01. September 2013, 18:43 Uhr

»Absolutely British«: Musikjuwelen im Jubiläumsglanz

Friedberg (hau). Es ist die heimliche Hymne der »Night of the Proms«. In seiner schlichten Formulierung und bis zur Explosion gesteigerten Instrumentierung vielleicht sogar ein Glaubensbekenntnis: »Music was my first love and it will be my last«. Friedberg hat seine eigene Nacht der großen Musikgefühle zwischen Klassik, Rock und Pop.
01. September 2013, 18:43 Uhr
Dr. Ralph Ziegler

Zwar nicht John Miles himself, aber sein Megahit gehört dazu. Seit zehn Jahren schreibt der »Klasse-Klassik-Sommer« Geschichte, und jedes Mal mag man kaum glauben, dass das Märchen mit der Neuen Philharmonie Frankfurt und Solisten im Zirkuszelt auf der Seewiese weitergeht.

Es geht. Und wie! »Absolutely British« hieß die Jubiläumsausgabe am Wochenende. Genau wie die Premiere im Jahr 2004. Nur dass damals nahezu 100 Musiker und 3000 begeisterte Musikliebhaber auf dem Burgfeld vom Regen überrascht wurden. Die Veranstalter Ovag, Stadt Friedberg und Sparkasse Oberhessen taten gut daran, das Open-Air-Spektakel nach den Regengüssen zur Zweitauflage ins Zirkuszelt zu verlegen. Ein ums andere Jahr auf fantastische Musikreisen durch Europa und Amerika zu gehen, zu Helden, Liebe und Revolution, mag keiner missen, der die Crossover-Show erlebt hat. Jedes Jahr kommen mehr dazu.

Im zwei Mal ausverkauften Zirkuszelt lagen sich auch diesmal die Menschen sozusagen weinend in den Armen, als John Miles’ »Music« nach gut drei Stunden Schwelgen und Staunen den Zugabenblock eröffnete. Strahlende Gesichter und Standing Ovations gehörten den Solisten und Überraschungsgästen, vor allem aber einem Orchester, das unter dem meisterhaft einfühlsamen Dirigat von Jens Troester alle Spektralfarben des Klangs und der Genres direkt in die Blut-, wenn nicht gar Umlaufbahn musizierte.

Standesgemäß hatte das »Kronjuwel« unter den Eigenproduktionen der Neuen Philharmonie Frankfurt mit der britischen Nationalhymne begonnen, diesmal sogar mit Chor. »Uccelli di Canto« mit Dirigent Alexander Franz aus Langenselbold machte nicht nur den royalen Sound perfekt (Her Majesty hätte ihre helle Freude gehabt), sondern griff im Laufe des Abends immer wieder stimmstark ins Geschehen ein: a-cappella mit »You are the new day« von den King’s Singers ebenso wie bei Musical, Pop, Rock und den inoffiziellen Hymnen »Rule Britannia« und »Land of Hope an Glory«.

Dudelsack und Trommel

Spektakulär setzten die »Royal Scots Pipes & Drums« aus Flieden den schottischen Hymnen-Part in Szene. Dass Dudelsäcke und Trommeln mit einem symphonischen Orchester und Sängern zusammengehen und ausgerechnet mit »Muss i denn« das Feld räumen, steigerte die Begeisterung bis zur Ekstase.

Das musikalische Feuerwerk zwischen den hymnischen Flanken führte durch den Insel-Mythos mit all seinen liebenswerten Klischees – liebevoll zusammengesetzt zu einem mitreißend entstaubten Bild. Den Rahmen gestaltete Moderator Dr. Ralph Philipp Ziegler mit einer amüsanten Symbiose aus Anekdote und Information. Derart gut im Bilde, konnten sich Körper, Geist und Seele entspannt auf Händels pompöse Feuerwerks-Musik einlassen, auf einen Ausflug in die sagenhafte, vom Meer durchspülte Fingalshöhle in der Hebriden-Ouvertüre Mendelssohn-Bartholdys und auf die Charakterzeichnungen der »Enigma«-Variationen von Sir Edward Elgar.

Mitten hinein ins britische Herz traf die Zeitreise zu Miss-Marple nebst elektronischem Cembalo. Konzertmeister Ralf Hübner startete den fliegenden Wechsel zwischen Geige und Gitarre, die Kontrabässe mussten sich mit den Sprüngen ihrer Virtuosen an die elektrische Konkurrenz abfinden und bald bebte neben Pauken, Glockenspiel und Röhrenglocken auch der Drummer-Glaskasten, unter weiblicher Besetzung. Wie selbstverständlich führte der magische Weg über Harry Potter’s »Wondrous World« auf die poppige Sonnenseite des Lebens. Zum Monty-Python-Klassiker eröffnete das Reibeisenorgan von Stammgast Achim Dürr den Reigen der großen Crossover-Stimmen. Musical-Star Franco Léon brachte am Freitagabend das unglaubliche Dreieinhalb-Oktaven-Kunststück fertig, das Duett aus dem »Phantom der Oper« in Personalunion an zwei Mikros zu singen. Mit ihrer kraftvollen Stimme im anmutig fragilen Gewand brachte Katrin »Evita« Glenz Glanz auf die Bühne und feuchten Schimmer in die Augen.

Flogen der Sängerin schon bei den behutsam verrockten Klassikern »Amazing Grace« und »Scarborough Fair« die Herzen nur so zu, schien sich beim »Skyfall« – von Jens Troester brandneu für Orchester und Gesang gesetzt – der Himmel zu öffnen. Wahrscheinlich für mehr Klangraum angesichts der Strahlkraft. Oder, wie die Lichttechnik glauben machte, damit Ufos zwischen 3000 Gänsehäuten im Zelt landen können.

Der »Highlander« im Freddy-Mercury-Sound ging ebenso unter die Haut wie The Who und die vier Pilzköpfe aus Liverpool. Die Zuhörer wogten im »Hey-Jude«-Fieber, hätten mit »Let it be« gerne nie aufgehört und schwebten mit »Smoke on the Water« in Richtung Wolke 7. John Miles zur schönsten Droge der Welt: »To live without my music would be impossible to do. In this world of troubles my music pulls me through.«



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