31. Juli 2019, 08:00 Uhr

Kurgast Saud I.

1959: Ein König als Goldesel in Bad Nauheim

Bad Nauheim als Nabel der Welt - so fühlten sich viele Bewohner vor sechzig Jahren. 1959 sorgten zwei Könige für Wirbel: Rock ’n’ Roll-King Elvis Presley und Saud I., Herrscher von Saudi-Arabien.
31. Juli 2019, 08:00 Uhr
Als Parkhotel-Kellner hat Karl Goeb König Saud I. 1959 mehrfach bedient und denkt gerne an die Zeit zurück. (Foto: Nici Merz)

Es ist heute kaum noch vorstellbar, was sich während des vierwöchigen Kuraufenthalts von König Saud I. und seines etwa 80 Mann starken Hofstaats im Sommer 1959 in Bad Nauheim abspielte. Mit dem Besuch von Saud ibn Abd al-Aziz begannen in der Kurstadt goldene Nachkriegszeiten, vor allem für Einzelhändler und Ärzte. Denn dem Herrscher folgten im Lauf der Jahre etliche schwerreiche Araber. Über die Zustände im saudischen Königreich, in dem Menschenrechte ein Fremdwort sind, sah man hinweg.

Viele Anekdoten ranken sich um den ersten Besuch des Königs aus dem Morgenland 1959, dem drei Jahre später ein zweiter folgen sollte. Karl Goeb, damals Kellner in Hilberts Parkhotel und ständig in Kontakt mit dem »erhaben-neutralen« Herrscher, rückt einiges gerade. »Die Presse hat die Ereignisse aufgebauscht. Es war sehr interessant, aber nicht dramatisch«, sagt der 79-jährige Bad Nauheimer. Schon bei der Ankunft des Königs, der am 31. Juli 1959 im Cadillac eintraf, waren die Straßen überfüllt. Das setzte sich fort, ständig standen Schaulustige am Hoteleingang, sonntags und bei Veranstaltungen mit König tummelten sich Tausende aus dem In- und Ausland in der Kurstadt.

Gaffer selbst beim Abendessen

»Selbst beim Essen im Restaurant mit den großen Fenstern beobachteten Gaffer von der Dankeskirche aus den König«, erzählt Karl Goeb. Der damals 19-Jährige gehörte meist zum Serviceteam. Auch beim legendären Fauxpas, als ein italienischer Kellner Saud I. eine gefüllte Sauciere auf den Burnus kippte. »Zunächst hielt alles den Atem an, dann gab’s ein Tamtam, Leibwächter und Dolmetscher sprangen auf«, erinnert sich der ehemalige Kellner. Der Herrscher blieb cool, erhob sich langsam, zog sein braunes, mit Goldbrokat verziertes Gewand aus und schenkte es dem Italiener. »Der war sofort von zehn Journalisten und Fotografen umringt. Sie wollten meinem Kollegen das Kleidungsstück abkaufen«, sagt Karl Goeb.

Überhaupt das Essen. Der 79-Jährige beschreibt es als »Hauen und Stechen«. Niemand durfte vor dem König beginnen, niemand nach ihm etwas zu sich nehmen. Da Saud I. sehr schnell aß, musste sich sein Gefolge beeilen, um satt zu werden. Bei mindestens fünf Gängen wurden oft fast volle Platten mit Delikatessen wie Kaviar oder Hummer in die Küche zurückgetragen, wo sich das Personal darüber freute.

Königlicher Besuch in Bad Nauheim: Dolch, Säbel, Maschinenpistole

Zu Karl Goebs Aufgaben gehörte es, morgens vor 7 Uhr im ersten Stock das Frühstück anzurichten. »Auf der Anrichte lag jeden Morgen Sallah, der Kaffeekoch des Königs, der dort schlief. Das Bett benutzte er nicht, weil ihn sein Zimmerkollege nicht in Ruhe ließ«, berichtet der Bad Nauheimer, ohne auf Details einzugehen. Vor der Zimmertür von Saud I. standen stets ein oder zwei Leibwächter, die nicht nur mit Krummdolch und Säbel, sondern auch mit Maschinenpistole bewaffnet waren. »Mit der Zeit freundeten wir uns an. Eines Tages erfüllten sie meinen Wunsch, die Schusswaffen zu zerlegen. Genau in diesem Moment kam der König ins Zimmer. Auch das hatte glücklicherweise keine Konsequenzen«, erzählt Karl Goeb. Kein Mitglied des Gefolges habe sich danebenbenommen. Auch die Frauengeschichten, von denen Boulevardzeitungen berichteten, kann der Bad Nauheimer nicht bestätigen.

Fast zwei Hotel-Etagen waren in der Hand der Saudis. Im Dachgeschoss stand ein modernes Funkgerät, um Kontakt mit der Heimat halten zu können. In einem Zimmer saß der König oft mit zwei Beduinen, die als Geschichtenerzähler mitgereist waren, auf dem Boden. Ausflüge führten den König auf den Johannisberg oder zum Teichhaus. Stets wurde ein thronartiger Sessel aufgestellt, den ein Bad Nauheimer Schreiner gezimmert hatte.

Saud I. und die üppigen Geschenke

Abends warteten im Hotel alle darauf, dass Saud zu Bett ging. »Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Dann schwärmten alle aus in die Lokale.« Mittendrin Karl Goeb, der in den vier Wochen keinen Pfennig für Getränke ausgab. Stets wurde er von Saudis eingeladen. Bei der Abreise des Königs konnte er sich über ein üppiges Trinkgeld freuen. Goldene Uhren schenkte der König dem Direktor, zwei Oberkellnern und einer weiteren führenden Servicekraft.

Für Karl Goeb war es eine tolle Zeit, zumal er damals seine spätere Frau kennenlernte. »Es war wie ein Märchen, aber alles ist wirklich passiert.« Mit Unterbrechungen blieb er bis 1978 im Parkhotel. Dann arbeitete er in Mainz, lebte im Taunus. Ende der 80er Jahre kehrte Karl Goeb nach Nauheim zurück.

Saud I.: Verschwendungssucht

In Bad Nauheim hat sich König Saud ibn Abd al-Aziz bei seinen zwei Aufenthalten 1959 und 1962 großer Beliebtheit erfreut. In Saudi-Arabien war der zweite Herrscher des jungen Königreichs dagegen heftig umstritten. Seine Verschwendungssucht brachte den dank seiner Ölmilliarden eigentlich stinkreichen Staat an den Rand des Bankrotts. Allein in und rund um die Hauptstadt Er-Riad ließ Saud 24 Paläste errichten, der größte kostete laut »Spiegel« eine Milliarde Mark. Auch in der Wetterauer Kurstadt warfen Saud, seine Söhne und das große Gefolge mit Geld um sich. Jagdwaffen, teure Fotoapparate, Schmuck, Schuhe oder Autos - alles, was ihnen gefiel, wurde gekauft. Unsummen wurden für Trinkgelder und Einladungen ausgegeben. Selbst Sallah, Kaffeekoch des Königs, führte nach Angaben des damaligen Hotel-Kellners Karl Goeb stets eine dicke Geldschein-Rolle mit sich.

Eigentlich diente der Aufenthalt des Herrschers der Genesung. Der König litt an Herzschwäche und wurde vom Balneologen Prof. Arthur Weber behandelt - auch mit Wannenbädern. Nebenbei ließ sich der Potentat bei einem Bad Nauheimer Zahnarzt sein Gebiss reparieren - auch dieser Mediziner verdiente sich eine goldene Nase. Zumal noch bei anderen Mitgliedern des Hofstaats bei der Abreise Goldzähne blinkten.

Geboren worden war der spätere König am 15. Januar 1902. Exakt an diesem Tag eroberte sein Vater und Gründer des Königreichs die spätere Hauptstadt Riad. Als ältester Sohn wurde Saud früh auf die Rolle des Herrschers vorbereitet, die er 1953 nach dem Tod seines Vaters übernahm. Weil Saud I. das Land nicht vernünftig führte und den Haushalt ruinierte, kam es schnell zum Konflikt mit seinem Halbbruder Faisal. Schon im Frühjahr 1958 revoltierten Mitglieder der Königsfamilie gegen Saud, der diesen ersten Angriff parierte. Allerdings musste er Faisal als Premierminister mit allen Vollmachten einsetzen. Der baute den Schuldenberg ab.

Der König und seine über 100 Kinder

Als Saud I., der ständig mit großer Entourage im Ausland unterwegs war, 1962 wieder nach Bad Nauheim kam, war er quasi entmachtet. Offiziell durfte er sich noch König nennen, das Sagen hatte aber sein Stiefbruder, der 1959 auch kurz in Bad Nauheim zu Gast war. 1964 war es soweit: Saud I. dankte ab, nachdem ihm gedroht worden war, sein Vermögen zu konfiszieren. Er ging ins Exil, lebte in verschiedenen europäischen Großstädten und starb 1969 an Herzversagen.

»König Saud war der erste Playboy«, sagt Karl Goeb. Er habe Alkohol, Luxus und Frauen geliebt. Er soll über 100 Ehen geschlossen haben und hatte ebenso viele offiziell anerkannte Kinder. Weiteren Nachwuchs zeugte er mit Sklavinnen.

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