. Denkbar also, dass sie die Fahrt erst im nächsten Frühjahr fortsetzten. Und zwar mit dem Schiff, der »Ulmer Schachtel«, über die Donau. In der Tat taucht eben jener Andreas Steffan dann auch 1723 erstmals in historischen Steuerunterlagen in Ungarn auf. Er war offenbar begütert, wurde anfangs als Richter, auch eine Art Ortsvorsteher in Izmeny eingesetzt. Mehr als 1000 Kilometer von seiner Heimatgemeinde entfernt. Die hat er sein Leben lang nie mehr wiedergesehen.

Entfernte Verwandte gefunden

Der Familienstrang der Steffans lebte danach in einem kleinen Ort namens Mekenyes in der Baranya. Das lässt sich anhand der dortigen Kirchenbücher lückenlos nachverfolgen. Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endete die Ära der Familie in Ungarn. »1948 wurden meine Eltern vertrieben«, berichtet Erika Klein (67), eine geborene Steffan. »In dem Dorf lebten fast nur ausgewanderte Deutsche beziehungsweise ihre Nachkommen. Es wurde Deutsch mit hessischem Dialekt gesprochen. Doch die meisten Deutschen wurden mit Kriegsende einfach fortgejagt.« Wie viele andere Familien wurden sie umgesiedelt, fanden in Sachsen nahe Dresden eine neue Heimat. Dort leben die Nachfahren noch immer. Und sind neugierig auf die Spuren der Ahnen.

Acht Generationen und 300 Jahre liegen dazwischen. Jetzt besuchten Erika Klein und ihr Sohn Ronny die Heimat der Vorfahren. Mit Hilfe der hiesigen Heimatforscher Petra Stöppler und Dr. Jochen Degkwitz konnten einige Wissenslücken geschlossen werden: »Wir haben so viel über die Region und die römischen Ursprünge erfahren. Und auch, dass Vater und Großvater von Auswanderer Andreas wohl aus Gettenau stammten, heute ja ein Ortsteil von Echzell.« Kurioser Zufall: Auch Christa, Degkwitz’ Ehefrau, ist eine gebürtige Steffan. Möglicherweise also eine Cousine noch unbekannten Grades...

Lob für die herzlichen Menschen

Bemerkenswert war auch das Treffen mit Gisela Steffan aus Gettenau, die selbst Ahnenforschung betreibt und ebenfalls familiäre Bande vermutet. Die genaue Konstellation muss noch ermittelt werden.

Für Familie Klein soll es nicht der letzte Besuch in der Wetterau gewesen sein. »Uns gefällt die Region, wir mögen die herzlichen, offenen Menschen«, sagt Ronny Klein. »Interessant wäre, herauszufinden, ob es noch weitere entfernte Verwandte gibt, die auch schon in Sachen Ahnenforschung aktiv waren. Denn auch die Geschwister von Auswanderer Andreas haben ja sicher eigene Familien begründet, die noch hier ansässig sein könnten.«



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