09. Mai 2019, 14:27 Uhr

Analphabetismus

Angst vor den Buchstaben: Wenn man nicht lesen und schreiben kann

In Deutschland können 6,2 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben. Inka Kamradt aus Ober-Mörlen hilft Betroffenen. Und in Bad Nauheim gibt es eine Aktion zum Thema
09. Mai 2019, 14:27 Uhr
Die Ober-Mörlerin Inka Kamradt (l.) arbeitet als Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin. Morgen wird sie beim Info-Termin auf dem Bad Nauheimer Aliceplatz für Fragen zur Verfügung stehen. (Archivfoto: pv)

Was hat nicht funktioniert, wenn man Analphabet ist, obwohl man zur Schule gegangen ist?

Inka Kamradt: Es kann sein, dass es in der Familie Schicksalsschläge gegeben hat, oder es wird sich nicht genug um das Kind gekümmert, weil nicht genug Zeit oder das eigene Lernniveau zu gering ist. Eventuell gibt es mehrere Schul- oder Lehrerwechsel, und das Problem wird vielleicht nicht richtig bemerkt. Dies zieht sich dann bis zum Schulabschluss. Es kann zum Beispiel gerade in der Grundschule sein, dass das Kind normal am Unterricht teilnimmt, aber wegen einer Krankheit in der Familie und der psychischen Belastungen Lücken entstehen. Erst später stellt sich dann heraus, dass das Kind nicht das Lese- und Rechtschreibniveau hat, das es eigentlich bräuchte.

Ist das Netz in Schulen dichter geworden, zum Beispiel durch den Einsatz von Förderschullehrern? Sodass Analphabetismus heutzutage auch eher verhindert werden kann?

Kamradt: Auf jeden Fall. Es ist das Ziel der Schulen, dass alle die gleichen Lernchancen haben. Aber es wird immer wieder Kinder geben, die nicht so weiterkommen und nicht die Unterstützung bekommen, weil sie noch mehr Hilfen bräuchten, was vielleicht durch das Elternhaus nicht gegeben ist.

Sind Analphabeten eher ältere Menschen, weil es die Konzepte von heute in den Schulen von damals nicht gegeben hat?

Kamradt: Ich würde sagen, es sind wahrscheinlich eher Menschen mittleren Alters, 40- bis 60-Jährige, die sich Berufe etwa in Lagerhallen oder auf dem Bau gesucht haben. Die Arbeitswelt hat sich aber verändert: Ein Hilfsarbeiter muss zum Beispiel auch eine Lieferung checken, etwas ausmessen und die Maße aufschreiben. Durch die Technisierung muss man mehr lesen und schreiben, auch in diesen Berufen.

Mit den höheren Ansprüchen in der Berufswelt ist es also schwieriger geworden, sich irgendwie »durchzuwurschteln«?

Kamradt: Genau.

Wie kommen Analphabeten im Privatleben zurecht? Entwickeln sie Vermeidungsstrategien? Zum Beispiel, wenn sie nicht in die Situation kommen wollen, in der man seinem Enkelkind etwas vorlesen muss?

Kamradt: Das Vorlesen erfordert schon eine hohe Kunst des Lesens. Man ist nicht von heute auf morgen Analphabet, man wächst da rein und erlernt Vermeidungsstrategien. Zum Beispiel indem man sagt: »Ich kann das jetzt nicht lesen, ich habe meine Brille vergessen.« Oder: »Ich kann das nicht schreiben, weil ich mich am Arm verletzt habe.« Oder: »Kann ich die Unterlagen mit nach Hause nehmen? Dann mach ich das in Ruhe.« Wenn es jemandem an der Arbeitsstelle auffällt, ist es auch nicht so einfach, den Betroffenen darauf anzusprechen.

Kann man als Analphabet, auch wenn man jahrzehntelang so gelebt hat, noch die Kurve bekommen? Nach dem Motto: Es ist nie zu spät?

Kamradt: Es geht erst mal darum, dass man es selbst ändern möchte. Zum Beispiel, weil man ein Enkelkind bekommt und mit ihm auch lesen will. Das kann eine Motivation sein. Die Voraussetzung ist super, wenn jemand mit einem Ziel kommt. Vielleicht kann er nicht gut schreiben, aber das ist ihm womöglich auch egal. Das Lesen jedoch ist ihm wichtig. In meinen Kursen geht es mir nicht darum, alles zu verbessern, was derjenige noch nicht kann, sondern zu schauen, warum der Mensch hierher kommt. Was möchte er in welchem Rahmen verbessern? Deshalb gibt es auch nicht einen konkreten Plan oder ein Buch, das man durchgeht, sondern ansprechende Materialien.

Ist das Schreiben aus Sicht eines Analphabeten die höhere Kunst als das Lesen? Oder ist es umgekehrt?

Kamradt: Beides. Wenn jemand nicht lesen kann, dann muss man schauen, warum er nicht lesen kann. Liegt es daran, dass er die Buchstaben nicht verbinden kann, also die Lesetechnik nicht verstanden hat? Oder ist es so, dass auch die Buchstaben fehlen, er sie nicht alle kennt? Es gibt auch Kinder und Erwachsene, die, weil es Druck- und Schreibschrift gibt, gar keine Vorstellung davon haben, wie viele Buchstaben es überhaupt gibt. Es geht um das Bewusstsein, dass es nicht so viele Buchstaben sind, als dass wir das nicht hinkriegen würden.

Und beim Schreiben?

Kamradt: Da ist es genau das Gleiche. Unter Umständen muss überprüft werden, ob mit dem Gehör etwas nicht stimmt. Es kann sein, dass es nie festgestellt wurde, dass derjenige ein Hörproblem hat.

Noch mal zu den Außenstehenden: Wie sollte man einen Analphabeten auf das Problem ansprechen?

Kamradt: Wenn zum Beispiel jemand ein Formular ausfüllen muss und es einem auffällt, dann kann man sagen: »Ich sehe, du hast da Schwierigkeiten, sollen wir das mal zusammen versuchen?« Also einfach ein Angebot machen, demjenigen zu helfen und ihm zu sagen: »Das ist nicht so schlimm, anderen geht es auch so.« Man muss erst mal eine Vertrauensbasis herstellen. Und man sollte dem Menschen vermitteln, dass er in seinem Leben schon ganz viel geschafft hat. Man sollte nicht die Defizite in den Vordergrund stellen, sondern zeigen: »Du bist gut, so wie du bist.« Dann geht es darum zu schauen, wo die Schwierigkeiten liegen, was derjenige will und dann zu überlegen, wie man ihn unterstützen kann.

Falsch wäre es also zu sagen: »Wenn das so bleibt, dann kommst du ja überhaupt nicht mehr zurecht.«

Kamradt: Genau, man sollte schauen, was er schon kann, und das verstärken. Alle Menschen bringen etwas mit, und das muss man herausfinden. Dafür bin ich ausgebildet. Es ist wichtig, positiv zu verstärken und in kleinen Schritten vorzugehen, damit auch Erfolge sichtbar sind.

ALFA-Mobil auf dem Aliceplatz

Was ist überhaupt funktionaler Analphabetismus? Wo finde ich Lese- und Schreibkurse für Erwachsene? Und wie finanziere ich sie? Am morgigen Freitag kommt das ALFA-Mobil des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung (BVAG) nach Bad Nauheim, um diese und viele weitere Fragen zu beantworten. Von 10 bis 14 Uhr wird es auf dem Aliceplatz stehen. Die Beratung richtet sich auch an die Allgemeinheit. Ein Ziel besteht darin, Vorurteile abzubauen. In Bad Nauheim ist das ALFA-Mobil auf Einladung des Mehrgenerationenhauses Bad Nauheim/Müfaz (Mütter- und Familienzentrum) zu Gast. Die Aktion wird vor Ort von der Geschäftsführerin Ute Latzel und der Lerntrainerin Inka Kamradt sowie den Mitarbeitern des ALFA-Mobils begleitet. Zudem ist ein Kursteilnehmer dabei. Das ALFA-Mobil-Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Zehn Jahre lang hat Inka Kamradt als Lehrerin an der Friedberger Montessori-Schule gearbeitet. Dann hat sie sich als Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin selbstständig gemacht. Unter anderem bietet sie beim Müfaz den Kurs »Deutsch - besser lesen und schreiben« an. Dieser richtet sich an Erwachsene mit deutscher Muttersprache, die nicht so gut lesen und schreiben können. Er findet dienstags von 16.30 bis 18 Uhr im Müfaz statt. Die Teilnahme ist kostenlos, anmelden muss man sich nicht.

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