17. September 2014, 17:58 Uhr

Wandervögel: Zeitzeuge berichtet vom NS-Widerstand

Friedberg (gk). Sonntag kurz nach 18 Uhr im »Backstage«: Die vom Alter gebeugte Gestalt in schlohweißem, langem Haar betritt das Podest, rückt das Mikrofon zurecht, beginnt zu erzählen. Herbert Westenburger (94) ist einer der letzten Überlebenden des »Nerother Wandervogels«, eines der Mitglieder der Bündischen Jugend.
17. September 2014, 17:58 Uhr
Herbert »Berry« Westenburger« (rechts) liest aus seinen Lebenserinnerungen. (Foto: Gerhard Kollmer)

Als über 80-Jähriger hat »Berry«, wie er von Weggefährten und Freunden genannt wird, seine Lebensgeschichte auf 300 Seiten zu Papier gebracht. »Wir pfeifen auf den ganzen Schwindel«: Das vom Historischen Museum Frankfurt und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung geförderte Buch berichtet von der Verfolgung der »Nerother« nach 1933 und ihrer Weigerung, sich »gleichschalten« zu lassen – wie der Großteil des »Wandervogels«, der in der »Hitlerjugend« aufging.

Aus großbürgerlichem Frankfurter Milieu stammend, schließt sich der erst 12-Jährige 1932 den »Nerothern«, einem Bund von Freidenkern und »Desperados« (wie er sie nennt) an. Es sind wilde Gesellen, die auf die bürgerliche Gesellschaft und ihren verlogenen Moralkodex pfeifen. Sie wollen frei, ungebunden, niemandes Knecht sein. »Wilde Gesellen«: So lautet auch der Titel eines Wandervogelliedes, das Mitglieder des Pfadfinderbundes »Die Kreuzfahrer« im »Backstage« anstimmen. »Wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht, Fürsten in Lumpen und Loden, zieh’n wir dahin, bis das Herze uns steht, ehrlos bis unter den Boden. « Solche heute seltsam fern und fremd anmutende Texte vermitteln eine Ahnung vom Weltbild der Bündischen Jugend vor 1933.

Von den Nazis verboten

Nach Hitlers »Machtergreifung« schmelzen die »Nerother« auf wenige kompromisslose Mitglieder zusammen und schließen sich einer in die Illegalität verbannten autonomen Jungenschaft an. »Wir wollten unbedingt durchhalten. Die Freiheit haben, das Lied zu singen, das ich möchte, dahin zu fahren, wohin ich möchte: Das war mein Antrieb«, heißt es in »Berry« Westenburgers Lebensbuch. 1938 fliegt die Gruppe auf; Westenburger landet im Frankfurter Gestapogefängnis »Klapperfeld« und wird dort Monate festgehalten. Eindrucksvoll schildert er den Alltag im Knast und die Verhöre durch die Gestapo. Seine Freilassung verdankt der »Mischling zweiten Grades« mit einer halbjüdischen Mutter, die in Auschwitz ermordet wird, dem Kriegsbeginn im September 1939. Als dringend benötigtes Kanonenfutter kommt er an die Westfront, später zur Flak in die Reichshauptstadt Berlin und landet schließlich beim Afrikakorps. Bewegend ist Westenburgers Verlesung von Briefen seiner Kameraden an ihn. Sie mussten an anderen Schauplätzen Kriegsdienst für die braunen Henker leisten. 1943 gerät er in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Zwei ausführlich geschilderte Fluchtversuche scheitern. Nach erfolgreicher »Reeducation« sieht er im Januar 1946 seine – fast völlig zerstörte – Heimatstadt Frankfurt wieder. In der elterlichen Villa im Westend sind Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten untergebracht.

»Wir müssen Spuren hinterlassen, damit andere uns folgen können«: Getreu dieser Devise wirkt der knapp 30-jährige Westenburger nach 1948 an der schwierigen Neugründung der Bündischen Bewegung mit. Ein ungebrochenes Anknüpfen an die Blütezeit des »Wandervogels« vor 1933 wird es allerdings nicht mehr geben. Für sein unermüdliches Engagement erhält »Berry« 2010 das Bundesverdienstkreuz. Auf deutschlandweit über 75 Lesungen hat er vor allem jungen Menschen wertvolle Einblicke in den kleinen Teil der bündischen Jugend gegeben, der sich einer Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten kompromisslos verweigerte. Mit dem Lied von den »Moorsoldaten« geht ein eindrucksvoller, bewegender Abend im »Backstage« zu Ende.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Gestapo
  • Hessische Landeszentrale für politische Bildung
  • Historisches Museum Frankfurt
  • Hitlerjugend
  • Überlebende
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos