05. Juni 2014, 13:38 Uhr

Kreis verliert, Alligatorfarm bleibt

Friedberg-Ockstadt (chh). Der Wetteraukreis beißt sich an der Alligatorfarm von René Renz die Zähne aus. Nach dem Gießener Verwaltungsgericht ist der Kreis jetzt auch am Hessischen Verwaltungsgerichtshof gescheitert. Somit darf Renz seine Alligatorfarm weiterhin betreiben.
05. Juni 2014, 13:38 Uhr
Zufrieden ist René Renz trotz des Urteils nicht. Die Folgen waren für den Dompteur zu immens. (Foto: Red)

13 Jahre ist es jetzt her, dass René Renz auf dem Gelände des ehemaligen Bundeswehrdepots seine »Alligator-Action-Farm« gebaut hat. 13 Jahre, in denen Schulklassen die Riesenechsen bestaunten, Kinder ihre Geburtstage feierten und Gänsehaut bekamen, als Renz seinen Kopf in die Mäuler der Krokodile steckte. Was die Besucher begeisterte, war Tierschutzorganisationen von Anfang ein Dorn im Auge. Sie sahen in der Farm eine große Gefahr für die Besucher und in der Haltung der Reptilien ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Eine neue Stufe der Kritik erlebte Renz, als am 7. Juni 2013 die Elefantenkuh Mädi in einem estnischen See starb. Ein Youtube-Video zeigte, wie Renz kurz vor dem Tod des Tieres auf dessen Rücken herumsprang. Tierschützer warfen ihm vor, durch die Sprünge das Publikum belustigt haben zu wollen und so am Tod der Elefantenkuh mitschuldig zu sein. Renz wies jede Schuld von sich und argumentierte, mit den Sprüngen habe er vielmehr eine Herzdruckmassage versucht.

Der Tod der Elefantenkuh veranlasste auch den Wetteraukreis, aktiv zu werden. Im Dezember verfügte der Fachdienst Veterinärwesen, dass Renz die Erlaubnis zur Zurschaustellung und Haltung von Wirbeltieren entzogen werden solle, die Krokodilfarm müsse zum 1. März schließen. Renz reichte vor dem Gießener Verwaltungsgericht einen Eilantrag gegen die Verfügung ein. Mit Erfolg. Der Wetteraukreis wiederum legte beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof eine Beschwerde gegen das Urteil der Gießener Richter ein. Ohne Erfolg.

Der Verwaltungsgerichtshof nennt mehrere Gründe für seine Entscheidung. Zum einen »können aus den Umständen des Todes des Elefanten ›Mädi» keine belastbaren Tatsachen entnommen werden, die die Unzuverlässigkeit des Antragsgegners im Sinne des § 11 Tierschutzgesetz begründen könnten«. Der Tod des Tieres und die Rolle von Renz sei umstritten und aufklärungsbedürftig. Andererseits sei es problematisch, »vom Verhalten des Antragstellers gegenüber dem Elefanten ohne Weiteres auf seine Unzuverlässigkeit bei der Zurschaustellung und Haltung von Alligatoren, Schlangen und Leguanen zu schließen«.

Das Argument des Kreises, Renz habe keine Erlaubnis gehabt, das Tier ins Ausland zu transportieren, widerlegen die Kasseler Richter mit dem Hinweis, dass Renz womöglich gar nicht Eigentümer von Mädi gewesen sei. Er habe ausgeführt, dass der Elefant bis zu seinem Tod Eigentum des estnischen Sommerzirkus »Mustang« gewesen sei. Somit sei nicht geklärt, ob Renz für den Transport überhaupt verantwortlich war.

In der Beschwerde führte der Wetteraukreis auch die »wirtschaftlich schlechte Lage« der Alligatorfarm als Argument an. Der Verwaltungsgerichtshof sieht darin aber keinen konkreten Grund, der auf ein tierschutzrechtliches Fehlverhalten schließen lasse. Zu guter Letzt geben die Richter zu Bedenken, dass noch am 8. Januar, also nach dem ursprünglichen Entzug der Haltungserlaubnis, eine Kontrolle der Alligatorfarm keinerlei Beanstandungen ergeben habe.

Eine Klatsche für den Kreis, eine krasse Fehlentscheidung in den Augen der Tierschutzorganisation Pro Wildlife. »Wir sind absolut entsetzt über das Urteil. Jeder, der dieses Youtube-Video gesehen hat und die Expertenmeinung von Tierärzten und Elefantenpflegern kennt, kann nicht nachvollziehen, wie das Gericht zu diesem Urteil kommen kann«, sagt die Sprecherin Daniela Freyer. Wie man in den Sprüngen von Renz eine Herzdruckmassage erkennen könne, sei für Pro Wildlife nicht nachvollziehbar. »Hier wird der Tierschutz mit Füßen getreten.«

Ähnlich argumentiert auch Marcus Stadler. »Wir sind schockiert, dass im Verwaltungsgerichtshof noch nicht angekommen ist, dass nach Paragraf 20 Grundgesetz dem Tier ein hoher schützenswerter Rang einzuräumen ist«, sagt der Sprecher der Wetterauer Grünen. Zudem sei es empörend, dass ein Videobeweis nicht ausreiche, um die unsachgemäße Haltung zu belegen.

Daniela Freyer von Pro Wildlife bringt auch den Sicherheitsaspekt ins Spiel. »Ein Biss genügt, um einem kleinen Kind den Arm abzureißen. Weder aus Tierschutz- noch aus Sicherheitsgründen ist es zu rechtfertigen, diese Farm zu betreiben.«

Die Wut der Tierschützer richtet sich aber nicht nur gegen die Richter, sondern auch gegen den Wetteraukreis. »Ich weiß nicht, ob Gutachten vorgelegt wurden – wir haben sie dem Wetteraukreis auf jeden Fall zur Verfügung gestellt –, aber man hätte die Beschwerde besser begründen können«, sagt Freyer. Die Behörde habe viel zu spät reagiert – und das auch erst nach öffentlichem Druck. »Zuvor wurde jahrelang über die Missstände hinweggeschaut.«

Was die Tierschützer in Rage bringt, dürfte für René Renz ein Triumph sein. Doch am Telefon wirkt der Friedberger resigniert. Nach Feiern ist ihm nicht zumute. Dafür seien die Auswirkungen zu schwerwiegend. Renz sagt, er habe Morddrohungen erhalten, außerdem seien weniger Besucher gekommen. Presse, »radikale Tierschützer« und heimische Politiker hätten sich zudem niemals darum geschert, was mit den Tieren passiere, wenn die Farm hätte schließen müssen.

Ganz überstanden hat Renz die Angelegenheit aber noch nicht. Bis jetzt haben die Gerichte nur über den Eilantrag entschieden, das Hauptsacheverfahren steht noch aus. Doch Renz kann sich berechtigte Hoffnung machen, dass auch hier die Entscheidung zu seinen Gunsten ausfällt. Das sagt auch Michael Elsass, Pressesprecher des Wetteraukreises. »Das Hauptsacheverfahren geht in die gleiche Richtung. Wenn das Gericht im Eilverfahren in diese Richtung entscheidet, liegt es nahe, dass in der Hauptsache ähnlich entschieden wird.« Elsass macht keinen Hehl daraus, wie es dann wohl weitergeht. »Es liegt nahe, dass die Verfügung aufgehoben wird.« Somit wird Renz wohl auch weiterhin für große Augen und dicke Hälse sorgen.

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