12. September 2019, 08:45 Uhr

Altes Fotoalbum aufgetaucht

Anno 1932: Mit rollender Bühne zum Herbstmarkt

Beim Friedberger Herbstmarkt 1932 wurde erstmals ein »Marktspiel« gezeigt. Ein Fotoalbum erinnert daran. Der Marktmeister hieß damals genauso wie heute: Simmer.
12. September 2019, 08:45 Uhr
Ortsdiener (Fritz Stümpfig), Gastwirt (Wilhelm Michel) und der Verfasser des Stückes, Wilhelm Conrad Philipps, der am Ende des Stücks »fröhlichen Herbstmarkt« wünscht. (Foto: pv)

Wir haben da was ausgegraben«, sagte Jutta Balser am Telefon. Als sie und ihr Mann Claus ihren Schatz in der Redaktion vorbeibringen und aufschlagen, kommt ein fast vergessenes Stück Friedberger Herbstmarktgeschichte zum Vorschein: Ein Fotoalbum mit einem roten Pappumschlag, auf dem in weißer Schrift »Das Erste Friedberger ›Marktspiel‹« und »Das Marktstück« steht. Darunter Verfasser und Datum: Wilhelm Philipps, Oktober 1932. Jener Oberstudienrat Wilhelm (Konrad) Philipps, der als Mundartdichter noch heute oft zitiert wird und als »Onkel Kuneroad« für die Wetterauer Zeitung jahrzehntelang Betrachtungen über seine Heimat schrieb.

Das Fotoalbum stammt aus dem Nachlass von Philipps, der sich im Besitz der Enkelin Jutta Balser befindet. Sie will es dem Stadtarchiv Friedberg vermachen, wo es bereits eine Philipps-Sammlung gibt. Aber zuvor darf die WZ und dürfen die WZ-Leser einen Blick in das Erinnerungsstück werfen. 37 Fotografien sind eingeklebt und mit Kommentaren versehen, die allermeisten zeigen das erste »Marktspiel«, das beim so betitelten »Bembelmarkt« 1932 zur Aufführung kam.

Damals »beanspruchte der Friedberger Herbstmarkt zwei Tage der ersten Wochenhälfte«, wie sich Philipps knapp 50 Jahre später erinnerte. Und der Herbstmarkt wurde auch nicht auf der Seewiese, sondern auf der Kaiserstraße abgehalten. Am ersten Tag war Pferdemarkt, am zweiten Rindvieh- und Krämermarkt. »Die Kaiserstraße wurde wieder, was sie ehedem war: Marktstraße.« Und mitten drin im Marktgeschehen, auf einem Rollwagen, wurde Theater gespielt.

Die Bedeutung des »Marktstücks«

Die Fotos zeigen eine Blaskapelle, es folgt ein berittener Herold und danach die rollende Bühne, »Britsch« genannt. »In frihjern Zeide, glaabt mr’sch jo, / do woarn all die Theater so«, erklärt der Ansager dem Publikum. Die Bühnen zogen über Land von Ort zu Ort, hatten kein festes Haus. »De Geldsack von de Stadt is schmoal, mir howwe kaan Theatersoal.« Das hat sich in Friedberg mittlerweile geändert.

Der Mundartdichter Erich Stümpfig hat später den Inhalt der Spielszenen, die von Mitgliedern des Friedberger Gesangvereins »Liederkranz« aufgeführt wurden, beschrieben. Die Bäuerin Lisbeth wird von vorüberziehenden Musikanten auf den Herbstmarkt aufmerksam gemacht. Mit ihrem Mann Hannes, dem Ortsdiener, will sie den Markt besuchen. In der zweiten Szene trifft Hannes auf den Gastwirt Fritz, wobei auch Lisbeths »Marktstück« zur Sprache kommt: Das war ein Geldstück und später auch ein Geschenk, das Kinder auf dem Herbstmarkt von den Eltern bekamen. In Philipps Marktspiel wird das Marktstück in ein Marktlos umgetauscht, und Lisbeth und Hannes gewinnen den Hauptpreis, einen Gaul.

Vier Jahre lang Marktspiele

Die Fotos zeigen die karge Bühnenausstattung (Stuhl, Tisch, Bembel, Wandtelefon), sie zeigen aber auch, dass die Akteure ihr Publikum mit großer Leidenschaft und weit ausholenden Gesten zu begeistern wussten. »Mei Bank is mein Strump!«, wird die Lisbeth zitiert. Oder sie ruft dem Publikum »Geht haam!« zu. Daneben agieren ein Kellermeister, ein Marktmeister, ein Landsknecht.

Das Stück dürfte ein Erfolg gewesen sein, auch wenn sich die zeitgenössische Kritik eher zurückhielt. Der WZ-Vorgänger »Oberhessischer Anzeiger« berichtete am 25. Oktober 1932 kurz und bündig: »Gestern Nachmittag wurde das Marktspiel in der Barbara-Vorstadt und der Vorstadt zum Garten mit ebenso großer Durchschlagskraft aufgeführt wie an den vorhergehenden Tagen.« Vom 1933er Marktspiel wurden sogar »Wachsplattenaufnahmen« gemacht.

Laut Stadtarchivar Lutz Schneider gab es Marktspiele in den Jahren 1932 bis 1935, allesamt aus der Feder von Wilhelm Konrad Philipps. »Es Krageknöpche« und »Heimatlust« lauteten die Titel. Auch die Namen der Akteure sind überliefert. Den Ortsdiener gab 1932 Fritz Stümpfig, den Gastwirt Wilhelm Michel, die Rolle der Lisbeth übernahm Margarethe Reinheimer, die des Kellermeisters ein Herr Noack und die des Landsknechts ein Herr Nowitzki. Ein Akteur, der uns ungewollt wieder in die Jetztzeit führt, übernahm sogar eine Doppelrolle als Ansager und Marktmeister: Willi Simmer. Er betrieb einst auf der Kaiserstraße ein Textilgeschäft, war Protokoller bei den Karnevalisten des »1. FCG«, 1956 Mitbegründer der katholischen Karnevalsvereinigung »Schwarze Sieben« und dort Sitzungspräsident. 1949, als der heutige Herbstmarkt aus der Taufe gehoben wurde, mimte Simmer den ersten Marktmeister. Diesen »Job«, der lange Jahre nicht vergeben war, übernimmt beim diesjährigen »Jubiläums-Herbstmarkt« sein Sohn Norbert Simmer. »Die Stadt hat mich gefragt, ob ich das Amt übernehme«, erzählt Simmer. Der Ortsvorsteher der Kernstadt, der beim Narrenexpress seit vielen Jahren mit majestätischer Würde den Zugmarschall gibt, hat sofort zugesagt. Er wird eine historische Uniform tragen, Besucher können sich in einer Fotobox zusammen mit ihm fotografieren lassen.

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