09. November 2017, 20:40 Uhr

Alte Berufe... ...und deren Zukunft

09. November 2017, 20:40 Uhr

Ein Blick auf Jahrzehnte, die aus heutiger Sicht so ganz anders erscheinen als die Zeit, in der wir leben. Ein Blick, der uns aber an der einen oder anderen Stelle verblüfft die Augenbrauen heben lässt: Mensch, das kommt mir doch sehr bekannt vor – uns einen Moment bei dem Gedanken verweilen lässt: Hat sich wirklich so viel verändert? Die Wetterauer Zeitung blättert in ihrem Archiv und dreht jeden Freitag die Zeit zurück, pickt abwechselnd auf, was die Menschen vor 50 und 60 Jahren so bewegte.

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Herrenschneider – die muss man mittlerweile wohl mit der Lupe suchen. Das heißt, die in Deutschland tätigen sind in der Regel im Hochpreissegment tätig, sprich: Maßanfertigung. Vor 60 Jahren tagte in der Gaststätte »Wetterau« in Friedberg noch die Herrenschneider-Innung des Kreises und besprach die »rationelle Fertigung«. Die wurde im Laufe der Zeit für deutsche Verhältnisse gewissermaßen zu rationell.

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Auf eine Nische verwies Modewart Georg Greiler: »Auf die Anfertigung von Uniformen für die Bundeswehr. Es wurde daran gedacht, dass hessische Garnisonsstädte, in denen jetzt wieder deutsche Soldaten untergebracht sind, auch im Hinblick auf den Beruf des Herrenschneiders einen Aufschwung genommen haben. Die Anfertigung von Uniformen hätte hier vielen Menschen Arbeit und Brot gegeben.« Ein friedlicher Kollateraleffekt.

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Ein Beruf, der es absolut nicht mehr ins 21. Jahrhundert geschafft hat, war in Dorheim zu besichtigen: »Grau und öde liegt der Dorheimer Bahnhof«, eine Überschrift, die nicht unbedingt als Empfehlung für eine dortige Tätigkeit zu lesen war. Und dann auch noch die Beschimpfungen wie jene, die der Reporter vom Handelsvertreter Mayer abgelauscht hatte, der vor der »dämlichen Schranke« halten musste. »Die von der Bahn nehmen sich Zeit«, grummelte der eilige Reisende verärgert vor sich hin. Dabei tat drinnen Bundesbahn-Assistent Josef Langer lediglich seinen Dienst. »Niemand ahnt, welche Fülle von Verantwortung und Arbeit auf seinen Schultern liegt. In einem besonderen Licht erscheinen diese Männer, wenn man sie einmal bei ihrer Tätigkeit in einer solch winzigen Nervenzentrale im riesigen Netz der eisernen Schienenwege beobachtet. Man wird es kaum glauben, aber auch hier kommt es wie in der Operette ›Hochzeitsnacht im Paradies‹ auf jede Sekunde an.« Eigentlich müsste man, so der Schreiber, diese Männer wie Generaldirektoren bezahlen. Ein frommer Wunsch, der für viele Berufe galt. Dieser Wunsch verbindet durchaus das Damals mit dem Heute …

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Das galt wahrscheinlich ebenso für einen weiteren Beruf, den es zumindest in der Wetterau nicht mehr gibt: Jener des Kumpels, des Bergwerkers, wie er in Orten wie Wölfersheim, Dorn-Assenheim, Heuchelheim und Echzell anzutreffen war. Aufgefordert, über den Beruf des Vaters einen Aufsatz zu schreiben, hielt ein Wölfersheimer Bub fest: »Mein Vater ist im Bergwerk und immer wenn ich nach Hause komme, muss ich sehr leise auftreten, da schläft er nämlich. Ich war schon einmal mit im Bergwerk, aber nicht unten, weil ich mich da fürchte.« Eine Schülerin betrachtete diesen Beruf unter einem anderen Aspekt: »Die Braunkohle bringt Freude und Ärger. Ärger, wenn die Mamma und ich die dreckigen Sachen waschen, Freude, wenn der Papa das Geld mitbringt.« Eine Pragmatikerin, zweifelsohne.

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Ein Berufsbild, offenbar krisensicher in allen Zeiten: Alles was sich um die Schönheit der Frau dreht, das heißt, was als solche gerne eingeredet wird. »Lächeln Sie mehr, meine Damen!« – diese Überschrift über dem entsprechenden Artikel könnte heute möglicherweise eine Beschwerde beim Presserat auslösen; denn – wäre damit schon die Grenze zum Sexismus überschritten? Zu verantworten hatte diese Aufforderung jener Referent, der vor den Mitgliederinnen des Hausfrauenvereins Friedberg über deren Schönheit ausführte.

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Zu allen Zeiten hätten die Frauen großen Wert darauf gelegt, schön zu sein und ihre Schönheit zu erhalten, so der Herr Referent. »Das kritische Alter der Haut beginne mit 30 Jahren. In Amerika kursiere das Wort, dass es dort keine Frauen zwischen 30 und 60 Jahren gebe, so weit seien die Amerikaner auf dem Gebiet der Kosmetik fortgeschritten.« Also alles aus einem Guss. »Alle Nuancen und alle Kniffe der modernen Kosmetik wurden den anwesenden Damen vorgeführt. Es stellte sich heraus, dass es derer unendlich viele gibt.« Inklusive des erwähnten Lächelns, eine Empfehlung folglich, die weniger etwas mit Sexismus sondern mit homöopathischer Dosierung zu tun hatte.

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Ein »Opfer« seines Berufes, fand zumindest der Gerichtsreporter einfühlend, wurde der 44 Jahre alte O. L. aus Butzbach, Getränkegroßhändler. Im vorangegangenen Sommer hatte er mit seinem Lieferwagen verschiedene Gaststätten aufsuchen müssen, blieb dort bis spät in die Nacht und »probierte dabei einige Stunden lang die Qualität seiner Getränke aus. Er tat das sehr gründlich.« Leider nicht mit Limonaden und Mineralwassern. »Als er seinen Lieferwagen wieder in Gang setzte, um nach Hause zu fahren, hatte er immerhin 2,2 Promille. Das konnte nicht gut gehen…« Er krachte immerhin nur gegen ein Brückengeländer. Allerdings ging »die kostbare Ladung über Bord« und konnte infolgedessen keiner weiteren Qualitätsprüfung unterzogen werden. Urteil: Drei Monate Gefängnis auf Bewährung, der Lappen für ein halbes Jahr weg, Qualitätsprüfungen somit nur in den eigenen vier Wänden möglich.

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Aus heutiger Sicht aus der Zeit gefallen, ist der Bestand an Vorführgeräten der damaligen Kreisbildstelle: Episkop, Kleinbildwerfer, Tefifon, Magnetofon, Rundfunk-Schulempfänger – alles heiße Kandidaten für das Deutsche Museum. In Erwägung gezogen wurde die Anschaffung von Fernsehern für die Schulen. »Alle Arbeitsgebiete der Schule sind bei den Ausleihmaterialen vertreten. Darüber hinaus liegen Filme aus allen Berufen und Ländern bereit. Tonbänder mit Musik von Ravel, Bach, Reger und Schubert sind ebenso vorhanden.«

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Nicht bekannt ist, ob auch die Kinofilme der Woche zum Verleih standen: »Vom Winde verweht«, »Wo der Wildbach rauscht«, »Der Edelweißkönig«, »Laya – das Mädchen aus dem Dschungel«. Klang zumindest sehr nach Naturkundeunterricht. Weniger, dafür eher in die Sparte Beruf: »Die ehrbare Dirne«.

Andreas Matlé

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