19. August 2013, 10:18 Uhr

Thorsten Schäfer-Gümbel auf Wahlkampftour in der Kaserne

Friedberg . Als der Bus um 19.20 Uhr vor der Kaserne steht, ist das Tor verschlossen. Hinterm Zaun niemand vom Sicherheitsdienst, davor lauter ratlose Gesichter. »Sabotage von der BIMA«, knurrt ein alter SPDler.
19. August 2013, 10:18 Uhr
»Wir brauchen mehr bezahlbaren Wohnraum«: SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel (r.) mit den Kommunalpolitikern (v. l.) Benni Ster, Stefan Lux, Jochen Schmitt und Bürgermeister Michael Keller beim Gespräch in der Kaserne. (Foto: Uebelacker)

Da das Prinzip »Aus der Not eine Tugend machen« aber ursozialdemokratisches Handwerkszeug ist, zeigt Bürgermeister Michael Keller dem hessischen SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel und seinen rund 70 Gästen erstmal die Kaserne von außen. Der Bus kurvt einmal drumherum. »So bekommen Sie eine Vorstellung von den Dimensionen.« 74 Hektar, das ist kein Pappenstiel. »Dafür brauchen wir die Unterstützung von Bund und Land«, sagt Keller. Ohne staatliche Wohnbauförderung, das wird bei der Besichtigungstour am Freitag mehrfach betont, gibt’s keinen bezahlbaren Wohnraum.

»Wenn ich mich vorstellen müsste, hätte ich die letzten fünf Jahre was falsch gemacht«, sagt Schäfer-Gümbel bei der Begrüßung und geht gleich in medias res: »Die Mietpreisentwicklung im Rhein-Main-Gebiet ist dramatisch. Wir wollen 12 500 Wohnungen bauen. Klassischer sozialer Wohnungsbau und Wohnungen für mittlere Einkommen.« Das kostet Geld. Woher nehmen? »Von den großen Vermögen und durch die Bekämpfung von Steuerflucht und -hinterziehung.«

TSG, wie der in Lich lebende hessische SPD-Vorsitzende genannt wird, ist ein hellwacher Beobachter. Im Gespräch drängt er sich nicht auf, aber wenn er, wie meist bei Terminen, von Menschen umringt ist, zeigt er seine Schlagfertigkeit. »Du treibst Dich auch in ganz Hessen rum«, quatscht ihn wieder so ein alter SPDler an. »Ja«, antwortet TSG, »und es macht mir sogar Spaß.« Nach Stationen in Glauberg (Keltenmuseum) und Steinfurth (Rosen-Züchter) informiert er sich in Friedberg über Wohnungsbau. »Am Abend habe ich die Kinder, meine Frau muss in den Ortsbeirat«, erzählt er. Da rollt der Bus längst an der ehemaligen Panzerwaschanlage vorbei und an den Baracken, in denen einst ein Sänger aus Tennessee wohnte; der Mann vom Sicherheitsdienst war dann doch noch aufgetaucht und hatte das Tor aufgeschlossen. Also doch keine Sabotage.

2007 räumte die US-Armee die Kaserne, seither entstand hier eine Art Freilichtmuseum mit urwaldähnlichen Strukturen. Überall wuchern Hecken und Sträucher, zwischen den roten Backsteinbauten, den leeren Garagen, Hallen und Schießständen. Einige Häuser im nördlichen Geländeteil stechen hervor. Wuchtige mehrstöckige Gebäude, errichtet 1913/14 und ab 1937, als zur Vorbereitung des Krieges überall Kasernen hochgezogen wurden. »Architektonische Dutzendware«, sagt Keller. Dennoch lehnt der Denkmalschutz einen Abriss ab, was Keller nicht verstehen kann: »Demokraten bauen Schulen und Wohnungen, und die Nazis haben Kasernen gebaut und blockieren damit heute die Stadtentwicklung.«

Unter den 70 Teilnehmern sind viele, die TSG »halt mal kennenlernen« wollen, wie eine Frau sagt, aber auch ein paar junge Leute, die einfach nur mal die Kaserne von innen sehen wollen. »Echt krass hier«, staunt einer. Viel Platz für Wohnungen. »Der Bedarf ist da. Und es ist gut, dass Friedberg keine Berührungsängste hat und eine Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft ins Boot holt«, sagt Landtagskandidat Jochen Schmitt. »Wer sich hier in Sachen Wohnungsbau engagiert, muss soziale Verantwortung zeigen«, meint Bundestagskandidat Stefan Lux. Viele Menschen könnten die steigenden Mieten nicht mehr zahlen. Das bestätigt Roland Kostial vom Bauverein »Eigner Herd ist Goldes wert«. Es herrsche »Mietwucher«. Vor der Rundfahrt zeigt er in der Housing-Area das Gelände, wo der Verein 18 Wohnungen baut, mit sozialverträglichen Mieten. »Das Ziel ist 5 bis 5,50 Euro pro Quadratmeter.« Prof. Axel Schumann, Vizepräsident der Technischen Hochschule, berichtet vom Boom der THM, die hier ebenfalls baut. Keller stellt die übrigen Projekte vor. »Wir haben Luft nach Süden«, sagt der Bürgermeister mit Blick übers Gelände. Die Stadt kann sich wieder entwickeln. Das gehe aber nicht ohne Hilfe von Bund und Land. Für Thorsten Schäfer-Gümbel ist die hessische Wohnungspolitik »dringend renovierungsbedürftig«: »Es muss wieder ein Grundverständnis dafür geben, dass Wohnungsbau eine öffentliche Aufgabe ist«, sagt er. Bei CDU und FDP sei dies nicht der Fall, das habe der Versuch gezeigt, die Nassauische Heimstätte zu verkaufen. »Auch das Land trägt Verantwortung bei der Stadtentwicklung. « Als sich die Politiker am Ende der Rundfahrt zum obligatorischen Gruppenfoto versammeln, ruft eine Fotografin »Spaghetti«. »Das heißt ›Wahlsieg»«, korrigiert Schäfer-Gümbel. Von dem ist er fest überzeugt. »Wir sehen uns beim Feiern am Wahlabend«, ruft er den Friedberger Genossen beim Abschied zu. Jürgen Wagner



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