14. November 2018, 11:00 Uhr

Erinnerung an Reichspogromnacht

Als die Möbel der Juden in Friedberg aus dem Fenster flogen

»Es war furchtbar.« Auch 80 Jahre nach der Pogromnacht lassen Gertrud Geipel die Erinnerungen nicht los. Die 93-Jährige ist die letzte Augenzeugin des Gewaltausbruchs in Friedberg.
14. November 2018, 11:00 Uhr

Von Jürgen Wagner , 1 Kommentar
Die Erinnerungen sind auch nach 80 Jahren noch wach: Gertrud Geipel vor dem Haus der Familie Rothschild. (Foto: Nici Merz)

Als am 10. November 1938 die Synagoge in der Friedberger Altstadt in Flammen stand, gab der herbeigerufene Polizeipräsident der Feuerwehr den Befehl, »die Synagoge abbrennen zu lassen und die Löscharbeiten einzustellen«. Die Namen der Hauptverantwortlichen waren bekannt, sie wurden aber nie dafür bestraft. Die in Flammen stehende Synagoge brannte sich vielen Augenzeugen in die Erinnerung ein. Die meisten leben nicht mehr, die Geschehnisse liegen 80 Jahre zurück. Eine Zeitzeugin ist Gertrud Geipel. Die 93-Jährige kann sich noch genau daran erinnern, wie bei ihren Nachbarn in der Ludwigstraße der Pöbel tobte.

Die Ludwigstraße war und ist eine gute Wohngegend. Bildungsbürger lebten hier, zu allen Bewohnern habe es gute nachbarschaftliche Beziehungen gegeben, erzählt Geipel. Gegenüber ihres Elternhauses lebten zwei Familien Rothschild sowie die Familien Haas und Oppenheimer – Juden, die »mindestens so deutsch waren wie wir. Die Kinder waren meine Spielkameraden.«

 

Enge Freundschaften

Mit dem Nachbarmädchen Inge Rothschild war Geipel eng befreundet. »Die ging bei uns ein und aus und ich bei ihnen genauso. Die jüdischen Familien hatten auch christliche Haushaltshilfen, genau wie wir. An meinem ersten Schultag war meine Mutter verhindert. Frau Rothschild hat mich an die Hand genommen und mich mit Inge in die Schule gebracht.« Ab 1934 musste Inge Rothschild die Jüdische Schule in Bad Nauheim besuchen. Die Freundschaft blieb bestehen. »Später ist sie durch den Zaun geschlüpft, um mich zu besuchen. Die Juden wollten andere Deutsche nicht in Gefahr bringen.« Christen, die in Häusern von Juden wohnten, mussten ausziehen. Das betraf den Direktor der Augustinerschule. Die Verfolgung der Juden habe ganz langsam begonnen. Irgendwann hätten Schilder an den jüdischen Geschäften gehangen. »Kauft nicht bei Juden«, stand drauf.

Dann kam der November 1938. »In Friedberg ging es am 8. November los«, erinnert sich Geipel. Judenhass habe man zuvor in der Ludwigstraße nicht gekannt. Jetzt wütete er auf der Straße. Es sei nicht die Hitlerjugend gewesen, die randaliert habe, sagt Geipel. Sie kennt Namen, kann die Täter verschiedenen Familien zuordnen. »Das waren Rabauken.« Sie stürmten die Wohnungen, verwüsteten die Einrichtungen, warfen Mobiliar aus dem Fenster. »Das war irrsinnig, die haben alles auf die Straße geworfen.«

 

Fotos vernichtet

Der Vater Rothschild hatte sich im Schrank versteckt. »Fast wäre er mitsamt Schrank aus dem Fenster geworfen worden. Er konnte sich aber noch retten.« Viele Jahre später sei sie gefragt worden, warum ihre Familie nicht eingeschritten sei. »Weil die Polizei daneben stand. Mein Vater hat Fotos gemacht. Das wurde bekannt, und als jemand die Fotos abholen wollte, hat er den Film aus der Kamera gezogen und ihn so belichtet. Deshalb gibt es von der Aktion heute keine Fotos mehr.«

Geipels Vater bewies noch einmal Zivilcourage. Als er erfuhr, dass Nachbar Rothschild für eine Nacht in Polizeigewahrsam genommen worden war und ohne Jacke im Gefängnis saß, bracht er sie ihm. »Ein Beamter hätte das damals nicht gewagt«, sagt die Tochter. Der Vater, im Ersten Weltkrieg See-Offizier, arbeitete damals als Kaufmann, war ab 1939 Kommandant bei der Seenotrettung.

 

Den Kontakt aufrechterhalten

Die Familie Rothschild emigrierte nach England und nach dem Krieg in die USA. Der Kontakt zu Inge Rothschild sei bis zu deren Tod nie abgebrochen, erzählt Gertrud Geipel. Auch an die Brüder Erich und Kurt kann sie sich gut erinnern. Mit Inges Tochter Susan, die in den USA lebt, steht sie noch heute in Kontakt, hat neulich erst mit ihr telefoniert.

Auch wenn in den Nachrichten hin und wieder glatzköpfige Neonazis in Springerstiefeln auftauchen – dass der Hass jener Zeit wiederkehren könnte, glaubt Gertrud Geipel nicht. »Es war eine schlimme Zeit, nicht zu vergleichen mit heute. Damals hat der Staat, haben die Nationalsozialisten unter Hitler diesen Hass gefördert und die Voraussetzungen dafür geschaffen.« Das sei heute doch ganz anders.

 

Infobox

Die Novemberpogrome

Möbel und zerbrochenes Porzellan lagen im Vorgarten, Blumen und Steine wurden durch die geschlossenen Scheiben in die Wohnung der Familie Rothschild geworfen. So schilderte es vor zehn Jahren eine andere Friedbergerin, die als Kind in der Ludwigstraße wohnte, im Rahmen eines Erzählcafés. Die jüdischen Bewohner hätten Angst gehabt, die Nazis würden sie totschlagen, erinnerte sie sich. Die Scherben des nächtlichen Überfalls musste der jüdische Hauseigentümer wegräumen, unter Bewachung eines SA-Mannes. Ähnliche Szenen gab es in vielen anderen deutschen Städten: Etwa 400 Juden kamen ums Leben, über 1400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Die Novemberpogrome 1938, organisiert und gelenkt vom nationalsozialistischen Regime, markieren den Übergang von der Diskriminierung der Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung und Vernichtung in den Gaskammern der Konzentrationslager. (jw)

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