17. Dezember 2014, 18:03 Uhr

Entrocamento: Neue Partnerschaft in Sicht

Friedberg (cor). Der Europa-Club Friedberg hatte kürzlich die ehemalige Präsidentin des »Comité du Jumelage« Nicole Machuron aus der französischen Partnerstadt Villiers-sur-Marne zu Gast. Im Rathaus berichtete sie über den Ursprung der Verschwisterung ihrer Gemeinde mit Entroncamento in Portugal.
17. Dezember 2014, 18:03 Uhr
Stattlicher Bau: Das Rathaus von Entroncamento (Foto: pv)

Ihr Vortag fand großen Zuspruch, unter den Gästen waren auch Portugiesen aus Friedberg. Ziel der Veranstaltung war es, bei Bürgern und Politik die Neugier zu wecken auf das Land am westlichen Rand Europas, das meist nur durch hohe Arbeitslosenzahlen oder als Fußballnation wahrgenommen wird. Gleichzeitig warb Machuron für eine Erweiterung der deutsch-französischen Partnerschaft um Entroncamento.

Ein erster Schritt war der Besuch einer Friedberger Delegation auf Einladung des Bürgermeisters von Entroncamento, Jorge Farias, Anfang Mai. Ein fünfköpfiges Team – Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender, die Stadträte Dirk Antkowiak und Reinhard Huth, der Stadtverordnete Bernd Stiller und Rolf-Dieter Köbel, Vorsitzender des Friedberger Europaclubs – prüfte damals die Möglichkeit einer Netzwerk-Verbindung zwischen den Städten. Hintergrund: Seit 2013 gelten in der EU neue Vorgaben für Zuschüsse von Partnerschaften. Danach müssen vier Gemeinden, von denen mindestens zwei verschwistert sind, in zwei Jahren drei Projekte auf die Beine stellen. Auch eine Einbindung des englischen Komitees wäre daher möglich, obwohl Bishop’s Stortford bekanntlich die Partnerschaft auf politischer Ebene bereits 2011 aufgekündigt hatte.

Machuron stellte die mögliche neue Partnerstadt vor. Entroncamento ist wie Friedberg eine Kreisstadt und liegt etwa 100 Kilometer nördlich von Lissabon. Viele der gut 22 000 Einwohner arbeiten in der Hauptstadt Portugals. Die Stadt liegt verkehrsgünstig an zwei Autobahnen sowie an einem Eisenbahnkreuz (daher der Stadtname, der »Kreuzung« bedeutet). Große Arbeitgeber sind das Ausbesserungswerk der Eisenbahn und ihre Zentrale sowie das Militär. Die Arbeitslosigkeit beträgt 15 Prozent. Es gibt genossenschaftliche Einrichtungen wie eine Ferienanlage und eine Markthalle, ein großes Schwimm- und Sportzentrum, einen Freizeitpark und ein internationales Schulzentrum. Im Stadtbild beeindruckt besonders die Sauberkeit. Es gibt Mülltrennung und Car-Sharing mit Elektroautos.

Die Folgen des Krieges

Machuron bot mit eindrucksvollen Bildern eine Rundreise von Lissabon bis Porto und vermittelte einen sympathischen Eindruck von Land und Leuten. Anschließend lud der Europaclub die Besucher zum Gedankenaustausch mit portugiesischem Wein und französischem Käse ein, das Rainer Bothe und Dieter Koch vorbereitet hatten.

Die Ursprünge der Verschwisterung mit Villiers-sur-Marne reichen zurück bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Frankreich hatte durch die Zerstörungen während des Krieges einen großen Bedarf an Wohnungen und Industrieanlagen. Durch die Kolonialkriege in Indochina und Algerien waren viele junge Männer dem Arbeitsmarkt entzogen worden oder gestorben. Der »Baby-Boom« (1955-1965) sowie die Repatriierung der Algerien-Franzosen verstärkten den Wohnungsmangel. Ausländische Handwerker und Hilfskräfte wurden gebraucht. Sie kamen meist von der iberischen Halbinsel, wo Diktaturen in Spanien (General Franco) und in Portugal (Salazar bis 1974) die freiheitsliebenden Menschen ins Exil trieben.

Die portugiesischen Kolonialkriege in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau ließen viele junge Männer ohne ihre Familien nach Frankreich fliehen, wo sie sich am Rande der großen Städte wie Paris (und so auch in Villiers-sur-Marne und der Nachbargemeinde Champigny-sur-Marne) niederließen. Bis zu 10 000 Menschen wohnten dort in selbstgebauten Blechhütten ohne fließendes Wasser, Strom und sanitäre Anlagen. Sozial engagierte Bürger erreichten, dass die Notbehausungen durch ordentliche Gebäude ersetzt wurden. Den Bewohnern, viele davon An-
alphabeten, bot man Sprachkurse an. Die Familien der Portugiesen zogen nach, die Kinder besuchten französische Schulen, Freundschaften wurden geschlossen, so auch zwischen André Tequi und Manuel Bilreiro, einem Portugiesen mit guten Französisch-Kenntnissen. Als Bilreiro in Rente ging und zurück nach Entroncamento zog, blieben die Freunde in Kontakt, die Idee einer Verschwisterung der Städte wurde geboren. Der erste Austausch fand 1989 statt. 2014/2015 wird die Partnerschaft 25 Jahre alt. Gefeiert wird zusammen mit der 50-jährigen Verschwisterung mit Bishop’s Stortford und Friedberg an Pfingsten 2015 in Villiers-sur-Marne. Dort beträgt der portugiesische Anteil der Bevölkerung heute etwa 17 Prozent, ihre Marktstände am Sonntag sind unübersehbar.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos