Wetterau

AfD sammelt Stimmen für »Normalisierung« nach Rechts

Der neue hessische Landtag wird anders aussehen als der alte, laut Umfragen kommt die AfD auf ein zweistelliges Ergebnis. Andreas Lichert nennt die Ziele der Partei.
07. Oktober 2018, 18:00 Uhr
Jürgen Wagner
Der AfD-Direktkandidat Andreas Lichert aus Bad Nauheim will gegen die »allumfassende linke Indoktrination« ankämpfen und rechte Positionen hoffähig machen. (Foto: Wagner)

Stimmt«, sagt Andreas Lichert. Die AfD könnte den Wahlkampf einstellen. Macht sie aber nicht, auch wenn die rechtspopulistische Partei laut Umfragen auf jeden Fall in den hessischen Landtag einziehen wird. Lichert, Direktkandidat im Wahlkreis 26 (östliche Wetterau) und auf Platz 5 der Landesliste gesetzt, wird dann wie der aus Butzbach stammende Landesvorsitzende Klaus Herrmann (Platz 3) Landtagsabgeordneter. Der Landtag rückt nach rechts.

Mehr Polizei (aber nur mit deutschem Pass). Weniger Zuwanderung. Konsequente Abschiebungen. Eine »deutsche Leitkultur statt Multikulturalismus«. Und ein Sexualkundeunterricht, der »auf den christlichen Wurzeln unseres Landes« basiert, ohne »Indoktrination« auskommt und Homosexualität den Kindern »nicht mehr als gleichwertige Erscheinungsform menschlicher Sexualität« ausgibt. Das sind nur einige der Positionen, welche die AfD im hessischen Landtagswahlkampf vertritt.

 

Gegen die "linke Indoktrination"

»Wir polarisieren«, sagt Andreas Lichert. Es sei nunmal die Rolle der AfD, den Finger in die Wunde zu legen. Dass die Aussagen auf den Wahlplakaten mitunter denen der NPD ähnelten, ficht den 43-jährigen Unternehmensberater, der in Bad Nauheim eine eigene Firma betreibt, nicht an. Nur weil die NPD das gleiche Thema bearbeite, lege man keinen Mantel des Schweigens darüber. Auf die Frage, ob die AfD für einen Rechtsruck im Landtag sorgt, antwortet Lichert: »Es ist eher eine Normalisierung. Rechte Positionen sind legitimer Teil des demokratischen Spektrums.« Lichert, der gute Kontakte in die rechte Szene hat, will das Denken in Links-Rechts-Schemata relativieren: »Durch die AfD findet im Landtag eine Normalisierung nach Rechts statt«, sagt er. Das sei eine Gegenbewegung gegen »die allumfassende linke Indoktrination«. Man vertrete Werte, die vor Jahren noch in der CDU oder der FDP vertreten worden seien.

Im Wetterauer Kreistag ist die AfD bislang nicht besonders aktiv geworden. »Wir absolvieren eine Lernzeit, sind keine Politik-Profis.« Die Möglichkeiten im Kreistag seien ohnehin limitiert. »Außerdem wollen wir keine symbolischen Schaufensteranträge stellen.« Die Wirkung der AfD gehe im Kreistag schon alleine von ihrer Präsenz aus, glaubt Lichert: »Wir halten den anderen den Spiegel vor.«

 

Die Rolle der AfD

Eine Regierungsbeteiligung komme nicht in Frage. »Man muss nicht in der Regierung sitzen, um etwas zu bewegen. Unsere Rolle ist es, Fehlentwicklungen anzusprechen, öffentliche Wahrnehmung zu erreichen und dadurch Veränderungen zu bewirken«, sagt Lichert. Energiewende, Mietpreisbremse, Schulpolitik – hier wie auf anderen Gebieten gibt laut AfD die Ideologisierung die Richtung an. Energie einsparen durch das EEG? »Eine Chimäre.« Die Mietpreisbremse? »Das macht Bauen nicht attraktiver, der Wohnungsmangel wird dadurch nur verschärft.« Auch die Inklusion von Kindern mit Behinderungen ins Regelschulsystem sei aus ideologischen Gründen durchgesetzt worden und gescheitert. Den Klimawandel will Lichert nicht kleinreden. Der menschliche Einfluss darauf sei aber denkbar gering.

Wider den Zeitgeist

Die AfD, dieser Eindruck drängt sich auf, fühlt sich verfolgt. Ängste werden laut, Bedrohungsszenarien aufgebaut. Licherts Ausführungen bestätigen das. Die Kirchen, sagt er, zelebrierten seit 2015 den »gesinnungsethischen Kurzschluss«, die Medien gehorchten dem Zeitgeist und wollten die Bürger erziehen. Siehe die Berichterstattung über die jüngsten Vorfälle in Chemnitz: Über »50 Neonazis« werde groß berichtet, marschiere aber der schwarze Block bei Demonstrationen von Kirchen oder dem DGB mit, werde das als normal angesehen.

Info

Zwei weitere Direktkandidaten

Am 28. Oktober wählen die Hessen einen neuen Landtag. Die Wetterau ist aufgeteilt in die drei Wahlkreise 25 (Süden), 26 (Osten) und 27 (Nordwesten). Der Wetterauer AfD-Vorsitzende Andreas Lichert (43) tritt im Wahlkreis 26 an, steht auf der Landesliste auf Platz 5. Im Wahlkreis 25 tritt Michael Kuger (58) aus Bad Vilbel an. Der Unternehmer in der Personenbeförderungsbranche ist Kreistagsmitglied und will sich gegen den Werteverfall stark machen. Der AfD-Landesvorsitzende Klaus Herrmann aus Butzbach tritt im Wahlkreis 27 an, steht auf dem aussichtsreichen dritten Platz der Landesliste. Der 58-jährige Kriminalhauptkommissar a.D. ist seit 2016 Kreistagsmitglied und Vorsitzender der AfD-Fraktion. (jw/pv)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-AfD-sammelt-Stimmen-fuer-Normalisierung-nach-Rechts;art472,495638

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