12. März 2014, 15:23 Uhr

Onlinehandel: Surfen auf der Kaiserstraße

Friedberg (chh). »Nur Billigläden«, »Ramsch-meile«, »Die Kaiserstraße stirbt«: Auf der Internet- und Facebookseite der WZ ziehen die Friedberger ein verheerendes Urteil über ihre Einkaufsmeile. Viele Geschäftsleute machen auch die Konkurrenz aus dem Internet für den Niedergang verantwortlich. Doch einige machen aus der Not eine Tugend und bieten ihre Produkte selbst im Netz an.
12. März 2014, 15:23 Uhr

Wolfgang Fix vom gleichnamigen Schreibwarenladen hat vor eineinhalb Jahren den Schritt ins World Wide Web gewagt. Mit Erfolg: »Inzwischen verkaufe ich online mehr als im Geschäft.« Was den Internethandel für Fix so profitabel macht: Er ist ein reines Zusatzgeschäft. »Ich habe online keine Kunden aus Friedberg oder Bad Nauheim, sondern eher aus München, Hamburg oder Berlin. Die Kundschaft hätte ich sonst nie und nimmer erreicht.« Der Onlinehandel bringe aber auch andere Anforderungen mit sich. Service und Beratung spielten im Gegensatz zum Ladenlokal kaum eine Rolle. »Der Kunde kauft das günstigste Produkt. So einfach ist das.«

Auch wenn er sich mit dem Internethandel ein zweites Standbein geschaffen hat, über den Zustand der Kaiserstraße ärgert er sich trotzdem. »Die alteingesessenen Geschäfte sterben aus, was wir kriegen, sind 1-Euro-Läden. Der Trend geht eindeutig nach unten, was auch die Schließung des Kaufhauses Joh beweist.« Doch es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. »Momentan profitiere ich davon, dass Joh zugemacht hat.« Kunden, die früher Schulranzen dort gekauft haben, gehen jetzt zu Fix. »Jeder kriegt ein bisschen vom Kuchen ab.«

Online informieren, im Laden kaufen

Auch das Juweliergeschäft Burck vertreibt Schmuck und Uhren in einem eigenen Onlineshop, und das schon seit sieben Jahren. Im Gegensatz zum Schreibwarenladen von Wolfgang Fix macht der Juwelier den meisten Umsatz aber immer noch mit seinem Geschäft auf der Kaiserstraße. »Es wäre auch schlimm, wenn es anders wäre«, sagt Sue van Bömmel, die das Geschäft zusammen mit ihren Mann schon in der vierten Generation betreibt. Auch in anderen Bereichen unterscheidet sich der Onlinehandel der van Bömmels von dem von Fix. »Viele versuchen es über den Preis, das ist aber nicht unser Ziel. Wir setzen vor allem auf Service und Beratung.« Soll heißen: Viele Besucher des Onlineshops informieren sich über das Angebot und stellen telefonisch oder schriftlich Anfragen – oder sie kommen einfach ins Ladenlokal und schließen dort den Kauf ab. Sue van Bömmel: »Das liegt daran, dass wir sehr hochwertige Produkte verkaufen. Die Kunden wollen wissen, wer hinter dem Angebot steht und ob das Geschäft den versprochenen Service auch hält. « Da ihr Kerngeschäft nach wie vor im Ladenlokal liegt, macht sich van Bömmel auch Sorgen um den Zustand der Kaiserstraße. »Das Umfeld ist für uns sehr wichtig. Parkplätze sind ein wichtiges Thema, unschöne und nicht abgeschlossene Baustellen sowie der Leerstand ebenfalls.«

Weniger Kunden im Geschäft

Jens Köhler sieht das ähnlich. »Der Leerstand ist ein Zeichen dafür, dass es viele Baustellen gibt – physische und psychische«, sagt der Geschäftsführer von Intersport Möll. Die Verhältnisse auf der Kaiserstraße hätten dafür gesorgt, dass die Kundenfrequenz deutlich abgenommen habe. Mit dem Onlineshop, den das Sporthaus seit einem Jahr anbietet, sei das nicht aufzufangen. Trotzdem, der Handel im Internet sei profitabel, »er macht aber nur einen kleinen Anteil des Umsatzes aus«, sagt Köhler. Sein Vorteil: Die Intersport-Verbundgruppe kümmert sich um den Internetauftritt, für das Friedberger Geschäft fallen keine Logistikkosten an. »In unserem Onlineshop kaufen die Kunden quer durch das komplette Sortiment, wobei Eigenmarken am besten gehen. « Zwar nehme der eigene Onlineshop dem Ladengeschäft keine Kunden weg – »Stammkunden kaufen bei uns nicht online« –, andere Onlinehändler seien aber sehr wohl eine große Konkurrenz.

Buchhandlungen können ein Lied davon singen, in Zeiten von Ebay und Amazon haben sie es besonders schwer. »Gerade bei DVDs und CDs ist es schwierig. Wir haben zwar gute Preise, aber sobald es andernorts günstiger ist, kaufen die Kunden dort«, sagt Friederike Herrmann, Inhaberin der Buchhandlung Bindernagel. Bei Büchern sei das jedoch anders: »Die sind preisgebunden. Wir konkurrieren also nicht über den Preis. Da wir einen kostenlosen Versand anbieten, ist es bei uns nicht teurer als bei anderen Anbietern.«

Die Buchhandlung bietet schon seit vielen Jahren einen Onlineshop an. »Wir haben den Vorteil, dass ein Händler, der uns auch mit Ware beliefert, unseren Internetauftritt organisiert.« Einen eigenen Shop aufzubauen und zu verwalten wäre wohl auch zu aufwendig, schließlich macht der Onlinehandel bei Bindernagel nur drei Prozent des Umsatzes aus. »Ich sehe das eher als ein ›Wir sind dabei» an. Es ist ein zusätzlicher Service, dass die Kunden rund um die Uhr bestellen können.« Viele würden die Bücher online kaufen und am später in der Buchhandlung abholen.

Auch Friederike Hermann blickt mit Sorge auf die Kaiserstraße. »Wir haben einen Kundenrückgang über die letzten Jahre, der bestimmt auch mit dem Zustand der Kaiserstraße zusammenhängt.« In die allgemeine Kritik will sie dennoch nicht einstimmen. »Das ist mir zu viel Schwarzmalerei. Ich bin Friedbergerin, und ich muss nicht in andere Städte fahren um einzukaufen. Es ist bei weitem nicht so schlimm wie in anderen Städten.«

Trotzdem, viele Friedberger meiden inzwischen die Kaiserstraße. Auf der virtuellen Variante der Einkaufsmeile herrscht hingegen reger Betrieb.

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