15. September 2017, 20:08 Uhr

Abreise mit unbekanntem Ziel

15. September 2017, 20:08 Uhr
Zum Gedenken an die Opfer werden am Erinnerungsmal sechs Kerzen angezündet. (cor)

»Als in den frühen Morgenstunden des 15. September 1942, vor genau 75 Jahren, die letzten Bad Nauheimer Juden von der Gestapo abtransportiert und in Ghettos und Vernichtungslager deportiert wurden, war dies das vorläufige Ende jüdischen Lebens in Bad Nauheim.« Mit diesen Worten begann Manfred de Vries, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, am Freitag vor dem Erinnerungsmal in der Parkstraße seine Ansprache, um der letzten jüdischen Mitbürger Bad Nauheims, die zwangsdeportiert wurden, zu gedenken.

Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit wollte die 75-jährige Wiederkehr dieses einschneidenden Ereignisses nicht unbemerkt vorbeiziehen lassen. Sie fand die Unterstützung der Stadt, der jüdischen Gemeinde, der christliche Gemeinden, der AG Geschichte und der Musikschule. Begleitet wurde die Gedenkveranstaltung vom Violinenduo Katharina Mewes und Antonia Schwenk, die gemeinsam mit Musiklehrer Norman Reaves Werke von Henry Purcell und Bartolomeo Campagnoli spielten.

»Bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung waren jüdische Bürger fest in das gesellschaftliche Leben der Stadt einbezogen«, setzte de Vries seine Ansprache fort. Im 19. und 20. Jahrhundert seien jüdische Geschäftsleute, Hoteliers, Ärzte, Lehrer und Anwälte wesentlich am Aufstieg Nauheims zum renommierten Herzheilbad beteiligt gewesen. Das jüdische Altersheim und die Bezirksschule seien Orte der Geborgenheit für alte Menschen und Orte für Erziehung und Bildung vieler Kinder gewesen. Mit der Räumung des Altenheims am 15. September 1942 sei dieses reiche und vielfältige Leben in Bad Nauheim endgültig zerstört worden.

Fast 80 Menschen seien an diesem Tag allein aus dem Bad Nauheimer Altenheim deportiert worden, sagte der neue Bürgermeister Klaus Kreß. »Ein dunkler, schwarzer Tag für diese Stadt – ein Tiefpunkt ihrer Entwicklung.« Es sei für die Opfer eine Abreise mit unbekanntem Ziel gewesen. Nur zwei Menschen hätten überlebt. Kreß dankte der AG Geschichte für ihr Engagement, für die Ausdauer und den Fleiß, das Erinnerungsmal zu realisieren. Es sei wichtig, Mitmenschen mit Toleranz und Menschlichkeit zu begegnen, über den heutigen Tag hinaus.

Theologiestudent Rick Schapöhler rief anhand von Zeugenberichten das erschreckende Schicksal eines Deportierten in Erinnerung. Hermann Liebmann und seine Familie wurden während des Novemberpogroms 1938 in ihrem Haus in der Hauptstraße brutal überfallen. Liebmann verlor durch die Misshandlungen sein Augenlicht. Um das Jahr 1939 zog das Ehepaar Liebmann in das Jüdische Altersheim, Frankfurter Straße 63–65. Frau Liebmann starb 1941. Am 15. September 1942 wurde Hermann Liebmann mit 76 weiteren Bewohnern gewaltsam aus dem Altenheim geholt, auf Lastwagen verladen und nach Friedberg gebracht. Dort verbrachten sie die Nacht in der Turnhalle der Augustinerschule und wurden dann in ein Sammellager nach Darmstadt transportiert. Am 27. September 1942 wurde er in einem Massentransport von Darmstadt aus nach Theresienstadt deportiert. Am 3. März 1943 starb Liebmann im Ghetto Theresienstadt im Alter von 77 Jahren an »Hungertyphus«.

Nach Gebet und Schweigeminute bedankte sich de Vries bei den Teilnehmern. »Ich bedauere es aber sehr, dass niemand von der Türkisch-Islamischen Gesellschaft anwesend war«, erklärte de Vries. Integration bedeute Berücksichtigung der Vergangenheit.

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