Wetterau

Abschied, Trauer, Lebensfreude – der Alltag eines Trauerredners

Wenn Achim Weimer über das Leben eines Verstorbenen schreibt, möchte er den Angehörigen »von der Seele schreiben«. Er ist Trauerredner – und versucht stets, die richtigen Worte zu finden.
08. November 2017, 17:00 Uhr
Sabrina Dämon
Ein Leben ist nicht bloß die Summe aus Eckdaten, sagt Achim Weimer – »es sind die Details, die uns ausmachen.« Etwa die Art, wie jemand über den eigenen Tod spricht, die Witze, die er gemacht hat – solche Beispiele lässt der Trauerredner in seine Rede einfließen. (Foto: sda)

Am Ende teilen wir alle das gleiche Schicksal. Wir sterben. »Der Tod verbindet uns«, sagt Achim Weimer. »Ein Grab ist ein Spiegel.« Der 57-Jährige ist Trauerredner. Noch nicht sehr lange, ein dreiviertel Jahr etwa. Und, sagt er, »Trauer kann uns auch den großen Wert des Lebens zeigen«.

Es war ein Zufall. Oder wie Weimer, der hauptberuflich Schauspieler und Regisseur ist, sagt: »Es kam zu mir.« Der Steinfurther Bestatter Bernhard Laux habe gefragt, ob Weimer eine Rede schreiben und die Zeremonie halten könne. »Mein Herz sagte ja.« Seine erste Rede schrieb er über einen Mann. »Für meine große Liebe«, sagte dessen Frau im Gespräch mit dem Trauerredner. Achim Weimer hörte ihr zu, sah sich Fotos an, ließ sie Geschichten aus dem Leben und vom Sterben ihres Mannes erzählen. Wenig später stand Weimer vor dessen Sarg, er verbeugte sich, zündete eine Kerze an. Dann sprach er über das Leben des Menschen, den er nie kennengelernt hat.

 

Was uns ausmacht

 

Wir sind nicht bloß die Summe aus Daten, die in unserem Lebenslauf stehen. Geboren, aufgewachsen, gestorben. Es sind Details, die uns ausmachen, sagt Achim Weimer. Die, die mehr über einen Menschen sagen als sein Beruf. Einmal zum Beispiel zitierte eine Hinterbliebene im Gespräch mit Achim Weimer ihre verstorbene Verwandte, die, als sie im Sterben lag, sagte: »Jetzt nehmt es nicht so schwer, es ist, wie es ist.«

Wir blenden gerne alle möglichen Gefühle aus. Sobald es uns komisch wird, lenken wir uns ab

Achim Weimer

Eine kleine Anmerkung nur in einem langen Gespräch, eine Erinnerung an einen Moment. Weimer griff das Zitat in seiner Rede auf. Bei der Zeremonie, erzählt er, sorgte dieser Satz für einen einvernehmlichen, ja, man kann sagen schönen Moment. Die Trauernden erkannten die Tote darin, manche haben gelächelt. »Auch das darf sein.«

 

Der Mann, der gerne Pilze sammelte

 

So ähnlich war es auch bei dem Begräbnis des Mannes, der gerne Pilze gesammelt hat. Nach dem Sammeln sagte er stets zu seiner Frau: »Nur Du isst die Pilze, ich muss ja den Krankenwagen rufen.« Dieser Satz in der Trauerhalle. Hier ein Lächeln, dort eine Träne. Ja, so war er, mögen viele gedacht haben.

»Trauer ist eine seelische Medizin. Sie muss einen Sinn haben«, sagt Achim Weimer. »Wenn wir sie zulassen, kann sie uns dazu führen, tiefer über unser eigenes Leben nachzudenken. Und sie mag uns dazu bringen, Liebe und Dankbarkeit zu empfinden« – auch für die Bekanntschaft mit dem Menschen, der nicht mehr da ist, für die Erinnerungen. Umso wichtiger seien diese stillen Momente bei der Trauerfeier. »Wir blenden im Alltag gerne alle möglichen Gefühle aus. Sobald es uns komisch wird, lenken wir uns ab.«

 

Einen guten Abschied nehmen

 

Bei einer Trauerfeier gibt es keine Ablenkung. Es gibt den Moment, der den Abschiedsprozess einleitet. Meistens ist ein Bild des Verstorbenen aufgestellt, Musik läuft. Ein Pfarrer oder eben ein Trauerredner für Menschen, die bspw. aus der Kirche ausgetreten oder konfessionslos sind, spricht – »um den Hinterbliebenen Frieden zu schenken, sie dabei zu begleiten, einen guten Abschied zu nehmen«, sagt Weimer.

Trauer kann uns den großen Wert des Lebens zeigen

Achim Weimer

Die Gespräche mit den Hinterbliebenen beschreibt er als intensiv. Nach dem Gespräch setzt Weimer sich hin und formuliert die Worte, die von den großen und den kleinen Ereignisse aus dem Leben eines Menschen erzählen. Über die guten und angenehmen, aber auch über schwierigere Seiten eines Verstorbenen – »alles gehört zu uns«, die langen Monate der Krankheit genauso wie die sorglosen Zeiten – »all das macht ein Leben aus. Es soll gewürdigt werden.«

 

Das eigene Begräbnis

 

Zum Leben gehört der Tod. Für Achim Weimer nun in gewisser Weise mehr als noch vor einem Jahr.

Sein eigenes Begräbnis – er hat es bereits in Gedanken durchgespielt, hat die »Dramaturgie geschrieben«. Ein Freund soll die Rede halten. »Das zu planen, sich dort hineinzufühlen, braucht vielleicht Mut, doch es ist heilsam.« Er lächelt. »Also wenn man die 50 erreicht hat.« Ob sich sein Verhältnis zum Tod verändert hat, seit er Trauerreden hält? »Eher mein Verhältnis zum Leben«, sagt er. »Ich habe eine gesunde Angst vor dem Tod. Umso mehr empfinde ich heute das Glück, hier unterwegs sein zu dürfen.«

Info

Trauerredner

Trauerredner ist kein geschützter Beruf, sagt Martin Schneller, Leiter der 1. Trauerredner-Akademie in Rödermark. Die meisten Trauerredner sind zwischen 40 und 50 Jahre alt. »Früher war es eine reine Männerdomäne«, mittlerweile habe sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in dem Beruf aber angeglichen. Nach seiner Schätzung gibt es 3000 bis 5000 Trauerredner in Deutschland. Der Butzbacher Achim Weimer ist nebenberuflich als Trauerredner tätig. Er schreibt zudem Gedichte; Beispiele sind auf seiner Webseite zu finden: www.trauerredner-weimer.de. (sda/dpa)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Abschied-Trauer-Lebensfreude-der-Alltag-eines-Trauerredners;art472,342320

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