15. September 2017, 14:00 Uhr

Vor 75 Jahren

15. 9. 1942: Bad Nauheim ist »judenfrei«

In Bad Nauheim meldeten die Nazis vor 75 Jahren Vollzug: Mit dem Abtransport der Bewohner des jüdischen Altenheims war die Stadt »judenfrei«. Eine uralte jüdische Tradition schien ausgelöscht.
15. September 2017, 14:00 Uhr
Am 15. September 1942, als die Frankfurter Straße nach Hermann Göring benannt war, sind die Bewohner dieser beiden Häuser, die als jüdisches Altenheim genutzt wurden, deportiert worden. Später wurden fast alle ermordet. (Archivfoto: nic)

Wussten Susanne Ziegelstein und ihre Tochter Jettchen was sie erwartet, als sie Anfang September 1942 schriftlich über die bevorstehende Deportation aus Bad Nauheim informiert wurden? Wussten sie, dass diese Mitteilung einem Todesurteil gleichkommt? Die 88-jährige Susanne Ziegelstein lebte seit 1941 im jüdischen Altenheim in der Hermann-Göring-Straße 63 (heute Frankfurter Straße 63-65), ihre unverheiratete Tochter kümmerte sich um sie. Am 15. September 1942 fuhren die Lastwagen vor. Mutter und Tochter wurden zusammen mit weiteren 76 Bewohnern des Heims auf den Ladeflächen zusammengepfercht.

Insgesamt wurden an diesem Morgen 103 Bad Nauheimer jüdischen Glaubens zunächst nach Friedberg und weiter nach Darmstadt gebracht. Die meisten Opfer landeten im KZ Theresienstadt (Tschechien), für Juden eine Durchgangsstation vor dem Transport in die Vernichtungslager. Einige Bad Nauheimer wurden direkt ins KZ Treblinka (Polen) gebracht, wo die Gaskammern warteten.

Fast alle Deportierten wurden getötet

Susanne Ziegelstein und ihre 59-jährige Tochter kamen nach Theresienstadt. Die Mutter verstarb wenige Tage nach der Ankunft. Jettchen Ziegelstein traf am 29. Januar 1943 in Auschwitz ein. Wie und wo sie ums Leben kam, ist nicht bekannt, offiziell gilt sie als »verschollen«. Fast alle der 103 Bad Nauheimer Juden, die am 15. September 1942 deportiert wurden, sind von den Nazis getötet worden.

Die Gestapo und andere lokale Nazi-Verbrecher hatten damit das Ziel, die Kurstadt »judenfrei« zu machen, erreicht. Zumindest die offiziell gemeldeten Bürger dieses Glaubens waren abtransportiert. Von der einst blühenden Jüdischen Gemeinde war nichts mehr übrig. Aufgrund des Engagements vieler Historiker – unter anderem die kürzlich verstorbene Monica Kingreen (Fritz-Bauer-Institut Frankfurt), Stephan Kolb (Autor des Buchs »Die Geschichte der Bad Nauheimer Juden«, Bad Nauheim) und Dr. Thomas Schwab (AG Geschichte Bad Nauheim) – sind viele Details über das Schicksal der Bad Nauheimer Juden bekannt.

Viele Juden wanderten rechtzeitig aus

Da die Kurstadt um ihren internationalen Ruf fürchtete, war es bis 1938 kaum zu antisemitischen Radauaktionen gekommen. Kurzzeitig stieg die Zahl der Juden nach 1933 sogar an, weil das jüdische Kinderheim (Frankfurter Straße 103) gut belegt war und erst 1939 geschlossen wurde. Viele Juden von außerhalb, die ins Ausland flüchteten, ließen ihre älteren Verwandten im Bad Nauheimer Altenheim zurück, in der Hoffnung, sie später nachholen zu können. Zahlreiche jüdische Familien, deren Mitglieder teils seit Generationen als Ärzte, Kaufleute oder Beamte in Bad Nauheim ansässig waren, wanderten rechtzeitig aus.

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Eine Aufnahme aus besseren Zeiten: Bad Nauheimer jüdischen Glaubens flanieren am Kurpark. ...

Von der ursprünglichen Gemeinde wohnte zum Zeitpunkt des Novemberpogroms 1938 kaum noch jemand hier. Nach diesen gewalttätigen Ausschreitungen, zu denen es ab Ende 1938 auch in Bad Nauheim – unter anderem im Altenheim – kam, flüchteten die letzten Juden, die es ermöglichen konnten. Mehrere Kurstadt-Bürger waren nach dem Pogrom im KZ Buchenwald eingesperrt und mit der Auflage entlassen worden, auszuwandern.

278 Holocaust-Opfer

Zurück bleiben mussten vor allem die Bewohner des Kinderheims, die 1939 zunächst nach Frankfurt umzogen und später ebenfalls meist der »Endlösung« zum Opfer fielen, und die Alten. Wie viele Juden 1933 noch in Bad Nauheim wohnten, ist nicht bekannt – Stephan Kolb schätzt deren Zahl auf 500 bis 600. Im Herbst 1942 war davon wohl niemand mehr übrig. Laut Schwab wurden 278 Juden, die für kurze Zeit oder länger in der Kurstadt gelebt haben, Opfer des Holocaust.

Nach Kriegsende wurde die Jüdische Gemeinde überraschend schnell wiederbelebt (siehe Kurzinterview). Im Gegensatz zu den meisten anderen Städten in der Region war die Bad Nauheimer Synagoge 1938 nicht komplett zerstört worden. US-Soldaten jüdischen Glaubens und sogenannte Displaced Persons (ehemalige KZ-Insassen oder Zwangsarbeiter) trafen sich am 22. Juni 1945 zum deutschlandweit ersten jüdischen Gottesdienst in der Karlstraße. Der Grundstein für den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim war gelegt.

 

Kurzinterview

Drei Fragen an Manfred de Vries

Welche Gefühle werden in Ihnen geweckt, wenn Sie sich die Geschehnisse am 15. September 1942 in Bad Nauheim vor Augen führen?

Manfred de Vries: Sehr persönliche Gefühle, da meine Familie mütterlicher- und väterlicherseits in Deutschland zum gleichen Zeitpunkt ähnliches mitmachen musste. Menschen, die deutsche Patrioten in bestem Sinne waren, wurden von einem Tag zum anderen ihre Menschenrechte aberkannt, sie wurden Freiwild. Sie waren der Willkür der Diktatur und deren Helfer ausgesetzt. Sie wurden wie Tiere in Viehwaggons deportiert.

Wie konnte die Bad Nauheimer Synagoge so schnell nach Kriegsende wiederbelebt werden?

 

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Manfred de Vries

De Vries: In Bad Nauheim wurde die 1928 errichtete Synagoge nicht ganz zerstört, aber entweiht. Jüdische GIs der amerikanischen Armee haben sich direkt nach der Eroberung Bad Nauheims darangemacht, die Synagoge wieder herzurichten. Die noch heute genutzte Bestuhlung stammte aus einem Kino. Gerechte Menschen in Bad Nauheim haben unsere Torarollen über den Krieg aufbewahrt und direkt nach dem Krieg der Gemeinde wieder zur Verfügung gestellt. Nur so war es möglich, am 22. Juni 1945 den ersten jüdischen Nachkriegs-Gottesdienst in einer Synagoge auf deutschen Boden zu feiern.

Welche Rolle spielen die Ereignisse von 1942 für uns heute, wie können sie vor allem jungen Leuten vermittelt werden?

De Vries: Die Jugend muss vor einer Wiederholung geschützt werden. Es wird häufig behauptet, es sei genug über die Ereignisse berichtet worden, wir bräuchten keine weitere Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit. Gerade junge Erwachsene verherrlichen die Nazi-Diktatur aber wieder – vereinzelt leider auch in der Bundeswehr und in schlagenden Verbindungen. Diese Leute und Islamisten haben einen gemeinsamen Feind – Bürger jüdischen Glaubens. Um dem vorzubeugen, muss der Jugend die wahre Geschichte nahegebracht werden. Da Holocaust-Überlebende bald nicht mehr berichten können, sehe ich die zweitbeste Möglichkeit in der Darstellung des Judentums in unserer Synagoge. Jeden Monat stelle ich Schulklassen die jüdische Religion vor – als Impfung gegen den Hass. Selbstverständlich schließt das moslemische Jugendliche nicht aus. Gerade mit dieser Gruppe sollte Aufklärungsarbeit geleistet werden, wenn wir eine pluralistische Gesellschaft wollen, in der jeder geachtet wird – egal welcher Religion oder Nation er angehört.

Manfred de Vries ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim. (bk)

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