10. Januar 2014, 11:48 Uhr

Landratswahlkampf nach dem Hase-und-Igel-Prinzip

Friedberg (jw). Rund 227 000 Wetterauer dürfen in acht Tagen den Landrat wählen. 50 davon waren am Donnerstagnachmittag zum einzigen öffentlichen Streitgespräch des Wahlkampfs ins Seminargebäude der IHK nach Friedberg gekommen; ein nicht geringer Teil davon Parteimitglieder, Mandatsträger, Bürgermeister.
10. Januar 2014, 11:48 Uhr
Amtsbonus oder Überraschungscoup? Landrat Joachim Arnold und Moderator Carsten Jens bei der Diskussion. (Foto: nic)

Eingeladen hatten die Wirtschaftsjunioren Wetterau. Auch wenn, wie Moderator Carsten Jens (HR-Info) am Ende der Diskussion feststellte, die beiden Kandidaten Landrat Joachim Arnold (SPD) und Thomas Herrmann (CDU), Bürgermeister im südhessischen Bensheim, bei vielen Themen nicht weit auseinander liegen, zeigten sich den Zuhörern doch zwei ganz unterschiedliche Politikertypen. Und immer wieder wurde man an das Märchen vom Hasen und dem Igel erinnert.

Der Auftritt der beiden Protagonisten hätte nicht unterschiedlicher sein können. Als Landrat Arnold den Raum betritt, räumt er als erstes zusammen mit zwei Wirtschaftsjunioren den Tisch, die Stühle und die Namensschilder weg. »Das brauchen wir nicht.« Zwei Stehtische werden platziert, die Kandidaten stellen sich den Wählern, könnte man das deuten. »So sehen uns die Leute besser«, sagt Arnold und freut sich beim Händeschütteln, dass die CDU-Politikerin in der ersten Reihe heute ganz in Rot erschienen ist. »Extra für mich«, uzt er.

Als Herrmann den Raum betritt, geht er zielstrebig auf die ersten Sitzreihen zu, schüttelt eine Hand nach der anderen, klopft seinem Gegenüber kumpelhaft auf den Oberarm, zwinkert jemandem in der dritten Reihe zu, strahlt und erweckt den Eindruck, als kenne er bereits sämtliche Wetterauer persönlich. Herrmann, das zeigt sich im Laufe des Nachmittags, kann beim Reden viel effektvoller gestikulieren als sein Gegenüber. Er steht breitbeinig da, wirkt angriffslustig, präsentiert sich aber stets höflich. Arnold nimmt eine in sich ruhende Haltung ein, die man fast staatsmännisch nennen könnte. Der eine, Herrmann, ist im Wahlkampf fast 7000 Kilometer durch die Wetterau gefahren, der andere, Arnold, hat von 55 Jahren 50 in der Wetterau gelebt und kennt hier »jede Ecke«. Hilft am Ende der Amtsbonus oder gelingt Herrmann ein Überraschungscoup wie 2002 in Bensheim, als er als Auswärtiger gegen einen Einheimischen siegte, will Moderator Jens wissen. »Das entscheiden die Wähler«, sind sich beide Kandidaten einig.

»Ich bin schon da!«

Wirtschaftsförderung, Tourismus, Breitband, Finanzen, Flüchtlingspolitik und Energiewende sind die Themen des Streitgesprächs. Auch hier gilt: Weitgehende Einigkeit bei den Kandidaten, nur gehen die Ansichten darüber auseinander, wie viel auf welchem Feld noch getan werden muss. Herrmann will die Wirtschaftsförderung mit dem Tourismus zusammenschließen. »One face to the customer« – ein Ansprechpartner kümmert sich kreisweit um alle Probleme des Kunden, dieses Prinzip müsse gelten. »Wir sind bei der Wirtschaftsförderung bereits hervorragend aufgestellt«, kontert Arnold, das Prinzip gelte bereits. Auch die Breitbandversorgung in der Wetterau will Herrmann vorantreiben. »Wir waren 2009/10 bei den ersten Kreisen in der Breitbandinitiative, haben eine Beteiligungsgesellschaft gegründet, die Sache ist auf dem Weg«, sagt Arnold. Bei der Tourismusförderung will Herrmann will »Pakete schnüren«, »Angebote verknüpfen«, »Kleinode vernetzen«. Arnold winkt ab. Gibt es alles schon, haben wir bereits in die Wege geleitet. Das gleiche Spiel bei der Flüchtlingspolitik: Der Kreis müsse die Städte und Gemeinden, die Flüchtlinge aufnehmen, vorab über die Details informieren, fordert Herrmann. »Machen wir bereits«, sagt Arnold. Auch wenn sich im Publikum Widerstand über diese Sichtweise regt: Es ist wie im besagten Märchen vom Hasen und Igel: Herrmann prescht vor, doch Arnold steht jedesmal schon am Ende der Ackerfurche und ruft: »Ich bin schon da.«

Beim Thema Finanzen hätte Arnold punkten können. Unter seiner Ägide wurde das Kreisdefizit von 50 auf 5 Millionen zurückgefahren, ein ausgeglichener Haushalt (»Als Wölfersheimer Bürgermeister habe ich nur ausgeglichene Haushalte vorgelegt«) ist in Sicht. Als Herrmann sagt, die Politik müsse den kommunalen Finanzausgleich »horizontal und vertikal neu ausverhandeln«, wirft Arnold lediglich das Schlagwort »Alsfeld« in den Raum. Die Stadt im Vogelsberg hat vor Gericht erstritten, dass die Kürzungen der CDU-FDP-Landesregierung beim Finanzausgleich verfassungswidrig sind. Das birgt immer noch politischen Sprengstoff, doch ein wirkliches Streitgespräch kommt nicht in Gang. Auch beim Thema Windkraft weht nur ein laues Wahlkampflüftchen durch den Raum. Mehr Transparenz fordert Herrmann, mehr Bürgerbeteiligung. Wenn man die Menschen aufkläre, wachse auch die Akzeptanz. »Haben wir alles schon«, entgegnet Arnold und erinnert daran, dass CDU und FDP den 2006 aufgestellten Raumordnungsplan blockiert hätten: »Wäre er verabschiedet worden, gäbe es heute bei Münzenberg keine Vorrangflächen für Windräder.«

Neben Arnold (SPD) und Herrmann (CDU) treten am 19. Januar noch Werner Schulz (Linke) und Stefan Jagsch (NPD) bei der Landratswahl in der Wetterau an.



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